AZ-Interview Stephan Orth: "Für Umsturz ist es zu früh"

Der Journalist und Autor hat den Iran zweimal bereist und schildert im Buch "Couchsurfing Iran" private Eindrücke über das Land und die Menschen. Foto: www.rikkart.com

Autor Stephan Orth hat den Iran 2014 bereist und ist dort bis heute gut vernetzt. Die AZ hat ihn zu den aktuellen Protesten befragt.

AZ: Herr Orth, Sie waren drei Monate im Iran, haben bei den Leuten auf der Couch geschlafen und viele Eindrücke gewonnen. Was macht die Iraner so unzufrieden, dass sie nun auf die Straße gehen?
STEPHAN ORTH: Es scheint so zu sein, als hätten religiöse Hardliner in Maschhad damit angefangen, weil ihnen Präsident Ruhani zu lasch ist in seiner Auslegung des Islam. In anderen Regionen wurden ganz andere Dinge skandiert, bei denen es auch direkt gegen die Regierung ging. Hauptgrund ist auf jeden Fall die wirtschaftliche Lage. Die Leute haben das Gefühl, das sich trotz des Endes der Sanktionen aus der westlichen Welt die Lage für einfache Leute nicht verbessert hat.

Die wirtschaftliche Lage ist also der große Aufreger?
Ja. Es gibt eine ganz starke Inflation von etwa 10 Prozent, die Preise steigen auch in den letzten Monaten wieder. Und das führt zu großen Frust, weil man denkt, durch den Iran-Deal müsste es aufwärts gehen.

Steckt hinter den Demos auch der Wunsch nach mehr Freiheiten?
Das spielt sicher eine Rolle. Es gibt zum Beispiel Studentenproteste in Teheran, da geht es ganz klar auch um mehr Freiheiten – ein Thema ist etwa das Ende der Kopftuchpflicht.

Sie sagen, dass die religiösen Machthaber die Leute gegen Präsident Hassan Ruhani aufgebracht haben. Wie konnte das gelingen?
Als er an die Macht kam, war die Hoffnung sehr groß. Er ist sehr friedfertig und liberal aufgetreten. Aber die Leute haben nicht das Gefühl, dass sich was verändert. Die wahren Mächtigen sind immer noch die religiösen Hardliner.

Werden sich die Demonstrationen noch ausweiten?
Es ist schwer, eine seriöse Prognose zu geben. Was gesagt werden kann, ist, dass es noch nicht die Ausmaße hat wie 2009 (Machthaber Ahmadinedschad gewann die Präsidentschaftswahl, worauf es zu Protesten wegen Wahlbetrugs kam, d. Red.). Es ist ganz schwer auszurechnen, welche Eskalationsstufe noch kommen kann. Davon zu reden, dass eine Revolution und ein Umsturz möglich sind, halte ich auf jeden Fall noch für zu früh. Und das ist auch gar nicht die Absicht der Demonstranten.

Das Internet wird immer wieder verlangsamt, besonders während der Proteste. Welche Bedeutung hat es für die Iraner, zumal staatliche Medien kaum über die Demos berichten?
Die Messenger-Kanäle sind das wichtigste. 40 Millionen Iraner benutzen den Dienst Telegram, weil WhatsApp öfter mal gesperrt war. Das ist ein ganz zentraler Ort geworden, um Nachrichten zu verbreiten.

Auch, wenn es für den Umsturz noch zu früh ist – wünschen sich die Iraner Reformen und mehr Freiheiten?
Reformen auf jeden Fall. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Und die Mehrheit der Bevölkerung ist klar für mehr Freiheiten. Über zwei Drittel der Iraner sind unter 35. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ihnen noch gar nicht bewusst ist, wie viele sie sind.

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