AZ-Konzertkritik Burt Bacharach im Gasteig: Liebe als Lebensfrage

Grandseigneur im schwarzen Anzug über weißem T-Shirt: Burt Bacharach in der Philharmonie. Foto: Michael Tinnefeld / API

Berührende Legende mit klarer Haltung: Burt Bacharach mit Band und Sängern in der Philharmonie im Gasteig.

 

München - Der Saal steht schon, bevor sich Bacharach an den Flügel gesetzt hat: "What the world needs now is love, sweet love...", erklingt zusammen mit der siebenköpfigen Band, zwei schwarzen Sängerinnen und einen Sänger: "...that’s the only thing, there is just too little of..." Und die Überlebensfrage der Liebe wird das große Thema des Abends bleiben, an dem Bacharach mit lakonischer Weisheit und verzweifeltem Humor das Publikum, an den Flügel gelehnt, anspricht: Es geht um die Waffenvernarrtheit der USA oder das derzeitige "Weiße Haus", das Bacharach als makaber irrwitzig brandmarkt, ohne Trump auch nur der Namensnennung für würdig zu halten.

Burt Bacharach: Bereits in den 60ern bekannt

Aber jetzt ist er in Europa und widerspricht gleich dem Gerücht, er sei zum ersten Mal in München: "Es ist das zweite Mal. Das erste mal war ich hier als Bandleader von Marlene Dietrich." Er war Anfang der 60er ihr "Boy in the Backroom" – übrigens ein Song, der ihm nicht gefiel, wie das Meiste, was er da dirigieren musste.

Dann aber, ab 1963, komponierte Bacharach einfach selbst – und spielt jetzt in der Philharmonie gleich seinen ersten Hit: "Don’t Make Me Over" – gefolgt von einem knapp halbstündigen Groß-Medley der großen Songs, damals gesungen von Dionne Warwick, deren souliges Schwarz-Sein von Bacharach zwar wunderbar Mittelklasse-tauglich weggezuckert wurde, was aber nie zum Schlager führte, weil die Songs dafür einfach zu raffiniert und elegant sind.

Synthesizer-lastige Band und der Liebesbotschafter Bacharach

Akustisch leidet der Abend etwas, weil die Band – wie eine 60er- und 70er-Reminiszenz – zu synthesizer-lastig ist, und ausgerechnet Bacharachs sanft jazziges Spiel auf dem Flügel akustisch untergeht. Man sieht aber, wie Bacharach den Bläsern, der Geigerin oder den Synthie-Spielern Einsätze gibt, manchmal dämpft und allein das Tempo vorgibt: Bacharach der ewige Kontroll-Freak, dessen Perfektionismus schon Warwick zugesetzt hat.

Dabei ist es die tragische Ironie, dass das Schicksal dieser heute 91-jährigen Musiklegende mit deutsch-jüdischen Wurzeln keine Singstimme gegeben hat. Denn wenn Bacharach selbst singt – und er weiß natürlich, warum er seine Songs für andere komponiert hat – klingt sein heiser gebrochener, tiefer Sprechgesang wie von Charlton Heston. Aber während der von "cold dead hands" am Gewehrabzug sprach, hat Burt Bacharach nach dem Schock über die US-Schulmassaker "Live to See Another Day" komponiert. "Lieder können die Welt nicht verändern, aber sie können berühren", sagt Bacharach – und das wiederum löst in Menschen ja etwas Menschliches aus. Hollywood, Politik, Kulturbetrieb: Überall wird im aktuellen Mainstreamzeitgeist auf die "alten weißen Männer" eingehackt. Burt Bacharach aber ist ein Mann, den die Welt braucht: als weiser, lebenserfahrener Liebesbotschafter mit Haltung.

Zum Abschluss: Das mahnende Liebeslied "Alfie"

Nach gut zwei Stunden geht das Konzert mit dem mahnenden Liebeslied "Alfie" zu Ende. Zuvor hatte Bacharach noch von seinen drei Ehen erzählt – und der Langwierigkeit sich in den religiösen USA scheiden zu lassen, außer in Las Vegas, wo man dazu nur ein halbes Jahr seinen Wohnsitz haben muss. Oder man fährt eben nach Mexiko, wo es in einer Nacht geht, worüber er den Song "Mexican Divorce" geschrieben hat.

"Alfie" als Schlusspunkt erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich nicht binden will. Irgendwie scheint sich Bacharach in diesem Song selbst zu spiegeln, wenn er ihn so liebevoll brüchig singt. Das Orchester schweigt dazu fast – und dann liegt soviel Nostalgie, Schönheit und gelebtes Leben im Raum, dass man tief bewegt ist.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading