AZ-Interview Werner Herzog: Der Feldherr in seinem Zelt

Preisträgerin Zhao, Herzog und seine Ehefrau Lena Herzog. Foto: Daniel von Loeper

Seine Vulkan-Doku "In den Tiefen des Inferno" ist gerade auf Netflix zu sehen. Jetzt ist Werner Herzog unterwegs nach Italien. In München hat er noch den Werner- Herzog-Filmpreis im Filmmuseum vergeben.

 

München - Der 1942 in München geborene Filmregisseur wurde durch seine Arbeit mit Klaus Kinski berühmt, schuf Filme wie "Stroszek" (1976) und drehte mit Nicole Kidman ("Königin der Wüste", 2015) oder Veronica Ferres, Michael Shannon und Gael García Bernal ("Salt and Fire", 2016). Chloé Zhao wuchs in Peking auf und studierte an der Filmhochschule in New York. Ihr in München ausgezeichneter Film "The Rider" erhielt in Cannes den Art Cinema Award und jetzt den Werner Herzog Preis

Aus Los Angeles ist Werner Herzog mit seiner Frau Lena angereist, um den Werner-Herzog-Filmpreis seiner Münchner Stiftung zu vergeben. Nach der Feier geht Herzog mit Preisträgerin Chloé Zhao auf Bitte der Abendzeitung auf die Wiesn: "Da war ich das letzte Mal vor 40 Jahren". Widerwillig lässt er sich zu einem Foto in der "Revue der Illusionen" hinreißen, dem Traditionsschaugeschäft - unter anderem mit "der Dame ohne Unterleib". Den Zuruf des Fotografen, "Lächeln" quittiert Herzog, ohne den Mundwinkel zu verziehen: "Ich lache nur, wenn ich es für geboten halte!". Er will weiter, gleich ins Zelt! Und wählt das Hackerzelt, "angeblich das ausgelassenste". Und wirklich, hier taut Herzog etwas auf.

AZ: Herr Herzog, Sie suchen in Ihren Filmen oft Einsamkeit oder extreme Natur. Machen Ihnen Massen und Rausch Angst?
WERNER HERZOG: Es gibt eigentlich nichts, was mich beunruhigt.

Können Sie etwas mit dem Rausch als Bewusstseinserweiterung anfangen?
Das ist ein Mythos.

Und was mögen Sie dann am Oktoberfest?
Es ist etwas Archaisches, zurückgehend auf die Met-Hallen der bajuwarischen Stämme.

Schon kommen die Maßn, die Herzog für den Tisch bestellt hat. Er trinkt gleich ohne alberne Prosit-Rituale. Es ist erst 11.30 Uhr, als sich ein Raunen im Zelt ausbreitet: Zwei Dirndlfrauen sind gegen alle Regeln auf einen Tisch gestiegen, um unter anschwellenden Bockgesängen in einem Kampftrinkwettbwerb Maßn zu exen. Herzog unterbricht sofort das Gespräch, steht auf und pfeift mit zwei Fingern im Mund schrill seine Anerkennung heraus.

Jetzt lachen Sie ja doch! Gefällt Ihnen der neue Trachtenrausch?
Es ist schade, wie da die Modeindustrie ihren Schatten darübergelegt hat. Ich habe gar keine Tracht mehr. Aber schauen Sie mal die Burschen am Nachbartisch: Die sind echt! Ich erkenne das aus zehn Kilometern Entfernung von hinten!

Weil Sie im bayerischen Oberland aufgewachsen sind?
Natürlich. Und ich bin auch der Einzige am Tisch hier, der Bairisch versteht. Ich spreche den Chiemgauer Dialekt. ( ...sagt er in lupenreinem Hochdeutsch).

Wie würden Sie einen Dokumentarfilm übers Oktoberfest anpacken?
Gar nicht. Ich komm' hierher, um mein Bier zu trinken. Was ich aber bewundere, sind ja diese Sicherheitsleute: Die packen die Randalierer und führen sie im Laufschritt ab. Denn wer im betrunkenen Zustand schnell mitstolpern muss, ist nur noch damit beschäftigt, das Gleichgewicht zu halten, und kann so nicht mehr zuschlagen.

Wir waren ja gerade in der "Revue der Illusionen". Gilt das nicht für die Wiesn als Ganzes?
Nein, wenn man so einen Krug in der Hand hat, ist das doch was Handfestes! Das gilt auch für die arschfesten Lederhosn. Das hier ist Realität.

