AZ-Interview Wasserwacht München warnt: Habt Respekt vor der Isar!

, aktualisiert am 04.06.2019 - 07:32 Uhr
So sah es vor etwa einer Woche aus, als die Isar extremes Hochwasser hatte. Foto: anf

Die Wasserwacht hat am Wochenende drei Bootsfahrer aus einer Wasserwalze gerettet. Daniela Haupt (36) gehörte zum Rettungsteam. In der AZ erklärt sie, wann und wo es gefährlich wird.

 

München - Die Sanitäterin Daniela Haupt passt im Sommer an bis zu 20 Wochenend- und Feiertagen in der Nähe des Flaucher-Biergartens auf die Isargäste auf. In den vergangenen acht Jahren hat die 36-jährige Wasserwachtlerin schon Dutzende Notfälle erlebt – einen tödlichen Unfall zum Glück noch nicht. Doch am Wochenende war es wieder einmal knapp: Drei Bootsfahrer gerieten in eine lebensgefährliche Wasserwalze an der Marienklause.

Zum Start der diesjährigen Badesaison spricht Daniela Haupt mit der AZ über Alkohol bei der Bootsfahrt, Wasserwalzen und wie die Isar mit einer einfachen Farbregel gut einzuschätzen ist.

AZ: Frau Haupt, unterschätzen manche Isargäste den Fluss?
DANIELA HAUPT: Definitiv. Das passiert ganz häufig, wie auch am vergangenen Wochenende.

Wasserwacht warnt vor Schlauchbootfahrten in der Isar

Was ist genau passiert?
Drei junge Männer steckten mit ihrem Boot in der Wasserwalze an der Marienklause fest. Sie beachteten die Warnschilder kurz zuvor nicht und hielten sich links statt rechts. Derzeit raten wir ohnehin davon ab, auf der Isar mit dem Schlauchboot zu fahren. Der Wasserstand ist viel zu hoch (am Montag: 1,71 Meter am Müllerschen Volksbad, Anm. d. Red.). Normal beträgt er 60 bis 80 Zentimeter.

Wovor warnen die Schilder genau?
Von Norden aus in Fließrichtung darf man sich nicht von der Sicht täuschen lassen. Links sieht das Wasser ungefährlicher aus. Dort ist es glatt, die spätere Bruchkante sieht man nicht. Danach bildet sich eine lebensgefährliche Wasserwalze. Wer hineingerät, kommt da aus eigener Kraft nicht mehr heraus – völlig egal wie gut man schwimmt. Die Männer hatten unglaubliches Glück.

Rettung aus der Isar durch Wurfsäcke

Warum?
Die Wasserwacht feierte am Samstag zufällig direkt in Sichtweite der Marienklause ihr Sommerfest. Schneller hätten wir nicht eingreifen können. Zwölf Kollegen waren sofort zur Stelle und konnten mit sogenannten Wurfsäcken helfen. Einige Passanten fragten, ob das eine Übung sei. Aber es war richtig ernst. Ohne Hilfe wären die drei in Lebensgefahr gewesen. Die Walze drückt einen immer wieder unter Wasser und bei den momentanen Wassertemperaturen kühlen Sie sehr schnell aus.

Was sind denn Wurfsäcke genau?
Kleine Beutel mit eingewickelten Seilen. Das Seilende halten wir fest. Wenn wir den Beutel dann ins Wasser werfen, kann sich die Person in Not daran festhalten. Und wir ziehen sie heraus. Eine sehr einfache, aber sinnvolle Methode, die keine weiteren Personen in Gefahr bringt. So etwas üben wir regelmäßig.

Warum unterschätzt man diesen Stadtfluss so gern?
Wenn die Isar normalen Wasserstand hat, dann plätschert sie vor sich hin und ist relativ ungefährlich. Sehr angenehm, wenige Strudel, tolle kleine Wasserfälle. Aber wenn der Pegel steigt, entstehen die Walzen.

Wasserwacht hat verschiedene Stützpunkte

Wo bilden sie sich?
Häufig an den Flaucher-Wasserfällen und an der Marienklause. An beiden Orten hat die Wasserwacht einen Stützpunkt.

Was macht die Marienklause so gefährlich?
Hier kreuzt der Düker die Isar. Der Düker ist ein Teil des Isarkanals und wird später zum Auer Mühlbach. Das muss man sich vorstellen wie einen Betontunnel, der die Isar unterirdisch quert. Am Eingang des Dükers, am Werkskanal der Isar, wurde schon vor Jahren ein großes Schild aufgestellt, mit Totenkopf und Warnhinweis. Die Oberkante des Tunnels bildet eine Kante in der Isar. Bei hohem Wasserstand bildet sich hier eine gefährliche Walze.

Und dann retten Sie mich.
Bei sehr hohem Wasserstand rettet Sie der Hubschrauber. Ab einem bestimmten Pegel ist die Gefahr so groß, dass Einsatzkräfte nicht mehr in die Fluten steigen können.

Bei braunem Wasser sollte man die Isar meiden

Ab welchem Wasserstand sollte man die Isar denn meiden?
Die Farbe ist der beste Hinweis. Wenn die Isar braun ist, sollte niemand mehr in die Isar steigen. Wir trainieren zwar auch bei erhöhtem Wasserstand, sind aber sehr gut abgesichert, auch mit Warnposten flussaufwärts. Ein weiterer Warnhinweis ist, wenn Uferstellen überschwemmt sind, an denen man sich am Vortag noch sonnen konnte.

Warum wird das Wasser eigentlich braun?
Weil nach Regen viele Sedimente und Sand hochgespült werden und sich mit dem Wasser vermischen.

