AZ-Interview Simone Hauswald: "Korea ist keine Wintersportnation wie Deutschland"

Spärlich gefüllte Ränge: Ein gewohntes Bild bei den Spielen in Pyeongchang, hier eine Aufnahme vom Riesenslalom der Frauen. Foto: dpa

Ex-Biathletin Simone Hauswald im AZ-Interview: Hier spricht die Tochter einer Südkoreanerin über die Spiele in der Heimat ihrer Mutter und die Hoffnung auf Wiedervereinigung: "Deutschland als Vorbild"

 

Die 38-jährige Hauswald holte bei Olympia 2010 in Vancouver Bronze im Massenstart und in der Staffel. Sie ist die Tochter einer Südkoreanerin und eines Deutschen.

AZ: Frau Hauswald, wie haben Sie das Biathlon-Drama um Arnd Peiffer in der Mixed-Staffel erlebt, der als Schlussläufer mit sieben Schießfehlern die sichergeglaubte Medaille für Deutschland vergeben hat?
SIMONE HAUSWALD: Es war ein rabenschwarzer Tag für Arnd, ich habe total mit ihm gefühlt. Für Arnd war es nicht einfach, als Ersatzläufer in die Staffel zu kommen. Als Schlussläufer auf Goldkurs die Medaille zu vergeigen, das ist schon dramatisch. Ich wünsche ihm, dass er das schnell abhaken kann und ihm in der Männer-Staffel die Wiedergutmachung gelingt.

Hätten die Italiener wegen des Spurwechsels von Dominik Windisch kurz vor dem Ziel nicht disqualifiziert werden müssen?
Ich habe das vor dem Fernseher auch so gesehen, dass Windisch schon in den Korridor eingebogen war und dann den Arnd noch geschnitten hat. Aber eine Jury ist dazu da, um diese Entscheidungen zu treffen. Man sollte das akzeptieren und den Fokus nach vorne auf die beiden Staffeln richten. Es raubt nur Energie, sich weiter damit zu beschäftigen.

Vor allem die Biathleten überzeugen bislang

Wie sehen Sie die Chancen der Deutschen in den Staffeln?
Deutschland ist in den Staffeln immer ein Medaillengarant. Ich hoffe natürlich, dass sowohl die Damen als auch die Männer eine Medaille holen, wenn sie am Schießstand durchkommen.

Mit bisher sechs Medaillen können die deutschen Biathleten ja sehr zufrieden sein. Wie sehen Sie die Leistungen?
Ich würde sagen: sensationell! Drei Medaillen allein für die Männer in den Einzelrennen - da hätten viele vor den Spielen gesagt: "Puh, das ist aber ein sehr hochgestecktes Ziel." Ich muss sagen, der Formaufbau und die Vorbereitung haben voll gepasst. Alles richtig gemacht! Und Laura Dahlmeier hat dem Druck standgehalten, der in den letzten zwei Jahren immer größer geworden ist. Es ist die hohe Kunst, wenn du erfolgreich bist, diesen Erwartungen und auch den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Das musst du mental erst mal schaffen. Sie hat ja selber gesagt, dass sie nicht mehr so unbeschwert ist.

Die Spiele finden in Südkorea statt, dem Heimatland Ihrer Mutter. Welche Beziehung haben Sie zu Südkorea?
In meinem Inneren spüre ich, dass die koreanischen Wurzeln meine Identität mitprägen. Ich bin nicht so oft in Korea, aber wir freuen uns immer, wenn wir dort Urlaub machen können. Was ich jetzt noch lernen müsste, wäre die Sprache. Die koreanische Sprache hat ein Silbensystem ähnlich dem Alphabet, ich glaube, sie ist nicht ganz so schwierig zu lernen wie Chinesisch oder Deutsch.

Deutschland ein Vorbild für das geteilte Korea

Wie groß ist die Wintersportbegeisterung in Südkorea? Manche Athleten haben darüber geklagt, dass nur sehr wenige Zuschauer bei den Wettkämpfen sind.
Korea ist einfach nicht die Wintersportnation wie Deutschland oder die skandinavischen Länder. Die Koreaner sind nur in wenigen Sportarten Weltspitze, zum Beispiel im Shorttrack, Eisschnelllauf oder Eiskunstlauf. Dort sind die Stadien ausverkauft. Ansonsten sind die schwachen Zuschauerzahlen vielleicht auch den späten Anfangszeiten geschuldet. In Europa können die Zuschauer die Wettbewerbe zur Vormittags- oder Mittagszeit vor dem Fernseher verfolgen, aber die einheimischen Zuschauer müssen sich fast schon die Nächte um die Ohren schlagen, um im Stadion dabei sein zu können.

Wie würden Sie die koreanische Mentalität und Kultur beschreiben?
Die Südkoreaner haben ein sehr traditionelles Frauenbild. Die Frau muss für die Familie da sein und dafür sorgen, dass der Mann etwas zu essen hat. Die Männer gehen viel arbeiten und sind sehr fleißig. Allgemein ist der Leistungsdruck in Korea sehr hoch, das merkt man auch in den Schulen, wo die Kinder nach dem Unterricht noch in Lerngruppen gehen oder eine sportliche oder musikalische Erziehung bekommen. Gleichzeitig sind aber auch Gelassenheit und die fernöstlichen Weisheiten in Korea stark verwurzelt, der Zugang zum Meditativen ist sehr wichtig. Diese Ruhe und Gelassenheit sind der Gegenpol zur Leistungsgesellschaft. Das verkörpert auch die koreanische Flagge mit dem Kreis in der Mitte, der halb rot und halb blau eingefärbt ist: Das Symbol von Yin und Yang.

Bei den Olympischen Spielen haben wir eine dezente Annäherung zwischen Nord- und Südkorea gesehen, die in einem gemeinsamen Frauen-Eishockeyteam aufgelaufen sind. Haben Sie die Hoffnung, dass die Entspannung nach den Spielen weitergeht?
Die Hoffnung ist immer da. Wenn dieser Funke erlischt, ist alles aus. Die Koreaner sehnen sich nach der Wiedervereinigung und sehen in Deutschland ihr Vorbild. Die Wende in Deutschland gibt ihnen viel Hoffnung, dass eine Wiedervereinigung möglich ist.

Was war für Sie bisher der emotionale Höhepunkt der Spiele?
Die Eröffnungsfeier hat mich sehr bewegt, ich habe sogar geweint. Korea hat sich von seiner traditionellen Seite gezeigt. Tradition ist den Koreanern sehr wichtig. Da habe ich gemerkt, dass das nicht einfach nur Olympische Spiele für mich sind, sondern etwas Besonderes.

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