AZ-Interview Wie ticken Männer wie Wedel oder Weinstein?

Clemens Hagen.
Mit einem Skandal in Hollywood hat es angefangen - jetzt diskutiert auch Deutschland wieder über Sexismus. #MeToo - Ich auch - heißt das Hashtag, unter dem Frauen ihre Erfahrungen damit teilen. Foto: Britta Pedersen/dpa

Eine Psychologin erklärt das Phänomen #MeToo – wer verantwortlich ist, in welchen Bereichen der Gesellschaft es auftritt und wie sich Frauen am Besten schützen können.

 

AZ: Frau Böhm, kein Tag vergeht, ohne dass neue Vorwürfe gegen einflussreiche Filmproduzenten, Regisseure oder Schauspieler publik werden. Der Begriff #MeToo hat schon jetzt beste Aussichten, Wort des Jahres 2018 zu werden. Wie kommt’s?
DOROTHEA BÖHM: Stimmt, das ist eine regelrechte Hysteriewelle, die sich da durchs Internet um den ganzen Globus verbreitet. Ich will das – meist Frauen – geschehene Unrecht nicht kleinreden, aber neu ist das Ganze ja nicht. Es handelt sich um Machtspiele, männliches Verhalten, Gewohnheitsrecht, wenn man so will. Das hat es zu allen Zeiten gegeben.

Das klingt sehr abgeklärt!
Soll es auch. Diese Art von Machtspielen wird zu zwei Dritteln von Männern eingesetzt, aber zu einem Drittel sehr wohl auch von Frauen. Seien wir ehrlich: Viele Karrieren hätte es sonst nie gegeben. Interessanterweise kommt es zu solchen Fällen von Missbrauch – oder sich missbrauchen lassen – vor allem in jenen Bereichen der Gesellschaft, in denen subjektiv über Leistung entschieden wird. Im Filmgeschäft sicher – genauso aber an den Universitäten. Begonnen hat hier alles mit dem ehemaligen Rektor der Münchner Musikhochschule, Siegfried Mauser, der wegen sexueller Übergriffe zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde.

Empfinden Sie als Frau kein Mitleid mit Ihren missbrauchten Geschlechtsgenossinnen?
Doch, natürlich tue ich das. Oh Gott, nicht, dass ich noch ein Messer in den Rücken bekomme. Nein, ich spreche mich nur gegen die Bagatellisierung von Missbrauch aus, verglichen mit echter Kriegsgräuel zum Beispiel. Die heute vorgebrachten Fälle sind doch oftmals 20 Jahre oder noch länger her – da ist nichts mehr zu beweisen.

Können sich Frauen – oder auch Männer – gegen Missbrauch schützen?
Ja! Man muss nur aufpassen, dass man sich nicht in kompromittierende Situationen bringen lässt. Wenn ein Regisseur eine Schauspielerin in seine Hotelsuite bittet und ihr dann im Morgenmantel die Tür öffnet, sollte sie halt auf dem Absatz kehrtmachen. Mich hat in Frankreich mal ein Mann recht offensiv gefragt, ob ich nicht mit ihm Abendessen wolle. Da hab ich nur geantwortet: Sagen Sie doch gleich, wenn Sie mit mir schlafen möchten. Damit war die Sache erledigt.

Wagen Sie einen Blick in die Zukunft, bitte. Wird es mit diesen #Me-Too-Fällen jetzt noch endlos weitergehen?
Nein, das glaube ich auf gar keinen Fall. Die Menschen sind jetzt so sensibilisiert. Wenn etwas herauskommt, sind die Täter heute praktisch erledigt. Außerdem denke ich, dass in Deutschland nicht so viele Fälle öffentlich werden wie in den Vereinigten Staaten oder in Großbritannien. Es sind immer die prüdesten Gesellschaften, die sich am meisten aufregen.

 

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