AZ-Nachtkritik Tollwood 2015: Konstantin Wecker - das poetische Kraftwerk

Konstantin Wecker Foto: Thomas Karsten

Der Münchner Liedermacher Konstantin Wecker feierte am Freitag beim Tollwood "40 Jahre Wahnsinn". Die AZ-Kritik.

Ein Konzert mit Konstantin Wecker ist eine Zeitreise, nicht nur durch das Leben des Künstlers, sondern auch durch die Geschichte der Bundesrepublik! Wecker erinnert mit seiner fantastischen Band an Stationen seines Lebens.

Beispielsweise 1983, als er Harry Belafonte am Klavier im Bochumer Ruhrstadion begleitete. Er spannt den Bogen von der Friedensbewegung bis zum aktuellen Griechenbashing der Bundesregierung. "Wofür steht eigentlich das S in der SPD von Sigmar Gabriel?",  fragt er und gibt die Antwort: "Satt, saturiert und saudumm!"

„Wut und Zärtlichkeit“, nannte Konstantin Wecker sein vorletztes Studioalbum. Es ist noch immer die beste Überschrift für einen ausgedehnten Abend mit dem Münchner Liedermacher, der so zärtlich für die Poetisierung der Welt singt und so wütend gegen die Missstände unseres Systems, so wie bei der Premier des Revolutionsliedes, bei dem Weckers Entdeckung, die junge Straßenmusikerin Cynthia Nikschas mitwirkt. 

Der "späte" Wecker ist aber auch selbstironischer geworden: Gelassen plaudert er über seine Verfehlungen, seine Gefängniskarriere schon als 19-jähriger und beschießt sein dreieinhalbstündiges Konzert mit einem Bonmot von Karl Valentin: "Merken Sie sich eines: Sie sind nicht auf mich angewiesen, aber ich auf sie!"

Ob er mit seiner fantastischen Band Klassiker intoniert oder neue Songs von seinem taufrischen Album „Ohne Warum“, die Energie des 68-Jährigen ist ansteckend.

Herausragende Momente sind das idealistische Flüchtlingslied "Ich habe einen Traum", das musikkabarettistische Tastenduell mit seinem musikalischen Wegbegleiter Jo Barnikel im unverwüstlichen "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist" und die Hingabe, mit der Wecker  "Buona notte Fiorellino" singt und die Herzen seiner Fans rührt.

Das Ein-Mann-Kraftwerk Wecker lädt sein Publikum im voll gefüllten Tollwood-Zelt mit so viel Idealismus auf, dass man beseelt in die Nacht entschwebt. Und verändert ist - zumindest bis zum nächsten Morgen.

 

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