Sie wollte auf keinen Fall mehr als 50 Kilo wiegen - und zum Haarewaschen brauchte sie einen ganzen Tag. Am 10. September jährt sich Sisis Todestag zum 120. Mal. In seinem neuen Buch, das Ende September erscheint, hat sich Autor Alfons Schweiggert mit der Kaiserin von Österreich beschäftigt. Lesen Sie hier das Interview.

Autor Alfons Schweiggert ist nicht nur Experte, wenn es um Ludwig II. geht. In seinem neuen Buch hat er sich mit der Kaiserin von Österreich beschäftigt.

AZ: Herr Schweiggert, Sisi und Ludwig II. waren ja Seelenverwandte. Warum haben die sich nicht ineinander verliebt?
ALFONS SCHWEIGGERT: Das ging ja nicht. Sisi war acht Jahre älter als Ludwig. Es gibt zwar ein Zitat von ihm, dass er Sisi schon als Knabe geschätzt und verehrt habe, aber Sisi war ja schon mit 16 verheiratet mit Kaiser Franz Joseph, da war Ludwig erst acht Jahre alt. Als Ludwig selbst König wurde mit 18 Jahren, hat er Sisi bei einem Kuraufenthalt in Bad Kissingen richtig kennengelernt. Sisi war immer von schlanken, schönen Gestalten beeindruckt – so auch von König Ludwig II. Sie stellten dann später fest, dass sie eine tiefe Seelenverwandtschaft verbindet. Und sie haben sich auch gegenseitig beeinflusst.

Wie kann man sich das vorstellen?
Zum Beispiel beim Thema Weltflucht. König Ludwig II. träumte später davon, Bayern zu verlassen oder sogar zu verkaufen, um sich ein anderes Reich leisten zu können, durchaus an Orten, von denen Sisi ihm schon erzählt hatte. Ihre Sehnsucht nach der Ferne hat ihn beeinflusst.

"Sisi hatte eine Aversion gegen korpulente Menschen"

Es kam dann aber zum Bruch im Austausch zwischen Sisi und Ludwig II.
Es gab einen Bruch, weil Sisi nach dem Selbstmord ihres Sohnes, des Kronprinzen Rudolph, tief erschüttert war. Sie hat ihren Schmuck verkauft und von da an nur noch schwarze Kleidung getragen. Sie wurde zur Mater Dolorosa, zur Schmerzensmutter – sehr introvertiert, der Welt noch mehr entflohen. Sie ist stark gealtert, hat sich hinter Fächern und Regenschirmen verborgen, weil sie merkte, dass sie ihre Schönheit verlor. Sie hat sich nicht mehr fotografieren oder Aufnahmen stark retuschieren lassen. Übrigens auch eine Parallele zu Ludwig II., der sich immer mehr zurückzog, als er korpulenter wurde und ihm die Zähne ausfielen. Sisi hat schon zehn Jahre vor ihrem Tod gesagt, dass Rudolph ja nicht nur sich totgeschossen habe, sondern auch sie. Ein anderes Zitat von ihr heißt: "Der Körper lebt weiter, aber die Seele ist längst gestorben." Sie war in der letzten Phase des Lebens überdrüssig.

Sisi hat sehr viel Sport getrieben.
Sisi hatte ihr ganzes Leben eine richtige Aversion gegen korpulente Menschen. Sie hat sich in Briefen an ihren Mann auch über die füllige Queen Victoria geäußert und sich gefragt, wie die sich denn im Bett zurechtfinde. Sie hat Sport getrieben, um ja nicht zuzunehmen, insofern war sie sehr modern, und deswegen mussten in jedem Schloss und jedem Aufenthaltsort Sportgeräte zur Verfügung stehen und eine Waage. Denn ihr Gewicht sollte 50 Kilogramm nicht überschreiten, lieber waren ihr etliche Kilos weniger. Sie hat sich das Essen im Laufe der Jahre fast aberzogen. Allerdings hat sie zwischendurch auch mal zugelangt und eine richtige Fressattacke gehabt.

