AZ-Interview Peter Eduard Meier: "Die Stadt braucht ein Profil"

 Foto: Myriam Siegert / Lokales

Eduard Meier gibt’s seit 1596. Hier erklärt der Chef, warum manche alteingesessene Münchner Läden überleben und andere nicht – und wieso Baustellen die Pest und Fußgängerzonen der Untergang sind

 

Maxvorstadt  - Das alteingesessene Bekleidungshaus Maendler in der Theatinerstraße? Inzwischen eine Mango-Filiale. Der Hutmacher „Joh. Zeme“? Ist dicht. Demnächst schließen die Confiserie Rottenhöfer und der Porzellan-Kuchenreuther – alles Altmünchner Geschäfte (AZ berichtete).

Neue Edelkaufhäuser in der City werden von Global Playern bespielt: Luis Vuitton, Abercrombie & Fitch, Adidas.

Ein unguter Trend? Darüber spricht die AZ mit einem, dessen Familie seit 1596 in München Schuhe (und inzwischen viel mehr) anbietet: Peter Eduard Meier, geschäftsführender Gesellschafter des vormaligen Königlich Bayerischen Hoflieferanten Eduard Meier, schließt Ende Juni den Laden in der Residenzstraße. In der Brienner Straße 10 hat Ed Meier eine neue Heimat.

AZ: Herr Meier, viele Münchner Händler sind verschwunden aus der Residenz-Nähe. Sie ziehen um und setzen für die Zukunft auf den Standort Brienner Straße. Warum?

PETER EDUARD MEIER: Wir haben im alten Geschäft nicht genügend Schaufensterfläche. 9000 unterschiedliche Artikel auf zwei 1,30-Meter-Schauflächen – das wurde uns nicht mehr gerecht. Kunden möchten durch unsere Räume wandeln können – das war im alten Laden nicht wirklich möglich. Hier in der Brienner Straße bespielt Ed Meier großzügige Räume und acht Schaufenster – große Bühne für die Kunden, auch außerhalb der Geschäftszeiten. Hinzu kommen Strukturveränderungen der Straße und Mietexzesse. Und dann war da noch das Damoklesschwert der zweiten Stammstrecke. Deren Bauphase wird extreme Verwerfungen mit sich bringen. Für Läden sind Baustellen eine Pest.

Wo sehen Sie die Gründe für die Schließungen vieler anderer Altmünchner Geschäfte?

Es gibt immer ein Kommen und Gehen. Mal fehlen geeignete Nachfolger in der Familie, mal deren Lust und Eignung. Als meine Schwester und ich den Betrieb vor 35 Jahren übernommen haben, haben wir auf 250 Quadratmetern gewerkelt. Heute bespielen wir einen Viertelhektar. Man muss in die Hände spucken, um sein Unternehmen in die Zukunft zu führen. Dann gibt es Schicksalsfälle, die der wahnsinnigen Mietpreissteigerung zum Opfer gefallen sind. Und dann gibt es Betriebe, die es einfach in der Innenstadt wegen ihrer eigenen Angebotsverarmung nicht mehr packen.

Wohin entwickelt sich dieser Handels-Darwinismus?

Abgesehen vom Oktoberfest ist der Hauptgrund, weshalb ein Tourist nach München kommt: Shopping! Die Stadt muss also einen Sinn dafür entwickeln, attraktive Geschäfte an sich zu binden – mit Waren, die einem Münchner genauso gefallen wie einem Hamburger oder New Yorker. Die Handlungsmöglichkeiten der Kommune – die es innerhalb ihres Gestaltungsspielraumes auch nicht besonders großartig macht – sind begrenzt. Fußgängerzonen und Parkplatzvernichtung sind der Untergang der Geschäfte, die unsere Stadt interessant machen.

Gewinnt man deshalb den Eindruck, dass Münchner Läden verschwinden und nur noch internationale Ketten nachrücken?

Du tust dich als lokaler Anbieter schwer gegen einen internationalen wie Abercrombie & Fitch. Auf ungute Entwicklungen muss ein Kaufmann gefasst sein. Wenn ein Expansionsmanager aus Texas einen neuen Standort, zum Beispiel München, zum Auslutschen gewählt hat, braucht man nur darauf warten, bis er ausgelutscht ausgespuckt wird. Das Ideal des Münchner Kaufmanns ist dagegen einer, der seine Gegend gestaltet, mit Durchhaltevermögen, Idealismus und Begeisterung für die Verbesserung seiner Produkte und seiner Stadt. Wenn keine Schicksalsschläge dazwischen kommen, funktioniert der Weg.

Klingt geradezu einfach.

Ist es nicht. Für mich ist das ein 120-Stunden-Job, ein Hobby – und die Toleranz, dass du vielleicht ein paar Jahre keine Erträge hast. Immerhin scheinen sich ein paar Münchner Hoflieferanten und Kaufleute, die es ernst meinen und Herzblut haben, in der Brienner Straße zusammenzurotten.

Oha – ein Geheimbund?

Mit Pressesprechern. Ich rede von insgesamt vier Gruppen. Hier gibt es einen Zusammenschluss von Nachbarn, die sich Gedanken machen, wie man diese Gegend attraktiv macht und hält – das Brienner Quartier. Dann gibt es CityPartner, einen Zusammenschluss nahezu aller Innenstadt-Gewerbetreibenden. Dazu gibt es TIM, die Tourismus-Initiative München, die sich bemüht, das Stadtmarketing zu verbessern. Und dann trifft sich eine kleine Gruppe bei uns in der Gamsbar, die sich unter Input von Vollprofis Visionen für den Weg der Stadt zu authentischer Attraktivität macht.

