AZ-Kommentar Alp-Trump in die Zeitenwende

Donald Trump wird nächster US-Präsident. Der Beginn einer Zeitenwende? - Ein Kommentar von AZ-Onlinechef Stephan Kabosch. Foto: Daniel von Loeper, dpa

Jetzt ist es also tatsächlich passiert. Wer gehofft hatte, der Alptraum einer unwürdigen Schlammschlacht würde mit der Wahl des kleineren Übels enden, mit der Kür von Hillary Clinton zur US-Präsidentin, der wacht in einem noch viel schlimmeren "Alp-Trump" auf.

 

Donald Trump wird der 45. Präsident der Vereinigten Staaten. Ein politisch unerfahrener, ein unberechenbarer und unehrlicher Rassist, ein Rüpel und Sexist wird der mächtigste Politiker der Welt. Es wird schwerfallen, sich daran zu gewöhnen. Man reibt sich verwundert die Augen und fragt, wie es soweit kommen konnte.

Donald Trump hat sich die aufgeriebene, zerrissene, verunsicherte Republikanische Partei genommen. Dabei hat man ihn solange unterschätzt und nicht ernst genommen, bis es zu spät und Trump tatsächlich Kandidat war, ohne in Wahrheit Teil der Grand Old Party zu sein.

Viel mehr noch ist diese Wahl weniger eine Entscheidung für Trump gewesen, sondern ein Votum gegen Clinton. Alle, auch die Medien und insbesondere die Umfrageinstitute, haben unterschätzt, wie unbeliebt, ja geradezu verhasst Clinton bei so vielen Amerikanern ist. Vor allem aber ist dieser neue "Trumpismus" ein Sieg der Anti-Politik, ein Triumph des Protests über das Etablierte, der Wut über die Institutionen.

In einem Amerika, dessen Bevölkerungsgruppen und Schichten in immer fremderen Welten leben, denen immer weniger Menschen eine Gestaltungs- oder gar eine Problemlösungskompetenz zutrauen und dabei die krude Vorstellung haben, dass „gewöhnliche Bürger“ (wie eben und ausgerechnet ein milliardenschwerer, steuertricksender Immobilien-Unternehmer!) besser dazu in der Lage sind. Für all das ist Donald Trump nicht die Ursache, er ist das Symptom. Der Unternehmer hat daraus Kapital geschlagen. Und damit nicht nur die einfache Mittelklasse erreicht, sondern auch einen Teil der Besserverdiener.

Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ist eine Zäsur

Und jetzt? Das Historische dieses Ergebnisses ist in seiner ganzen Dimension heute noch gar nicht abzusehen. Fest steht nur: Das einzig Berechenbare an Donald Trump wird seine Unberechenbarkeit bleiben. Sicher, auch ein Präsident Trump muss mit dem Kongress zusammenarbeiten und dabei auch seine Gegner in den eigenen republikanischen Reihen gewinnen. Er wird trotz der Mehrheit in beiden Parlamentskammern nicht einfach so durchregieren. Selbst Trump dürfte an Grenzen stoßen, die ihm die nach wie vor funktionierenden Institutionen und hoffentlich wenigstens ab und zu auch sein Beraterstab aufzeigen.

Aber der Mann im Weißen Haus ist mit einer in Demokratien nahezu einzigartigen Machtfülle ausgestattet. Wenn Donald Trump als Präsident jene Ankündigungen in Politik umsetzt, die er als Wahlkämpfer im Populismus gemacht hat, dann wird es eine Mauer zu Mexiko geben, werden Millionen illegaler Einwanderer abgeschoben, gibt es einen Rückfall in den wirtschaftspolitischen Protektionismus und Zumutungen für die Europäer, eine unverhohlene Drohung mit der Atombombe. Wenn auch nur ein Teil dieses "Programms" kommt, dann wird es ungemütlich und möglicherweise auch gefährlich.

Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten könnte eine Zeitenwende einläuten, sie ist eine Zäsur – für Amerika als Land, aber auch für das Verhältnis der letzten Supermacht zum Rest der Welt. Europa sollte rasch eine Antwort darauf finden. Besonnen, klug und einig.

 

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