AZ-Interview zum FC Bayern FC-Liverpool-Fan-Experte: Einzigartiges Erlebnis für Manuel Neuer!

, aktualisiert am 18.02.2019 - 20:24 Uhr
Weltmeister-Keeper beim FC Bayern: Manuel Neuer. Foto: imago/ActionPictures

Es ist eine Kultstätte des europäischen Fußballs: die Anfield Road. Vor dem Champions-League-Kracher zwischen dem FC Liverpool und dem FC Bayern sprach die AZ mit Experte Graham Agg über die einzigartige Stimmung in Anfield, die Verbindung der LFC-Fans mit Jürgen Klopp - und über eine Aussage von Manuel Neuer, die zum Boomerang werden könnte.

München/Liverpool - "Ich habe vor der Auslosung gehofft, dass wir die Bayern ziehen." Sagt ein Liverpooler, der den FC Liverpool bestens kennt: Graham Agg. Der Engländer hat sich als Fan rund um die "Reds" einen Namen gemacht, hat er seine eigene Kolumne in der Lokalzeitung "Liverpool Echo" und tut seine Meinung über seinen Herzensverein regelmäßig als Experte bei "BBC Radio Merseyside" kund.

Vor dem Hinspiel im Champions-League-Achtelfinale gegen den FC Bayern (Dienstag, 21 Uhr, live bei Sky und im AZ-Liveticker) erklärte Agg der AZ die sagenhafte Heimstärke der Liverpooler - und er erzählte, was Ex-Bayer Dietmar "Didi" Hamann und LFC-Coach Jürgen Klopp gemeinsam haben.

AZ: Herr Agg, Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat zuletzt erklärt, sehr viel von Jürgen Klopp zu halten. Haben Sie schon Angst, Ihr Trainer könnte Liverpool in Richtung München verlassen?
GRAHAM AGG: Ich glaube, dass Jürgen Klopp überhaupt nicht zum FC Bayern passt. Klopp braucht einen Klub aus einer Arbeiterstadt. Ich könnte ihn mir nie als Bayern-Trainer vorstellen. Er war sieben Jahre beim FSV Mainz, sieben Jahre bei Borussia Dortmund, nun hat er bei uns einen Vertrag bis 2022. Das wären genau sieben Jahre, aber hoffentlich bleibt er länger.

"Der FC Bayern ist eine alte Mannschaft"

Wie haben die Liverpooler Fans denn aufgenommen, dass es im Achtelfinale gegen den FC Bayern geht?
Ich habe vor der Auslosung gehofft, dass wir die Bayern ziehen. Franck Ribéry - 35 Jahre alt; Arjen Robben - 35 Jahre alt; Jerome Boateng - 30 Jahre alt; Mats Hummels - 30 Jahre. Der FC Bayern ist jetzt eine alte Mannschaft. Der Altersdurchschnitt beim FC Liverpool liegt bei 25,5 Jahren. Wir haben eine Mannschaft, die richtig schnellen Fußball spielt. Und ich glaube, dass das den Bayern nicht liegt. Nach dem Hinspiel an der Anfield Road werden wir, denke ich, mit zwei, drei Toren Vorsprung nach München fliegen. Bitter ist nur, dass Virgil van Dijk wegen einer Sperre ausfällt.

Weil der Niederländer defensiv alles zusammenhält?
Er ist der beste Vorstopper im europäischen Vereinsfußball. Man sieht, welche Stabilität er der Abwehr gibt. In der Premier League haben wir Zuhause seit Februar 2018 nur neun Gegentore kassiert (bei 20 Heimspielen, d. Red.), seit van Djik da ist.

Liverpool gilt ohnehin als extrem heimstark, hat von den letzten 34 Liga-Spielen in Anfield nicht eines verloren.
Im April 2017 haben wir zuletzt Zuhause in der Premier League verloren – 1:2 gegen Crystal Palace. Klopp hat aus der Anfield Road wieder eine Festung gemacht. Kein anderer Trainer seit Bill Shankly, der von 1959 bis 1974 in Anfield war, hat den Verein und die Fans so zusammengebracht wie Jürgen Klopp. Er ist wie Shankly ein Motivator, einer, der den Fußball lebt. Und er lebt diese Leidenschaft für Fußball vor. Er hätte nach Spanien oder Italien gehen können, aber weil er ein solcher Motivator ist, müssen ihn die Spieler natürlich verstehen können – auf Englisch.

