AZ-Kritik "Blackstar": So ist das neue Album von David Bowie

David Bowie ist auf seinem neuen Album für die alten Fans musikalisch kaum wiederzuerkennen. Foto: Sony

David Bowie erfindet sich mit dem Album „Blackstar“ zu seinem 69. Geburtstag wieder einmal neu

 

Im Jahr 2013 schloss sich der Karrierekreis für David Bowie auf wundersame Weise. Zehn Jahre lang war er fast vollständig aus der Öffentlichkeit verschwunden gewesen. Wegen eines Schwächeanfalls bei einem Konzert 2004 galt es als unsicher, ob er jemals zurückkehren würde. Umso größer war der mediale Wirbel, als er das Comeback-Album „The Next Day“ ankündigte. Das war dann auch noch eingängiger, poppiger und besser als alles, was Bowie seit „Let’s Dance“, sprich: in den vergangenen dreißig Jahren gemacht hatte.

Mit „The Next Day“ blickte Bowie unverhohlen nach hinten. Der Sound war konventionell-rockig, er besang seine stilprägenden Berliner Jahre in den späten 1970ern, und das Cover spielte auf großartige Weise mit „Heroes“, dem ikonischen Album dieser Ära. „The Next Day“ war ein Riesenerfolg und rundete eine große Karriere in jeder Hinsicht perfekt ab.

Unabhängig davon widmete im selben Jahr das Londoner Victoria & Albert Museum David Bowie eine große Ausstellung, in die Zehntausende Besucher strömten. Die Ausstellung ging danach auf Welttournee. Einen derart stimmigen Karriereabschluss hat noch kein Rockstar jemals hingekriegt. Zeit also für David Bowie, ein Album zu machen, das die Hörer ordentlich verstört.

Pop-Avantgarde

„Blackstar“, das an seinem heutigen 69. Geburtstag erscheint, ist das Gegenteil von Rückschau, von Museum, von Massentauglichkeit, von „The Next Day“. Es ist düster, unzugänglich, irritierend, stellenweise beängstigend. Bowie hat dafür eine Avantgarde-Jazz-Band um den Saxophonisten Donny McCaslin engagiert. Die hatte ihm eine Freundin ans Herz gelegt, er hat sie in einem kleinen New Yorker Club angehört und ins Studio eingeladen. Mit Jazz hat das Ergebnis aber wenig zu tun, mit Avantgarde schon mehr.

Puh, was sind das schon für pop- und gottlose Akkorde, die das zehnminütige Titelstück eröffnen? Eine E-Gitarre und ein Mellotron zaubern eine grunddüstere Stimmung hervor. Würde Roman Polanski „Rosemary’s Baby“ noch mal drehen, hätte er hier seinen Soundtrack gefunden. Dann setzt ein TripHop-Beat ein. So hätten die Prog-Rocker King Crimson 2016 klingen können. Bowie singt dazu im Scott Walker-Falsett, die Quinte in der Harmoniestimme lässt alles noch unheimlicher klingen. Zwischendrin wabern Elektronik-Sprengsel durch die Stereo-Kanäle.

Nach vier Minuten, der Mund steht noch offen, ist der Spuk erstmal vorbei – jetzt wird es richtig gruselig. Die Band spielt Free Jazz, dazu raunt ein Chor, mit dem die Teufelsfreunde aus „Rosemary’s Baby“ den Leibhaftigen herbei bitten könnten. Mitten in das Unheil kreuzen dann himmlische Synthiestreicher, die in den zweiten Teil des Songs überleiten.

Der kommt zunächst wie eine harmonische, fast klassische David Bowie-Soul-Ballade daher. Doch schon nach wenigen Sekunden zerschießt ein schriller Chor („I’m a Black Star“) den Schönklang. Dann erklingen wieder die Teufelssänger, dann psychedelische Flöten aus der King Crimson-Schule, dann ... kurz gesagt: Nach diesen zehn Minuten ist man fix und fertig.

„Blackstar“ ist ein gewaltiges Stück Musik, nicht unbedingt schön, aber im Wortsinn unerhört. Und plötzlich ist es einfach zu Ende. Der Grund ist – gerade mit Blick auf diese Kunstmusik – bemerkenswert: Eigentlich dauerte der Song elf Minuten, doch auf iTunes dürfen einzelne Songs nur zehn Minuten dauern. Also hat Bowies Produzent Tony Visconti bei 9:57 auf Stopp gedrückt, wie er dem „Rolling Stone“ freimütig erzählte.

Genau hinhören

Andere Stücke sind zugänglicher. „’Tis A Pity She Was A Whore“, ein Highlight des Albums, ist ein tanzbarer Song mit geradem Beat und Achtziger-Synthiesprengseln. In den Zwischenteilen treiben zwei parallele, hypernervöse Free-Jazz-Soli von Saxophonist Donny McCaslin der Ekstase entgegen. „Lazarus“ ist eine fast schon konventionelle Ballade, der freilich ein brutales Gitarren-Riff immer wieder in die Parade fährt. Den Song hat Bowie für ein gleichnamiges Off-Broadway-Musical geschrieben, in dem „Dexter“-Star Michael C. Hall die Hauptrolle spielt – so ein Musical würde man doch gern mal sehen.

Auch das bereits veröffentlichte „Sue (Or In A Season Of Crime)“ hat Bowie mit seinen Avantgarde-Freunden noch mal bearbeitet: mit einem Triphop-Beat, harten Gitarren und düsteren Synthies. Dem folgenden „Girls Love Me“ mit seinem schrillen Gesang beugt sich das Ohr dann nur schwer. Freundlicher klingt „Dollar Days“, dessen Sound teilweise an John Lennons letzte Platte „Double Fantasy“ erinnert. Einen echten Refrain hat aber auch dieser Song nicht. Wer Bowie durch „The Next Day“ (wieder)entdeckt hat, muss „Blackstar“ beim besten Willen nicht mögen. Wer ihn wegen Klassikern wie „Young Americans“ oder „Changes“ mag, schon gar nicht.

Man muss schon ein paar Mal hinhören, um die hohe musikalische Qualität richtig würdigen zu können. In jedem Fall klingt „Blackstar“ wie keine Platte zuvor. Die Retrospektiven kamen 2013 also verfrüht.

David Bowie: „Blackstar“ (Sony Music)

 

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