AZ-Kritik Julia Engelmann auf dem Tollwood: Vom Winde verfliegt

Julia Engelmann bei ihrem Auftritt auf dem Tollwood. Foto: dpa

Doppelkonzert beim Tollwood: Julia Engelmann und Joel Brandenstein setzen vor allem aufs Gefühl.

München - Auf einem der Dächer der mannshohen Papp-Großstadtkulisse, die hinten auf der Bühne im weißen Tollwood-Musikzelt aufgestellt wurde, hält sich ein Papp-Pärchen mit dem Rücken zur herabfallenden Häuserfront an der Hand.

Nach suizidalen Absichten sieht das nicht aus, vielmehr nach der Kraft des Zweisam-Seins angesichts all der Abgründe, die sich im Alltag auftun können. Womit man schon beim Alles-ist-doch-gut-Optimismus der Poetry-Slammerin Julia Engelmann ist. Nach der Veröffentlichung ihres musikalischen Debütwerks "Poesiealbum" im November 2017 ist sie auch singend unterwegs, mit einer Stimme, die sich nicht mit Grandezza in irgendwelche Höhen schraubt, sondern am Boden bleibt und ganz okay klingt, was zum Gesamtpaket Engelmann passt.

Ja, es ist alles okay bei ihr, weil nun mal das Leben auch okay ist. Dazu kann Engelmann geschmeidig mit Worten umgehen, womit sie eine überraschend breite Zielgruppe für sich einnimmt. Im Tollwood-Zelt finden sich beträchtlich viele Menschen über 30 und 40, um der 26-jährigen Künstlerin zuzujubeln. Die wirft zur offensichtlichen Stimmungsmache immer wieder Konfetti hoch und wirkt mit ihren zwei Begleitmusikern, einer an den Drums, einer an der E-Gitarre, zwar etwas verloren auf der weiten Bühne, füllt sie jedoch mit natürlich wirkendem Charme und beachtlicher Souveränität. Zwischendurch kann Julia Engelmann richtig virtuos werden, beispielsweise, wenn sie das Alltags-Denglisch in einem rasanten Vortrag von A bis Z durchrattern lässt.

Engelmann setzt auf Ironie

Ironie ist eins ihrer rhetorischen Mittel, aber vornehmlich meint sie es doch ganz ernst, so in ihrem Text "One Day", mit dem sie ihren millionenfach geklickten Durchbruch erlebte. Es geht darum, eines Tages, wenn man alt ist, auf ein satt gelebtes Leben zurückblicken zu können – was zum Engelmannschen Leitmotiv geworden ist.

In "Grüner wird’s nicht" fordert sie ihr Publikum auf, sich den Startschuss zur Existenzveränderung prompt selbst zu setzen. "Nach der nächsten Ebbe kommt der Mut", lautet eine Zeile, die sich später fast identisch wiederholen wird. Denn ein anderer macht das Doppelkonzert komplett: Joel Brandenstein war Industriekaufmann und hat sich über die sozialen Netzwerke zum gefühligen Singer-Songwriter mit Massenappeal gemausert. Er singt: "Denn es wird alles schon vorbeigehen, es wird alles wieder gut. Hab keine Angst zu verlieren, nach jeder Ebbe kommt die Flut."

Was Brandenstein hierbei veranstaltet, ist im Grunde deutscher Schlager, aber "Pop" klingt nun mal besser. Ein Streicher-Trio ist dabei, um den angerauten Schmelz in seiner Stimme zu unterstreichen. Der Schlagzeuger gibt selten Drive, weil Brandenstein vor allem auf Balladen setzt, also wirklich: Balladen, Balladen, Balladen. Darin Poesie wie: "Ich will fliegen, wie der Wind, federleicht so frei..."

Publikum verlässt Zelt nach Engelmann

Ein erheblicher Teil des Tollwood-Publikums fliegt dem 34-jährigen Brandenstein dabei leider weg: Geschätzt die Hälfte verlässt das Zelt, weil sie wohl vor allem wegen Engelmann gekommen sind. Sentimental ist die ja auch, aber vergrault den Hipster von heute nicht, weil sie eben auf die Ebbe den Mut kommen lässt, also einige Hirnwendungen weiter rotiert als der unverblümte Brandenstein.

Die völlige Ironiefreiheit hat aber auch etwas Sympathisches. Zweimal singen Brandenstein und Engelmann zusammen, er taucht in ihrer Hälfte auf, sie in seiner, Yin und Yang, und es ist vor allem rührend, wenn sie sich seinen Pathos hingebungsvoll aneignet: "Einer liebt immer mehr" bringen der Gefühlsbolzen aus Ratingen und die smarte Poetry-Slammerin aus Bremen als Duett auf die Bühne, und es stimmt ja auch: Die Liebe ist selten ein perfektes quid pro quo. Und der Wind fliegt, sowieso.

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