AZ-Interview Pfaff: „So wird man auch Europameister!“

„Wir müssen mit dieser Mannschaft auf jeden Fall unter die ersten Vier kommen“, sagt Torwart-Ikone Jean-Marie Pfaff (kl. Bild) über das belgische Team um Kevin De Bruyne, Romelu Lukaku und Yannick Carrasco (v.l.). Foto: imago/Rauchensteiner/Augenklick/az

Im EM-Gespräch erklärt die Torwart-Ikone, warum DFB-Keeper Manuel Neuer der Beste ist und was die belgische Mannschaft so stark macht: „Selbst wenn wir schlecht spielen, gewinnen wir noch.“

 

AZ: Herr Pfaff, die belgische Mannschaft hat im ersten EM-Spiel gegen Italien enttäuscht, dann beim 3:0 gegen Irland tollen Offensivfußball gespielt. Heute (21 Uhr, ZDF) geht es gegen Schweden ums Weiterkommen. Wie stark sind die Belgier wirklich?

JEAN-MARIE PFAFF: Der Sieg gegen die Iren hat mich nicht überrascht. Ich finde es normal, dass wir ein solches Spiel gewinnen, die Iren sind ja nur ohne Plan herumgerannt. Wir haben jetzt wieder Selbstvertrauen gefunden, wir sind wieder gut drauf. Die Schweden können gut kämpfen, aber sie konzentrieren sich nur auf Zlatan Ibrahimovic, das ist nicht genug gegen Belgien.

Belgien wird als Favorit auf den EM-Titel gehandelt. Sehen Sie das auch so?

Ja klar, daran hat sich nichts geändert. Wir haben eine junge Mannschaft mit Spielern, die schon einige Jahre Erfahrungen im Ausland gesammelt haben, in England, Spanien, Italien, Deutschland. Wir müssen mit dieser Mannschaft auf jeden Fall unter die ersten Vier kommen. Marc Wilmots hat das Glück, dass er ein so talentiertes Team übernommen hat. Das ist ähnlich wie bei Deutschland, er hat für jede Position mehrere gute Spieler. Das Kollektiv muss allerdings noch besser werden, bislang spielt jeder Spieler eher für sich. Wir profitieren von unserer individuellen Klasse. Aber wissen Sie, was mir Hoffnung macht?

Verraten Sie es mir.

Selbst wenn wir schlecht spielen, gewinnen wir noch. So wird man Europameister, so ist Deutschland 2014 auch Weltmeister geworden: Gegen Algerien im Achtelfinale haben sich die Deutschen gerade noch gerettet und dann das Turnier gewonnen.

Die Mannschaft um Kevin De Bruyne wird als „Goldene Generation“ bezeichnet. Doch auch in den 1980er Jahren, als Belgien mit Ihnen im Tor WM-Dritter und Vize-Europameister wurde, war das Team sehr stark. Kann man die Qualität der beiden Teams vergleichen?

Das war natürlich eine ganz andere Zeit damals, das sollte man nicht vergleichen. Wir haben damals neben dem Fußball noch gearbeitet, ich war bei einer Bank. Fußball war unser Hobby. Heute verdienen die Jungs Millionen, haben ihre eigenen Ausrüsterverträge. Aber wir haben sicher die Basis für die Erfolge von heute gelegt, wir waren mit unseren Erfolgen und unserem Einsatz Vorbild für die Mannschaft von heute.

Hätten Sie gern in der heutigen Zeit gespielt?

Nein, ich hatte meine Zeit. Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe. Ich bin stolz, dass ich das Trikot des FC Bayern getragen habe, dass ich der Liebling der Fans war. In der heutigen Zeit gibt es natürlich mehr Luxus, aber bei all dem Luxus geht auch viel verloren. Manche Spieler sagen nicht mehr „Guten Tag“, Autogramme sind ihnen zu viel, alles ist abgeschottet. Das war bei uns früher anders, wir mussten zu den Fans gehen, uns dort als Mensch zeigen, sonst wäre der Uli Hoeneß böse. Lesen Sie hier: Sané, Kimmich, Can & Co.: Jogi Löw forscht

Im belgischen Tor steht mit Thibaut Courtois einer der besten Torhüter der Welt. Sehen Sie ihn schon auf einer Stufe mit Manuel Neuer?

Neuer ist und bleibt der Beste. Er bringt seine Leistungen in der Nationalelf genauso wie beim FC Bayern. Er ist ein Anführer, er hält auch mal einen Elfmeter. Mit Jérôme Boateng ist er eingespielt, die beiden sind sehr wichtig für Deutschland bei dieser EM. Courtois ist ein guter Torwart, aber er gewinnt Spiele noch nicht allein, wie es Neuer macht. Jetzt in der K.o.-Phase wird es interessant, da kann er sich beweisen. Aber es geht mir generell zu schnell bei den Torhütern, nehmen wir doch nur den Engländer Joe Hart. Mal bist du einer der besten Torhüter in Europa, dann machst du einen Fehler wie gegen Wales und sie nennen dich wieder Fliegenfänger. Das ist dein Schicksal, wenn du im Tor stehst.

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Der Terror ist in Belgien seit den Attentaten von Brüssel allgegenwärtig. Vor dem Spiel gegen Irland wurden nun mehrere Personen verhaftet, die offenbar während der Partie Anschläge verüben wollten.

Dass die Sicherheitsbehörden diese Anschläge verhindert haben, ist ein gutes Zeichen. Man muss der belgischen Polizei gratulieren. Ganz ausschließen kann man so etwas einfach nicht, jeden Tag kann etwas passieren, überall auf der Welt. Ich verstehe diese Terroristen nicht, sie haben doch selbst eine Familie und tun dann anderen so etwas an. Und das alles für 75 Frauen im Paradies, die ihnen versprochen werden?

 

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