AZ-Meinung Bayerisches Schulsystem: Nur noch Flickwerk

"Die Lösung wäre so einfach: länger gemeinsam unterrichten." Die AZ-Redakteurin Anja Timmermann über das bayerische Schulsystem.

 

Heute ist der Tag, an dem sich der weitere Lebensweg aller bayerischen Viertklässler maßgeblich mitentscheidet: Es gibt die berüchtigten Übertrittszeugnisse. Welche drei Noten ein Neunjähriger jetzt in Heimat-& Sachunterricht, Mathe und Deutsch hat, legt fest, ob er später mal Chefarzt werden kann. Nun gibt es viele ehrenwerte Berufe jenseits des Chefarztes, aber kein Land der Welt – außer Österreich – leistet sich noch den Luxus, so viele Talente einfach wegzuwerfen. Indem die Kinder viel zu früh in Schubladen sortiert und einzementiert werden.

Das ganze Modell passt nicht mehr, und da helfen auch all die Herumdoktereien an Einzelteilen nichts. Es ist keine Lösung, nicht die Noten, sondern die Eltern entscheiden zu lassen – Erfahrungen zeigen, dass die soziale Kluft dann erst recht wächst, weil die türkische Putzfrau ihre Tochter eher nicht aufs Gymnasium schickt, aber das Akademikerpaar den Sohn erst recht hinprügelt – und er bezahlt es mit dem Frust, immer der Schlechteste zu sein. Es ist auch keine Lösung, wie es die CSU vorhat, im verkorksten G8 jetzt eilends ein Zusatz-Wiederholungsjahr bei Bedarf einzuführen – dann wird der gleiche überfüllte Lehrplan im gleichen Manager-Wochenpensum nochmal durchgekaut. Nicht umsonst gibt es jetzt das nächste Volksbegehren zum G9 – es spiegelt das Unbehagen über das unrunde System ein weiteres Mal wider.

Die echte Lösung dagegen wäre einfach: die Kinder länger gemeinsam unterrichten, so wie in allen anderen zivilisierten Ländern auch.

 

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