AZ-Interview Schwere Dürre im Süden Afrikas: "Kein Kind hat das verdient"

Höchstens eine Mahlzeit am Tag, kein oder schlechtes Wasser: Die Situation in vielen Teilen Afrikas ist besorgniserregend. Bei diesem Kind wird gemessen, wie unterernährt es ist. Foto: World Vision

Robert Bulten ist der Direktor für humanitäre Notfälle von World Vision Angola. Sein Einsatzort: die Hauptstadt Luanda. Dort und in vielen anderen Ländern Afrikas hat es so wenig geregnet wie seit Jahrzehnten nicht. Er arbeitet in dem Land seit acht Jahren und war vorher schon in Krisengebieten wie Haiti, Sudan und Pakistan. Die AZ hat mit dem Niederländer gesprochen.

 

Elefanten liegen tot neben Wasserlöchern. Oder zumindest an den Stellen, wo Wasser sein müsste. Aber: ausgetrocknet. Simbabwe bleibt nur noch eine Möglichkeit. In einer der größten Umsiedlungsaktionen des Landes sollen rund 600 geschwächte Elefanten weggebracht werden – zusammen mit 2.000 Impalas, 50 Büffeln, 40 Giraffen und zig Löwen.

Noch viel härter trifft es die Menschen im südlichen Afrikas. Sie können nicht einfach weg, müssen ausharren. In großen Teilen von Angola, Botswana, Namibia, Südafrika, Sambia und Simbabwe hat es so wenig geregnet wie seit 1981 nicht mehr. Die Situation spitzt sich mehr und mehr zu.

Der Niederländer Robert Bulten arbeitet für die Hilfsorganisation World Vision in Angola. Die AZ wollte von ihm wissen, wie es den Menschen in der Region ergeht.

AZ: Herr Bulten, Sie arbeiten in Angola für World Vision und erleben derzeit eine schwere Dürre mit. Wie geht es den Menschen?
ROBERT BULTEN: Seit Februar hat es nicht mehr geregnet. Geschätzte acht Prozent der Bevölkerung, das sind 2,3 Millionen Menschen, haben nicht genug zu essen. Viele Familien haben nur eine Mahlzeit pro Tag und selbst diese ist von sehr schlechter Qualität. Meistens Mais-Porridge mit etwas Wasser oder Blattgemüse.

Wie wirkt sich das auf die Kinder aus, die ja noch im Wachstum sind und eine regelmäßige, ausgewogene Ernährung dringend brauchen?
Die Unterernährung bei den Kindern unter fünf Jahren hat extrem schnell zugenommen. Seit dem letzten Jahr hat sie sich mehr als verdoppelt.

Stimmt es, dass viele Schüler wegen der Dürre nicht mehr zur Schule gehen können?
Es gibt zwei Gründe dafür: Sie können nicht zur Schule gehen, weil sie zu hungrig sind oder weil sie Arbeit suchen beziehungsweise Wasser und Früchte sammeln müssen.

Wie fühlen Sie sich persönlich, wenn Sie all diese Not mitbekommen?
Es bricht mir das Herz, diese Menschen so leiden zu sehen. Besonders die Kinder, sie haben am meisten mit diesen entsetzlichen Umständen zu kämpfen. Nichts ist schlimmer, als unterernährte Kinder zu sehen. Zu sehen, wie sie dreckiges Wasser trinken, nicht zur Schule gehen und nur einmal am Tag etwas auf den Teller bekommen. Kein Kind hat das verdient.

Nicht nur das Land Angola ist betroffen, sondern viele Länder im Süden Afrikas. Welche Dimensionen hat diese Dürre, die in der Öffentlichkeit noch recht wenig Aufmerksamkeit erfährt?
16 Länder sind betroffen. Laut einem Bericht der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrikas werden knapp 42 Millionen Menschen in den kommenden Monaten an Hunger leiden. Kürzlich hat die UN sogar die Zahl der Betroffenen noch erhöht und spricht von geschätzt 45 Millionen Menschen, die bald nicht genug zu essen haben werden. Diese Zahlen schließen eine Bandbreite an Ursachen ein – wie zum Beispiel auch den Konflikt in der Demokratischen Republik Kongo.

In welchen afrikanischen Staaten ist das Ausmaß besonders schlimm?
Neben Angola sind Simbabwe und Sambia am schlimmsten betroffen.

Kann man noch leugnen, dass diese außergewöhnliche Dürre-Periode mit dem Klimawandel zusammenhängt?
Wir von World Vision sehen, dass der Klimawandel mittlerweile ein permanenter Begleiter im Süden Angolas ist: häufige Dürren, Regenfälle zu untypischen Zeiten, in manchen Jahren Fluten. Dadurch entstehen unerträgliche Lebensbedingungen für Familien, die ohnehin schon unter der Armutsgrenze leben. Die Temperaturen steigen im südlichen Afrika – Angola eingeschlossen – schneller als in anderen Regionen der Welt. Glaubwürdige Wissenschaftler haben Beweise dafür. Davon gefährdete Kinder haben das Wenigste zu dieser Situation beigetragen, doch sie sind es, die nicht mehr in die Schule gehen können, arbeiten müssen, hungrig sind und krank werden – alles, weil sich das Klima verändert.

Ist Angolas Regierung in der Lage, die Hungersnot allein in den Griff zu bekommen?
Das ist eine Krise, die sich langsam entwickelt hat und die wir seit einer langen Zeit kommen sehen. Humanitäre Hilfsorganisationen haben davor gewarnt. Wir von World Vision arbeiten auch mit der Regierung zusammen. Obwohl deren Arbeit dieses Mal viel stärker ausfällt als bei früheren Notfällen, hat die aktuelle Dürre ein solch immenses Ausmaß, dass viele Bedürfnisse nicht gedeckt werden können. Deswegen haben die Verantwortlichen auch um internationale Hilfe gebeten.

Was brauchen die Menschen vor Ort am meisten?
Es müssen dringend mehr unterernährte Kinder behandelt werden. Zudem müssen Wasserstellen saniert oder neu konstruiert und widerstandsfähige Getreidesamen, die einen kurzen Zyklus haben, verteilt werden. Für all das brauchen wir Unterstützung, auch von der deutschen Regierung.

Wie schlimm könnte diese Hungerkrise noch werden?
Das Schlimmste steht noch aus und wir glauben nicht, dass sich etwas bis Mai oder Juni des nächsten Jahres verbessern wird. Dann werden die Gemeinden hoffentlich eine gute Ernte heimbringen – vorausgesetzt, der Regen fällt gut aus.


Spenden

World Vision Deutschland e.V. ist ein überkonfessionelles, christliches Hilfswerk. 2018 wurden durch den Verein 284 Projekte in 48 Ländern gefördert. Wer die von der Dürre geplagten Menschen in Afrika unterstützen will, kann das über World Vision tun:

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IBAN: DE93 5001 0060 0000 0666
Stichwort: "Dürre in Afrika"

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