"Jürgen Klopp findet das Brot hier scheiße"

Er hat angeblich sogar den Dialekt der Merseyside gelernt.
Ja, unglaublich! Genauso wie Didi Hamann, der einst Spieler bei LFC war und immer noch in der Nähe von Liverpool lebt. Scouse heißt der Dialekt. Klopps Englisch ist hervorragend. Er wohnt im Stadtteil Formby, nördlich des Liverpooler Zentrums, nahe Southport (beliebter Badeort in England, d. Red.). Viele Fußballer leben dort. Klopp hat in einem Interview erzählt, dass er alles toll findet hier. Die Leute, die Stadt, die Atmosphäre, nur eines sei scheiße: das Brot! (lacht) Das hat er so gesagt.

Und auf was müssen sich die Bayern-Fans in Liverpool einstellen?
Die europäischen Nächte an der Anfield Road sind weltweit berühmt. Ich habe hunderte E-Mails, SMS und Anrufe von Fans aus ganz Deutschland bekommen, die dieses Spiel live sehen wollen und die diese unglaubliche Stimmung erleben wollen. Ich habe gelesen, dass Manuel Neuer gesagt haben soll, dass der FC Bayern keine Angst vor der Anfield Road haben müsse und Spiele dort nichts Besonderes seien. Ich kann Manuel Neuer versprechen, dass er nie wieder eine solche Stimmung erleben wird, wie am Dienstagabend, 19. Februar, in Liverpool.

Heißt?
Pure Leidenschaft! Es gibt Fans in Liverpool, die nur an Fußball denken. Letzte Woche haben wir gegen Bournemouth 3:0 gewonnen. Gästetrainer Eddie Howe hat danach gesagt, dass die Fans den Unterschied ausgemacht hätten. Der große Vorteil ist aber unsere Heimbilanz gegen deutsche Teams.

Die wie aussieht?
In unserer 127-jährigen Geschichte hatten wir an der Anfield Road im Europapokal 20 Heimspiele gegen deutsche Mannschaften - davon waren 17 Siege und drei Unentschieden. Nicht ein einziger deutscher Verein hat bislang an der Anfield Road gewonnen.

"Große Party mit den Bayern-Fans"

Bei sicher prächtiger Stimmung.
Bei wichtigen Spielen sind die Kneipen und Straßen im Stadtteil Anfield schon Stunden vorher gefüllt. Für den Nachmittag ist diesmal im Stadtzentrum eine große Party mit Bayern-Fans und LFC-Anhängern geplant. Ich bin auch dabei, habe extra einen Tag freigenommen. Dann werden wir mit den Bayern-Fans ein paar Bierchen trinken.

Nicht wenige deutsche Fußball-Fans haben derweil Angst vor "englischen Verhältnissen", sprich, noch mehr Kommerzialisierung und Tickets, die sie sich kaum noch leisten können.
Fußball live im Stadion anzuschauen, ist hier sehr teuer. Meine Dauerkarte für diese Premier-League-Saison mit insgesamt 19 Heimspielen kostet 865 Pfund. Das sind über 1.000 Euro, ohne FA-Cup-Spiele, ohne den Ligapokal und ohne europäische Partien. Aber: Aktuell stehen 71.000 Fans auf der Warteliste für eine Dauerkarte. Ich habe meine Dauerkarte 1989 bekommen, war davor sieben Jahre auf der Warteliste. Heute beträgt die Wartezeit im Schnitt 25 bis 30 Jahre. Die Fans wollen immer noch bezahlen.


Graham Agg, Jahrgang 1966, ist gebürtiger Liverpooler.Seit 1989 hat Agg eine Dauerkarte für die berüchtigte Anfield Road, auch als er zwischen 1985 und 1996 in Deutschland arbeitet. 2005 tritt er dem German Reds Official Supporters Club bei, dem größten Fan-Club von LFC im deutschsprachigen Raum (mehr als 300 Mitglieder). Seit 2011 hat Agg seine eigene Kolumne in der Tageszeitung "Liverpool Echo", zudem ist er regelmäßig als Experte aus Fanperspektive bei "BBC Radio Merseyside" zu Gast.

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