Die mögliche Gewichtszunahme hat sie sich dann durch Sport wieder abtrainiert?
Durch Gewaltmärsche. Sie ist nicht spazieren gegangen, sondern hat das sportlich betrieben im Stile einer Geherin. Einmal hat ein Polizist zwei Damen laufen sehen, und dachte, ein Räuber würde sie verfolgen, aber es waren Sisi und ihre Hofdame bei einem "Spaziergang". Die Hofdamen haben das übrigens als "totgehen" bezeichnet, die konnten nämlich nicht lange mit der Kaiserin Schritt halten. Es wurden manchmal Tragsessel von Lakaien mitgetragen, damit die Hofdamen, die zusammengebrochen waren, Sisi weiter folgen konnten. Sisi ist problemlos von München nach Feldafing gelaufen, das war für sie ein Klacks. In Kairo hat sie mal einen achtstündigen Marsch gemacht – bis sie nicht mehr konnte. Erst wenige Jahre vor ihrem Tod bekam sie gesundheitliche Probleme und musste langsamer laufen, sie empfand das als entwürdigend.

Wovor ist Sisi weggerannt?
Sie ist freiheitlich erzogen worden, im Hause der Eltern bei Herzog Max und Herzogin Ludovica. Das spanische Hofzeremoniell in Wien war Gift für sie. Die Wiener Burg ist ihr zur Kerkerburg geworden. Sie ist daran fast psychisch zerbrochen. Ihr Mann Franz Joseph hat sie auch enttäuscht, sie fühlte sich als Gebärmaschine, bis mit dem dritten Kind endlich der ersehnte männliche Thronfolger geboren wurde. Endlich war dann das "katzeln", wie sie es nannte, vorbei, als Rudolph zur Welt kam. Danach entfremdete sie sich von ihrem Mann noch mehr. "Für mich keine Liebe, für mich keinen Wein, das eine macht besoffen, das andere speien", schreibt sie einmal. Sie nahm sich dann immer mehr Freiheiten, will aber von der Liebe nichts mehr wissen, mit Ausnahme natürlich von Flirts, denen sie sich widmet. Die Freiheit, das Reisen, wurden dann ihre Obsession.

War sie nie zufrieden?
Jein, das ist das Widersprüchliche an ihr. Sie hat beispielsweise auf Korfu das Archilleon erbauen lassen. Aber zuvor stand dort eine heruntergekommene kleine Villa der Familie Braila, die hat sie geliebt, dort hat sie sich wohl gefühlt. Sie hat dann Umbaupläne entwickelt, die in einem Abriss und Neubau endeten. Am Achilleon hat sie nach wenigen Jahren ihr Interesse verloren – sehr zum Unverständnis ihres Mannes. Wenn Sisi überhaupt ein Schloss geliebt hat, dann war es Schloss Gödöllo in Ungarn, das haben ihr die Ungarn geschenkt. Sie hat die freiheitsliebenden Ungarn geliebt, ganz im Gegensatz zur dumpfbäckigen, höfischen Gesellschaft in Wien.

Das ist wieder eine Parallele zu Ludwig II., der München verabscheute und lieber in den Jagdhütten in den Bergen lebte, mehr noch als in seinen Schlössern.
Sisi war auch eine Bergsteigerin, vor allem aber eine exzessive Reiterin. Aber im Gegensatz zu Ludwig II. hat sie das Meer geliebt. Ihre Sehnsuchtsorte waren Schiffe, Kajüten. Sie wollte immer unterwegs sein, möglichst auf dem Meer, wo sie auch bestattet werden wollte. Sisi hat auch die Stürme geliebt. Wenn die anderen seekrank wurden, stand sie an der Reling und hielt die Nase in den Wind.

Sie haben ein Buch über Sisis Wohnwelten verfasst.
Was war denn für die Kaiserin besonders wichtig? Für ihre Lebenswelt waren ein paar Dinge unbedingt erforderlich. Es musste zum Beispiel ein Raum zur Verfügung stehen für ihre Haarpflege. Das Frisieren nahm Stunden in Anspruch, die Haarwäsche gar einen ganzen Tag. Die Haare waren ihr Heiligtum. Als ihr Franz Joseph nach ihrem Tod eine Strähne zur Erinnerung abschneiden wollte, intervenierte die Hofdame mit den Worten, die Kaiserin wäre darüber empört gewesen. Sisi hat einmal geäußert, sie wolle in ihren Haaren sterben, in ihrem Wellengold, wie sie sagte.


Alfons Schweiggert: "Sisis Wohnwelten: Traum- schlösser, Seelenorte und Fluchtburgen der Kaiserin von Österreich" (Allitera Verlag, 29,90 Euro, erscheint Ende September)