Wie verhalte ich mich am besten, wenn ich in eine solche Walze gerate?
Nicht panisch werden. So breit wie möglich machen, damit Sie Auftrieb bekommen und nicht heruntergezogen werden. Das ist aber nicht einfach. Auch sehr erfahrene Schwimmer tun sich damit schwer.

Sind die beiden Hütten der Wasserwacht eigentlich durchgehend besetzt?
Nein, nur an Wochenenden und Feiertagen. Da ist ja auch am meisten los an der Isar.

Wasserwacht München versorgt auch Notfälle außerhalb des Wassers

Und wenn ich außerhalb der Zeiten verunglücke?
Dann kommen die Schnelleinsatzgruppen der Wasserwacht München und die Berufsfeuerwehr. Notarzt, Rettungswagen, Polizei, Helikopter. Volles Programm. Das dauert etwa fünf bis allerhöchstens zehn Minuten.

Hilft die Wasserwacht eigentlich nur, wenn jemand im Wasser der Isar verunglückt?
Nein, auch wenn Sie vom Fahrrad gefallen, den Arm aufgeschürft oder in eine Glasscherbe getreten sind, können Sie zu uns in die Hütte kommen. Wir sind gut ausgestattet und können viele Notfälle erstversorgen.

Wie oft musste die Wasserwacht München im heißen Sommer 2018 an der Isar ausrücken?
Wir hatten etwa 170 Einsätze: Stürze, Schnittverletzungen, Pflaster – und zum Glück keinen einzigen Wassernotfall an der Isar.

Keinen einzigen?
Das Wetter war so warm und niederschlagsarm, dass der Pegel immer niedrig gewesen ist. An den Seen mussten die Kollegen häufiger ausrücken.

Beim Schlauchbootfahren gilt: "Die Ausrüstung muss stimmen"

Wann steigt der Wasserstand am stärksten?
Drei Faktoren sind entscheidend: Starker Regen, Schneeschmelze und eventuell lässt dann noch der Sylvensteinspeicher im Süden Wasser ab. Wenn diese drei Faktoren zusammenkommen, herrscht bei uns größte Anspannung. Wenn zusätzlich das Wetter von heute auf morgen bombig wird und das Wochenende ansteht, herrscht bei uns Alarm. Dann gehen nämlich alle mit ihren Schlauchboten ins Wasser.

Gutes Stichwort. Was halten Sie grundsätzlich von den Hobby-Kapitänen, die von Süd nach Nord treiben?
Ich habe überhaupt nichts dagegen. Solange die Sache vernünftig angegangen wird, macht das doch Spaß.

Was heißt vernünftig?
Die Ausrüstung muss stimmen. Man sollte unbedingt wassertaugliches Schuhwerk tragen, spezielle Neoprenschuhe eignen sich gut. Manche Steine der Isar sind sehr scharf. Hin und wieder liegen auch Glasscherben im Wasser. Bei Hochwasser wie derzeit gilt: Auf keinen Fall das Boot ins Wasser lassen. Die Isar ist ein Gebirgs- und Wildfluss.

Weitere Grundregeln?
Bitte nicht mit Plastik-Schwan, -Palmeninsel, -Einhorn, -Quietschenten oder Plastikflamingo in die Isar steigen. Die Dinger sind kaum zu lenken. Ein gutes aufblasbares Boot sollte immer mehrere Luftkammern haben. Das ist sicherer, falls mal eine Kammer Luft verliert. Außerdem: Verzichten Sie auf Alkohol, wenn Sie über die Isar schippern!

"Auf dem Boden grillen ist absolut gefährlich"

Warum?
Man empfindet die Kälte des Wassers nicht mehr so stark. Die Isar ist selten wärmer als 13 Grad Celsius. Das höchste der Gefühle waren mal kurzzeitig 18 Grad. Und wer angetrunken ins Wasser fällt, kühlt sehr schnell aus. Das ist gefährlicher, als man denkt.

An der Isar wird gerne gegrillt. Worauf sollte man achten?
Die Spiritusflasche ist immer noch der Klassiker. Wir müssen oft Isargästen helfen, die den Spiritus in die Flamme spritzen. Was Sie auf keinen Fall tun sollten: auf dem Boden grillen.

Was ist daran so gefährlich?
Wer Grillkohle auf dem Boden anzündet, erhitzt auch die Steine darunter. Die meisten Leute sind ja so gewissenhaft, dass sie ihre Kohle aufräumen. Aber dann kommen die nächsten und steigen auf die heißen Steine. Wir müssen oft Brandverletzungen an Füßen behandeln.

Was kommt noch häufig vor?
Bienenstiche. Aber das ist meistens eine Lappalie. Außer der Stich ist im Rachen oder jemand hat eine allergische Reaktion. Dann holen wir den Rettungsdienst dazu.

Auf Badeverbotsschilder achten

Was war der gefährlichste Einsatz der Wasserwacht an der Isar, seit Sie in München sind?
Im Sommer 2014 sind einige Schlauchboote in kurzen Abständen gekentert und in die Wasserwalze an der Marienklause geraten. Wir mussten neun Personen aus dem Wasser ziehen, konnten aber alle retten. Das war sehr dramatisch. Bei einem der Helfer löste sich der Sicherungsgurt.

Weitere Tipps, die Sie unseren Lesern mitgeben möchten?
Bitte kein offenes Feuer. Der Geruch von brennendem Holz ist ja ein riesiger Stress für die Tiere im nahen Zoo. Müll mitnehmen ist auch wichtig. Jeder sollte die Isar so verlassen, wie er sie vorfinden möchte. Dann haben die nächsten auch wieder Spaß am Fluss. Und achten Sie auf Badeverbotsschilder. Die stehen nicht zum Spaß herum. Wer sie ignoriert, begibt sich in höchste Gefahr.

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