AZ-Meinung Die Stunde der Sieger

Der AZ-Chefreporter Matthias Maus über den Putsch in Ägypten

 

Was für Tage am Nil! Wer geglaubt hatte, Ägyptens Revolution wäre im Triumph der Islamisten erstarrt, der hat die Dynamik des arabischen Frühlings gründlich unterschätzt. Nur ein Jahr nach seiner Wahl wurde ein überforderter Präsident aus dem Amt gefegt. Was für ein Signal!

In der Tat. Was für ein Signal ist das eigentlich? Mursi hat alle verprellt, er hat sich als unflexibel, uneinsichtig und unfähig gezeigt. Er hat Demokratie nicht verstanden, er hat seinen Sieg als Freibrief zur Machtübernahme missbraucht. Und dennoch: Was für ein Signal sendet dieser Aufstand an die demokratische Mehrheit, die Mursi ins Amt gebracht hat? Was soll die das nächste Mal noch an die Urnen bringen, wenn das Ergebnis von einem Militärputsch hinweggefegt werden kann?

Wir sind hier parteiisch. Was würden wir eigentlich von den Vorgängen halten, wenn an Mursis Stelle ein gewählter westlich liberaler Präsident weggeputscht worden wäre?

Mursis Sturz ist auch eine Niederlage für die Demokratie, und das macht die Lage nicht einfacher.

Jetzt ist die Stunde der Sieger. Die unberechenbare Kraft auf dem Tahrir muss konstruktiver Vernunft weichen, soll das bevölkerungsreichste arabische Land nicht dauerhaft verloren gehen. Ohne die Sieger der Wahl, ohne die Muslimbrüder wird auch eine zweite Chance für die Demokratie verloren gehen. Und Persönlichkeiten, die diese integrative Rolle spielen können, sind nicht in Sicht.

 

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