Wie ist es, im Gefängnis zu sein – und wie geht es danach weiter? Bei solchen Fragen hilft die Zentralstelle für Straffälligenhilfe.

München - Die Münchner Zentralstelle für Straffälligenhilfe (MZS) betreut seit 25 Jahren pro Jahr 2.000 bis 2.500 Klienten: straffällig gewordene, inhaftierte und haftentlassene Männer und Angehörige. Die AZ sprach mit MZS-Leiterin Nicole Lehnert und Betreuerin Emily Trombik.

AZ: Frau Lehnert, Frau Trombik, waren Sie schon mal im Gefängnis?
NICOLE LEHNERT: Wir arbeiten regelmäßig in der Haft. Teilweise haben wir richtige Büros in den drei JVAs, die wir betreuen. Wir beraten den Klienten während der Haftzeit, bereiten ihn auf den Entlassungstag vor und sind im besten Fall auch am Tag X für ihn da.

Bei wie vielen Haftentlassungen waren Sie dabei?
EMILY TROMBIK: Da wir sehr viele Klienten betreuen, sind wir selten physisch da. Wir schaffen aber eine Verbindlichkeit, gehen vorher den Tag durch, besprechen erste Schritte – kommt der Klient erstmal zu uns, geht er direkt zum Wohnungsamt?
LEHNERT: In seltenen Fällen steht auch jemand vor der JVA und bringt die Habe in die neue Wohnung. Wir haben einen Kollegen für die Leute, die sehr intensive Betreuung brauchen. Der baut dann auch mal mit denen das Bett auf und begleitet sie bei Behördengängen.

Die Ordnung in der Zelle ist ein wichtiger Punkt

Frau Trombik, Sie betreuen Klienten im Übergangsmanagement. Wie war Ihr erster Einsatz in der JVA Stadelheim?
TROMBIK: Gefängnis ist immer etwas Besonderes. Man muss das Handy draußen lassen, darf den Autoschlüssel nicht mitnehmen. Man geht durch sehr viele sichere Türen. Das ist eine ganz andere Welt und jeder Tag ein nicht gewöhnlicher Tag – was ja auch gut so ist.

Wie begegnen Sie da den Klienten?
TROMBIK: Wir teilen mit ihnen einen kleinen Ausschnitt aus ihrer Haft, das ist schon etwas Besonderes. Wir holen sie aus ihrem Haftraum ab und sehen da zum Beispiel schon, ob sie da Ordnung halten können.

Das ist wichtig?
TROMBIK: Das hilft uns. Das ist, als ob man jemanden neu kennenlernt und dessen Wohnung sieht: Wenn die Küche ein Verhau ist, kann man gewisse Rückschlüsse ziehen. Es geht bei meiner Arbeit ja darum, die Leute darauf vorzubereiten, was sie nach der Haft erwartet. Wenn der recht kleine Haftraum schon verwüstet ist, weiß ich, was ich unbedingt mit dem Klienten besprechen sollte.

Sind die Klienten kooperativ?
TROMBIK: Wir sind ja ein freiwilliges Beratungsangebot, darum arbeiten wir mit Menschen, die unsere Hilfe wollen. Und die Zeit nach der Haft ist für viele einfach ein Schock. Wir betreuen viele Leute, die vielschichtige Probleme hatten, teilweise psychische, die durch die Haftzeit alles verloren haben. Da kommt dann jemand zu uns Mitte 30, Mitte 40, der nach München zurückkehren will. Das Thema Wohnen ist hier für niemanden komfortabel – schon gar nicht für jemanden, der aus der Haft kommt, vielleicht auch noch Hartz 4 bezieht. Dem muss ich dann sagen: "Herr Huber, ich habe für Sie nichts Anderes als eine Notunterkunft, in der Sie sich ein Zimmer mit drei anderen Leuten teilen." Das macht die Hürden schon sehr hoch für jemanden, es zu schaffen, in den Strukturen zu bleiben.

Wie fangen Sie das auf?
TROMBIK: Wir erklären vorher sehr viel, sagen den Leuten, was sie erwartet, worauf sie sich vorbereiten müssen. Nach einer Haft muss man ganz von vorne anfangen.

Was ist das Schwierigste an Ihrer Arbeit?
TROMBIK: Die Extremsituation, die diese Menschen durchmachen. Die Zeit gleich nach der Inhaftierung ist für viele das Schrecklichste: sich damit auseinanderzusetzen, es zu realisieren. Da kann in einem Menschen viel kaputtgehen. Diese Situation teilen wir und unterstützen dabei, fangen auch immer wieder die Frustration ab. In der Gefängnispopulation gibt es viele Menschen, die mehrfach rückfällig werden. Da ist es wichtig, die Klienten, wenn sie zehnmal drinnen und draußen waren, auch beim elften Mal zu unterstützen, an sie zu glauben und ihnen das zu vermitteln.

"Gelungen" und "gescheitert" gibt es nicht

Wer sind Ihre Klienten?
LEHNERT: Straffällige sind keine homogene Gruppe, die Bandbreite ist riesig. Es ist nicht immer der aufgepumpte, austätowierte, drogenabhängige Typ. Wir haben auch ältere Leute, die sich das Essen oder die Fahrkarte nicht leisten können und deshalb Diebstähle begehen. Wir haben aber auch die Beschaffungskriminalität und Gewalttaten. Bei den meisten gibt es viele Problematiken, die mit ein Grund dafür sind, dass sie straffällig werden.

Wann ist ein Fall für Sie erfolgreich abgeschlossen?
LEHNERT: Das variiert total. In Fachbereichen wie der Vermittlung in gemeinnützige Arbeit oder Schuldenberatung hat man ein konkretes Ziel und eine Art Abschluss. Andere Fachbereiche sind schwieriger.
TROMBIK: Bei uns geht es viel um Netzwerkarbeit. Beim Übergang von der Haft in die Freiheit ist es schon eine große Sache, wenn derjenige sofort an Stellen, Behörden, Einrichtungen angedockt ist, die weiterführen. Wenn er einen zuständigen Sozialarbeiter hat, der ALG2-Antrag bearbeitet wurde und die Leistungen fließen. Wenn er draußen einfach wieder stabil ist, ist das im Grunde abgeschlossen. Aber Leute kommen auch öfter mal wieder, wenn sie eine Frage haben oder Zuspruch brauchen.
LEHNERT: Wir notieren auch nicht "gelungen" oder "gescheitert". In einem Leben passiert so wahnsinnig viel, da gibt es immer ein Auf und Ab.

Wer von Ihnen hat eigentlich über das Leben nach der Haft mit Uli Hoeneß gesprochen?
LEHNERT: Gar keiner. (lacht) Da lässt sich die Bandbreite der Inhaftierten nochmal gut absehen: Jemand wie Hoeneß braucht sicher nicht die Hilfe von Einrichtungen wie uns. Der hat ein Umfeld und ein Vorleben, bei dem man davon ausgeht, dass er mit der Haftentlassung umgehen kann.