AZ-Interview "Pflege unterscheidet sich nicht vom Drogenmarkt"

Pflege-Experte Claus Fussek spricht im AZ-Interview über den Notstand im Pflege-Bereich. (Symbolbild) Foto: Frank Rumpenhorst/dpa/ho

Claus Fussek, einer der bekanntesten deutschen Pflege-Kritiker, beklagt seit Jahren den Notstand im Pflegedienst-Bereich. Dass Betrug möglich ist, liegt für ihn vor allem an der Ignoranz aller Beteiligten, sagt er der AZ im Interview.

AZ: Herr Fussek, mindestens 230 russische ambulante Pflegedienste sollen laut BKA Abrechnungsbetrug begangen haben. Überrascht Sie die Zahl?
CLAUS FUSSEK
: Mich überrascht gar nichts mehr. Wir können uns das ja mit dem gesunden Menschenverstand ausrechnen: Wir haben einen massiven Pflegenotstand in der häuslichen und stationären Pflege, auch Dank des medizinischen Fortschritts. Pflege ist ein Geschäft. Wir haben viele Akteure, die erkannt haben, dass man in diesem System sehr viel Geld verdienen kann. Das ist jetzt das Ergebnis, das Gott sei Dank öffentlich wird. Man muss aufpassen, dass wir uns jetzt nicht nur auf die russischen Pflegedienste konzentrieren.

Es sind also nicht nur russische Anbieter unseriös?
Natürlich nicht. Das Thema Abrechnungsbetrug ist ein bekanntes Phänomen in der Branche.

Welche Lücken nutzen kriminelle Pflegedienste denn noch aus?
Es gibt einen großen Bedarf an Pflegekräften, und wir wissen seit Jahren, dass wir einen großen Mangel haben, vor allem an qualifizierten Pflegekräften. Ein Großteil der seriösen Pflegedienste hat kein Personal mehr. Man muss sich im Klaren sein, dass qualifizierte Pflege Geld kostet. Da aber dieser Markt den Gesetzen der Marktwirtschaft übergeben worden ist, können Billigstanbieter – und nur das können solche Dienste sein – funktionieren. Die Krankenkassen wissen Bescheid. Und es funktioniert auch nur, weil viele Angehörige, aus welchen Motiven auch immer, mitmachen.

Das heißt, das kriminelle System schützt sich dadurch, dass alle mitmachen?
Natürlich. Es ist ein geschlossenes System. Und jetzt kann man damit auch noch sehr viel Geld verdienen. Kriminelle Pflege unterscheidet sich, zugespitzt gesagt, nicht mehr vom Drogenmarkt.

Warum ist das Thema so angstbesetzt?
Manche Pflegedienste sorgen dafür, dass die Pfleger abhängig sind. Ich kenne Pflegedienste, die haben Dienstwohnungen und behalten die Pässe ein. Und viele Angehörige unterschreiben aus Angst, weil die Pflegedienste sie bedrohen. Wenn Ihnen das Wasser bis zum Hals steht und die sagen: "Wenn Sie nicht unterschreiben, kommen wir morgen nicht mehr", dann denkt der Angehörige, der Patient muss wieder auf die Intensivstation – und da ist er ja gestern erst rausgekommen. Und plötzlich merken viele Angehörige, dass man da sogar ein bisschen Geld verdienen kann.

Viele fordern mehr Kontrollen durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK). Bisher darf er nur angemeldet kontrollieren. Braucht er mehr Befugnisse?
Ja, natürlich. Aber dann rufen manche aus der Branche: "Generalverdacht, die Pflege wird an den Pranger gestellt, es sind nur ein paar wenige schwarze Schafe." Und die Politik hat das Thema ja nicht auf der Agenda. Nennen Sie mir eine Partei, die im Wahlkampf Pflege auf der Agenda hat, egal ob links oder rechts.

Was kann die Politik tun?
Wir haben jahrzehntelang zugeschaut und mit Scheinlösungen wie mehr Kontrollen funktioniert es nicht. Es herrscht ein so gespenstischer Pflegenotstand, den wir immer noch schönreden. Der Wald brennt und wir sind immer ganz überrascht, wenn es wieder mal dieses Thema gibt. Es muss Ehrlichkeit rein, Transparenz – und Kriminelle müssen entsprechend bestraft werden.

Wie muss sich das System denn verändern?
Es muss aufhören, dass wir dieses Thema kollektiv als Gesellschaft verdrängen. Wir diskutieren in München leidenschaftlicher über die Erhöhung des Bierpreises als über die Versorgung unserer kranken und alten Menschen. Wenn Hausärzte sich weigern würden, wenn sie sehen, dass dort Personal ist bei Hausbesuchen, das kein Wort Deutsch spricht, dann muss der Arzt sagen: Da gebe ich nicht meine Unterschrift - und muss es melden. Es kann nur funktionieren, wenn alle Akteure in diesem sensiblen Bereich ehrlich sind und solidarisch untereinander.

Was können Angehörige tun?
Wir kommen an dem Wort Ehrlichkeit nicht vorbei. Aber die sind ja oft in einer verzweifelten Lage. Dann müssen sie mit ihrer Kasse reden. Ich sage immer: Je größer die Verzweiflung, desto niedriger werden die Ansprüche. Wir haben hier eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es gibt gerade eine Paralleldiskussion: kostenfreie Kitaplätze. Jetzt hätte ich gerne so eine Diskussion auch zum Beispiel für die Tagespflege.

Woran erkenne ich denn, ob ein Pflegedienst seriös ist?
Natürlich ist es auch eine Form der Mundpropaganda. Ein seriöser Pflegedienst wird Ihnen sagen, wie sein Personal geschult ist und versuchen, Ihnen zu zeigen, dass er nicht ständig Personalfluktuation hat. Dass die Mitarbeiter qualifiziert sind, dass sie Zeugnisse haben, dass sie Deutsch sprechen. Man kann sich auch bei den Pflegestellen der Krankenkassen beraten lassen.

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