AZ-Meinung Zweischneidig

Innovative Betriebe können die Lohnsteigerung verkraften. AZ-Redakteurin Susanne Stephan über die Mindestlohn-Debatte.

 

Steuergelder in horrender Höhe für die Banken und den Euro, der stete Verdacht, die FDP zwinge der Union ihren wirtschaftsfreundlichen Kurs auf – für die Kanzlerin wurde es höchste Zeit, sich von ihrer sozialen Seite zu zeigen. Jetzt tut Angela Merkel das mit einem Bekenntnis zum Mindestlohn.

Ihr Ruf nach mehr Geld für Niedrigverdiener klingt ungewohnt, kommt aber nicht überraschend: Schon seit dem Fall der Grenzen für Arbeitnehmer aus osteuropäischen Beitrittsländern der EU hat die Union beim Mindestlohn umgedacht. Hunderttausende arbeitslose Bauarbeiter und Pflegekräfte, während polnische Firmen mit Billiglöhnern in Deutschland die Arbeit erledigen – das wollte Angela Merkel ihrem Wahlvolk nicht zumuten.

In etlichen Branchen sind deswegen bereits Mindestlöhne in Kraft getreten. Branchenübergreifende Mindestlöhne für alle Beschäftigten haben wir aber noch nicht – und sie wären auch zweischneidig. Mancher kleine Friseurbetrieb dürfte dichtmachen, wenn er auskömmliche Löhne zahlen muss.

Was soll’s, könnte man argumentieren – wenn dafür die Ausbeutung in anderen Firmen, die sich gute Löhne sehr wohl leisten können, aufhört. In der Metallbranche hat die Gewerkschaft über Jahrzehnte auf einen Ausleseprozess gesetzt. Nur wirklich innovative Betriebe hatten eine Chance, trotz der erzwungenen Lohnsteigerungen zu überleben. Geschadet hat es der Branche nicht, im Gegenteil – das zeigt die hohe Produktivität, die sie erreichte.

 

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