AZ-Interview Sprachschützer: "Dialekt ist nicht wurscht"

Die Münchner sollten ihre einzigartige Sprache mehr pflegen, sagt ein Experte.

 

AZ: Herr Kronenbitter, bei Käfer am Viktualienmarkt gibt es Brötchen. Ein Unding?

BENEDIKT KRONENBITTER: Ja, das kann man sagen. Das Beispiel zeigt, wie sorglos wir mit unserer Sprache umgehen. Auf der einen Seite wollen wir individuell sein, auf der anderen lassen wir uns bei Alltäglichem wie der Sprache in ein Korsett zwängen. Ein Wort wie „Brötchen“ gehört nicht nach München.

Sollte man darauf hinweisen?
Schon. In Hamburg wird man ja auch darauf hingewiesen, dass es keine Semmeln gibt. Wir vom Förderverein wollen nicht mit erhobenem Zeigefinger rumlaufen. Wir wollen keine bayerische Elite, die Leute ausgrenzt, weil sie keinen Dialekt sprechen. Aber Brötchen gehören hier einfach nicht her.

Ein anderer Bäcker bietet Krapfen als „Berliner“ an.
Ei ei ei.

Sie sind besorgt?
Ja. Aus Angst, nicht verstanden zu werden, sagen die Münchner sicherheitshalber Berliner. Das ist bedenklich.

Stirbt das Bairische besonders in der Stadt aus?
Aussterben sicher nicht. Dazu sind die Giesinger und der Münchner Norden viel zu eingefleischt. Dort ziehen auch weniger Menschen zu. Klar ist aber, dass auf dem Land mehr Bairisch geredet wird als in der Stadt.

Weil mehr Menschen zuziehen?
Auch, aber es gibt nicht zu viele Fremde in der Stadt. Es ist ja gut, dass sich in München vieles mischt. Es gibt ja nicht mal ein einheitliches Bairisch. Ein Oberbayer redet anders als ein Niederbayer. Aber wir müssen uns um unsere Sprache kümmern.

Ist es ein Privileg, Bairisch zu sprechen?
Ja, beim Verein bekommen wir täglich Anfragen, wo man Bairisch lernen kann. Der Dialekt ist den Menschen nicht wurscht. Es gibt Kurse, aber Urbairisch lernt man nicht, damit muss aufwachsen.

Gibt es eine Wortgruppe, die besonders gefährdet ist?
Auf Speisekarten sind Fehler augenfällig. Da steht meistens „Schweinebraten“ und eben nicht „Schweinsbraten“. Wenn ich so etwas sehe, mache ich mir große Sorgen, weil Gaststätten ja Multiplikatoren sind.

Was gefährdet das Bairische?
Vollkommen irre sind die Auslassungszeichen. Die Wiesn ist die Wiesn und nicht die „Wies’n“ bei der ein „e“ ausgelassen wurde. Das gilt auch für die Brezn. Viele denken über ihre Sprache nicht nach. Das ist das größte Unglück. Das gilt auch fürs Hochdeutsche.

Wieso?
Wir sind zweisprachig. Meistens reden wir Bairisch und wenn man – etwa im Berufsleben – damit nimmer weiter kommt, dann schalten wir um auf Hochdeutsch. Ein gepflegtes Hochdeutsch ist genauso schön. Wichtig ist, dass man Sprache nicht mit Füßen tritt und die Grammatik ändert.

Welches Wort wird bald verschwunden sein?
Da fällt mir keins ein.

Meine Großmutter hat zu mir immer Dirndl gesagt.
Stimmt, das hört man kaum noch. Ich bin mir nicht sicher, ob meine siebenjährige Tochter das noch versteht. Das Wort „Dirndl“ verbindet man heute mit der Kleidung, aber nicht mit einem kleinen Madl. Man ist ja schon froh, wenn die Leit’ Madl sagen statt Mädchen.

Und Bub statt Junge.
Junge – das ist eine Todsünde.

 

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