Was passiert denn da im Hinterzimmer?

Meine Vorstellung ist, dass wir unsere Unternehmen und Produkte ständig attraktiver und unverwechselbarer machen, dass wir einander Irrwege und Stärken aufzeigen, unsere Waren für Touristen zu wertvollen Trophäen und Souvenirs machen – und zwar so, dass unsere Münchner Kunden auf uns stolz sind. Hätte mir jemand vor 30 Jahren erzählt, welche Kosten wir heute in der Innenstadt haben, hätte ich gesagt: Da können wir’s gleich bleiben lassen. Wir sind auf die zusätzliche Kaufkraft der München-Besucher angewiesen. Die Frage ist jetzt, bei aller Gastfreundschaft: Welchen Touristen spreche ich an, wen will ich umwerben?

Welche Arten von Touristen stehen zur Auswahl?

Müssen wir wirklich jemandem den dringenden Wunsch erkaufen, einmal im Leben in München zwei Hoibe zu trinken und den Bratwurstdeckel auf den Marienplatz zu schmeißen? Sinnvoller finde ich, den zu umwerben, der mit dem Auto ins Opernparkhaus kommt, 5000 Euro in der Stadt lässt und dann wieder mit vollem Herzen und vollem Kofferraum heimfährt. Mich stört, dass die Stadt das Touristenaufkommen rein quantitativ in Übernachtungszahlen bemisst und außer Acht lässt, ob diese Gäste Geld kosten oder Geld bringen.

Ein Beispiel, bitte.

In der Residenzstraße sehe ich dreimal am Tag ein Leiterwagerl mit zwei Fassl Bier und einem Dutzend, ich vermute: Australier, die alle 50 Meter anhalten, sich zuprosten und dann wettrülpsen – na, super! Die lassen dann in der Stadt die Miete für ein Leiterwagerl und zwei Fass Bier – und hinterher liegen deren Plastikbecher und noch mehr auf den Straßen.

Und der Tourist, den Sie bevorzugen?

Der wohnt im Hotel, isst im Restaurant, kauft recht viel ein und lässt vielleicht noch seine Familie als Selbstzahler in den Münchner Krankenhäusern behandeln. Er zahlt, und wir profitieren alle vom neuen Tomographen. Wir wären nicht über die Krise 2003/2004 gekommen, wenn wir nicht – damals als Neuentdeckung – russische Kunden in München gehabt hätten. Wir wären nicht über die 2008er-Krise gekommen, wenn wir nicht noch zusätzliche ausländische Kaufkraft gehabt hätten. Das Problem ist, dass diese zusätzliche Kaufkraft aus dem Ausland inzwischen miet- und kostentechnisch eingepreist ist. Das heißt, man darf sie auf keinen Fall verlieren, sondern muss eher noch gute hinzugewinnen. Anders ausgedrückt: schlecht belegte Kapazitäten mit besseren Besuchern tauschen. Das klingt sehr tough, ist aber die einzig kaufmännische Rechnung. Pauschaltouristen allein halten die Stadt nicht am Leben.

Und darüber reden Sie und Ihre Mitstreiter in Ihrem Hinterzimmer?

Ich möchte mit Kollegen, vom Tourismusamt, von CityPartner sprechen, um vom Massen- zum Qualitätstourismus zu kommen – und der Stadt ihr Profil zurückgeben. Kein Schuhplattler-Profil! Die Oper, das Museumsquartier – das muss man in dieser Qualität in Europa suchen! Unsere Produkte haben Weltniveau.

Aber?

Umso mehr kriegt man einen Vogel, wenn man am Opernplatz kaum schnaufen kann, wenn dort über Stunden Busse bei laufendem Motor auf Passagiere warten, die nicht mal in der Oper waren! Wieso müssen da Busse ihre Ladung an diesem herrlichen Platz abschmeißen? Sie kriegen doch im Wirtshaus auch nicht auf Dauer den besten Tisch, wenn Sie nur Leitungswasser trinken und das Häusl benutzen. Jedes Wirtshaus braucht Gäste, die einen Beitrag leisten.

Peter Eduard Meier über:

Die Hofstatt:

„Ich halte es für eine Zumutung, dass ein Einzelhändler wie Abercrombie & Fitch ohne Schaufenster arbeitet. Gut gestaltete Schaufenster dekorieren eine ganze Stadt. Eine Stadt lebt von der Attraktivität der Geschäfte – und die müssen fesch sein.“

Palais an der Oper:

„Die Klenze-Fassade ist wunderbar. Die Fassade zur Residenzstraße ist eine Schande. Das ist schwache Architektur, das gilt auch für den Innenhof. Dass Louis Vuitton dort als Großmieter auftritt, ist ein Sonderphänomen und hat mit der künftig erwarteten chinesischen Kundschaft zu tun.“

Fünf Höfe:

„Die Theatinerstraße kannte ich noch, als dort niemals Damen ohne Hut, Mantel und Handschuhe unterwegs waren. Neulich sagte mir eine Bedienung in den Fünf Höfen, es sei gut, dass es nicht mehr so sei, denn das sei ja Diktatur gewesen. Ich sagte: KULTUR.
Leute, die Innenstädte in Bademoden besuchen, sind eine Gemeinheit – egal ob in Florenz oder in München.“
 

 

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