AZ-Interview Tischtennis-Bundestrainer Roßkopf über Heim-WM

Bundestrainer Jörg Roßkopf Foto: dpa

Bundestrainer Roßkopf spricht in der AZ über die Tischtennis-Heim-WM und Superstar Boll.

 

Der 48-Jährige Jörg Roßkopf war Doppel-Weltmeister 1989 und Europameister 1992. Seit 2010 ist er Tischtennis-Bundestrainer. Die AZ sprach mit ihm:

AZ: Herr Roßkopf, die Tischtennis-Heim-WM steht kurz bevor, welche Chancen rechnen Sie sich als Bundestrainer mit dem deutschen Team aus?
JÖRG ROSSKOPF: Wir haben mehrere Eisen im Feuer, rechnen uns in jeder Disziplin – Einzel, Doppel und Mixed – die Chance auf eine Medaille oder einen Titel aus. Bei den Männern haben wir mit Dimitrij Ovtcharov und Timo Boll zwei Spieler, die auf Platz 5 und 8 in der Weltrangliste stehen. Boll hat zuletzt die Korean Open gewonnen, warum soll er bei der WM nicht erfolgreich spielen? Ich denke, auch im Mixed hat Deutschland durch Petrissa Solja mit dem Chinesen Fang Bo eine gute Medaillenchance.

Sind die Chinesen im Einzel überhaupt schlagbar?
Ich glaube, die Chancen sind bei dieser WM größer denn je, weil die Chinesen einen jüngeren Spieler dabei haben, der noch keine WM-Erfahrung hat, und auch zwei der anderen Chinesen sind anfälliger als früher und deshalb schlagbar. Aber die Konkurrenz auch aus anderen Nationen ist groß: Wichtig ist für unsere Spieler erstmal, ab der 1. Runde voll da zu sein. Von Runde zu Runde wächst dann das Selbstvertrauen, und dann wird auch der eine oder andere Chinese ausscheiden. Vielleicht ja auch durch deutsche Beteiligung.

Sie selbst haben ja gute Erfahrungen bei einer Heim-WM gemacht, in Dortmund 1989 wurden Sie zusammen mit Steffen Fetzner Doppel-Weltmeister. Der bislang einzige deutsche WM-Titel der Nachkriegszeit.
Ja, es motiviert ungemein, im eigenen Land zu spielen. Eine Heim-WM mit der Unterstützung unserer tollen Fans: Das wird auch unseren Jungs Selbstvertrauen geben.

Glauben Sie, dass deutsche Erfolge diesmal einen ähnlichen Tischtennis-Boom auslösen können wie bei Ihnen 1989?
Damals war es so, dass wir als zwei junge Spieler eine komplette Sportart aus dem Tiefschlaf geweckt haben. Die Leute haben sich die Finger nach uns beiden abgeschleckt. Damals war es aber auch noch in anderen Sportarten möglich, Booms auszulösen, nehmen Sie zum Beispiel Schwimmen oder Tennis. Aber welche Sportart außer Fußball löst denn heute überhaupt noch einen Boom aus? Da kritisiere ich auch immer ein bisschen die Medienlandschaft, die Fernsehanstalten. Die Sportberichterstattung im Fernsehen ist total einseitig geworden. Um also Ihre Frage zu beantworten: Einen Tischtennis-Boom wird die WM wohl nicht auslösen.

Mit Timo Boll hat das deutsche Tischtennis immerhin einen Superstar, der vielen bekannt ist. Wie wichtig ist er für das deutsche Tischtennis?
Unglaublich wichtig, er ist ein toller Sympathieträger für unsere Sportart, war über Jahre erfolgreich – und Fahnenträger bei Olympia.

Was zeichnet ihn denn aus?
Kreativität, sein Spielrhythmus, mit dem viele nicht zurechtkommen, und immer noch die besondere Freude an der Sportart.

Der zweite deutsche Superstar, Dimitrij Ovtcharov, hat sich vor der WM verärgert darüber geäußert, dass er nicht im Doppel spielen darf. Haben Sie Verständnis dafür und warum darf er im Doppel nicht ran?
Es ist meine Entscheidung und dafür muss er Verständnis zeigen. Wir spielen in Düsseldorf mit den für uns bestmöglichen drei Doppeln. Patrick Franziska ist mit dem Dänen Jonathan Groth seit über einem Jahr ungemein erfolgreich, sie sind Europameister geworden. Unser zweites Duo mit Ruwen Filus und Ricardo spielt seit Jahren international erfolgreich. Und über die Kombination von Rekordeuropameister Timo Boll mit Olympiasieger Ma Long braucht man eh nicht zu diskutieren. Außerdem haben wir bei den Chinesen Doppelpartner für Boll und Ovtcharov angefragt, sie haben sich aber Boll herausgepickt. Doppel muss man über Monate und Jahre zusammenspielen, um erfolgreich sein zu können. Das hat Dimitrij nie gemacht. Für ihn ist es auch besser, wenn er sich auf das Einzel konzentrieren kann. Das habe ich ihm auch so erklärt und er hat das akzeptiert. Damit ist das auch erledigt.

Lesen Sie hier: French Open - Schwierige Lose für deutsche Tennisprofis

 

0 Kommentare