Trotzdem könnte "Revue der Illusionen" auch über der gesamten Filmwirtschaft stehen.
Ja. Film ist stilisierte und damit überhöhte Realität und versucht Mythen zu schaffen: Das gilt auch für Chloé Zhao und ihren Film "The Rider". Er hat alles, was ein Film braucht, um zu beeindrucken: Mut, Innovation, eine Vision. Und durch die dokumentarisch wirkende Erzählweise dieser fiktiven Geschichte hat sie auch in der Form überzeugt: Es geht um einen Cowboy, der durch einen Unfall nicht mehr weiter reiten kann, also seinen amerikanischen Traum aufgeben muss.

Wie suchen Sie Mitarbeiter für Ihre Filme aus? Sie waren ja als Dozent an der Hochschule für Fernsehen und Film in München im Gespräch.
Um Gottes Willen. Filmhochschulen taugen nichts. Da ist es besser, Sie nehmen sich drei Monate Zeit und laufen zu Fuß von München nach Syrakus. Da lernen Sie mehr als in drei Jahren Filmhochschule. Der beste Mitarbeiter, den ich je am Set hatte, war aus einem Sondereinsatzkommando für Deeskalation bei Geiselnahmen.

Herzog nimmt vom jungen Keller Julian sein halbes Hendl entgegen, das er mit dem Messer halbiert und tranchiert.

Könnte Vegetarismus die Welt retten?
Das glaube ich nicht. Für mich ist es jedenfalls nichts.

Herzog spricht ganz freundlich den jungen Kellner Julian an. Er will wissen, wie man sich am Morgen konditioniert, um bis abends um elf Uhr durchzuhalten. Und bekommt zur Antwort: "Ich bereite mich nicht auf das Durchhalten an einem Tag vor, sondern auf den Bogen von 17 Tagen", was Herzog sofort Respekt einflößt. Und er erzählt Julian seine Wiesngeschichte:

Ich war als junger Bursche Parkwächter hinter der Wiesn, 16 Tage lang, und musste sieben Stunden täglich den Vogeljakob ertragen, mit immer denselben Witzen. Da kommen Mordgedanken auf! Damals gab es in München noch 300 Verkehrstote im Jahr, keine Anschnallpflicht oder Geschwindigkeitsbegrenzung. Ich hatte die Aufgabe, die völlig Besoffenen davon abzuhalten, in ihr Auto zu steigen. Gut fanden die das nicht, aber anscheinend hatte ich damals schon eine gewisse Autorität, die sie jedenfalls nicht in Frage gestellt haben. Und jeden Abend gab es so ein Dutzend, die nicht einmal mehr gehen konnten. Ich habe sie dann in einer Reihe an den Wiesenrand gelegt, ihnen die Schlüssel abgenommen und bin mit ihren Autos ein wenig herumgefahren. Und oft habe ich dann die Autos alleine weiterfahren lassen, so dass sie im Kreis fuhren.

Die Musikanten fordern wieder zum Anstoßen und Trinken auf. Werner Herzog beendet das Gespräch augenblicklich, um mit ernster Miene aufzuspringen und seinen Maßkrug in die Luft zu halten. Seine Frau Lena fordert er auf, das Gleiche zu tun, auch wenn sie nur Apfelschorle trinkt. "In jeder Situation ein Regisseur", bemerkt sie lachend.

Führen Sie eigentlich ein privilegiertes Leben?
Es gibt keine Privilegien. Alles, was ich tue und tat, habe ich mir hart erkämpft. Mich hinzusetzen und zu sagen, ich mach's mir jetzt gemütlich, kam für mich nie in Frage. Bequemlichkeit macht kein Kino.

Aber hat Ihr Name Ihnen in Amerika nicht Türen geöffnet?
Nein. Wer ich bin und was ich gemacht habe, ist den Amerikanern völlig egal. Man muss jeden Tag wieder von Null anfangen.

Beim Einzug einer Kapelle vom Trachtenumzug steht Herzog auf, kneift die Augen zusammen und blickt wie ein Feldherr auf seine Armee.

Wenn Sie auch nicht viel von Filmhochschulen halten: Was raten Sie dem Nachwuchs, der es trotzdem probieren will?
Halten Sie sich nicht lange mit der Technik und dem Drumherum auf. Suchen Sie nach Geschichten! Fischen Sie im Trüben!

 

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