AZ-Kommentar Anschlag in Nizza: Warum Frankreich?

, aktualisiert am 15.07.2016 - 18:11 Uhr
AZ-Chefreporterin Natalie Kettinger über die Anschläge in Frankreich. Foto: dpa

AZ-Chef-Reporterin Natalie Kettinger nach dem Anschlag in Nizza über den Terror in Frankreich.

Der Anschlag auf das Satire-Magazin "Charlie Hebdo", die blutige Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt, das Massaker in der Pariser Konzerthalle "Bataclan", jetzt die Amokfahrt auf der Promenade von Nizza – kein anderes europäisches Land ist in den letzten Monaten so oft vom islamistischen Terror getroffen worden wie Frankreich. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Seit François Hollande im Januar 2013 seine Truppen nach Mali geschickt hat, um den Vormarsch der Islamisten dort aufzuhalten, befindet sich das Land offiziell im "Krieg gegen den Terror". "Sie fragen, was wir unternehmen werden, wenn wir die Terroristen finden? Sie zerstören", erklärte er damals – eine Kampfansage, die nicht ungehört blieb. Und nicht unerwidert.

2014 war Frankreich zudem eine der ersten Nationen, die sich der US-geführten Koalition gegen den "Islamischen Staat" in Syrien und dem Irak anschloss – die Terror-Miliz hat seitdem mehrmals Rache geschworen.

Geschult für den Terror daheim

So rief IS-Sprecher Abu Muhammad al-Adnani im September 2014 dazu auf, Bürger der Staaten zu töten, die sich an der Koalition beteiligen, "gleichgültig wie – ob mit einem Messer geschlachtet oder von einem Auto überfahren". An erster Stelle nannte er die "gehässigen und dreckigen Franzosen".

Hinzukommt, dass aus keinem anderen Land Europas so viele junge Menschen in den "Heiligen Krieg" nach Syrien ziehen wie aus Frankreich. Zwischen 1.700 und 3.000 sollen dort kämpfen. Zum Vergleich: Die Zahl der deutschen IS-Krieger wird auf 700 geschätzt. Und sie bleiben nicht in Syrien oder im Ausbildungscamp im Jemen.

Der IS schult seine ausländischen Kämpfer längst für Anschläge in deren Heimat. Experten vermuten, dass mittlerweile jeder zehnte europäische Dschihadist mit dem Vorhaben in sein Land zurückkehrt, den Terror dorthin zu tragen – Männer wie einer der "Charlie Hebdo"-Attentäter, einige der Mörder von Paris, der Geiselnehmer aus dem jüdischen Supermarkt oder der Islamist aus dem Thalys-Express. Den Nährboden für ihre verblendete Radikalität bereitet oft genug die Hoffnungslosigkeit in den französischen Banlieus und die Undurchlässigkeit des französischen Systems für Menschen aus den ehemaligen Kolonien – als 2005 die Vorstädte brannten, ist viel über diesen Missstand diskutiert worden. Passiert ist nichts.

 

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