AZ-Interview Parteienforscher: "Seehofer hat sich einfach verzockt!"

Clemens Hagen.
CSU-Chef Horst Seehofer droht die Macht in der Partei zu entgleiten. Foto: Michael Kappeler/dpa

Das sagt der Parteienforscher Michel Koß, der den Machtkampf zwischen dem CSU-Chef und Söder analysiert – und einen Blick in die Zukunft riskiert.

München - Der 41-jährige Politikwissenschaftler und Parteienforscher Michel Koß lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Mit der AZ hat er über den Machtkampf in der CSU gesprochen. 

AZ: Herr Koß, die CSU betreibt in der Nachfolgedebatte um Horst Seehofer gerade regelrechte Selbstzerfleischung. Wie konnte es dazu kommen?
MICHAEL KOSS: Seehofer hat sich schlicht und einfach verzockt, nachdem die sogenannte Flüchtlingskrise Deutschland überrollt hat. Sein Ja-nein-vielleicht-Kurs gegenüber der CDU, da, so hatte man das Gefühl, ist am Ende keiner mehr durchgestiegen – inklusive Seehofer selbst.

Aus der Partei kam aber auch wenig Hilfe, oder?
Stimmt, Seehofers schwache Ministerriege in Berlin war ein Problem, da konnte er bundespolitisch nie über Bande spielen, weil die Mitspieler fehlten. Außer Dobrindt war da niemand, und der war wegen der Maut vor allem mit dem eigenen politischen Überleben beschäftigt. Zuhause in München konnte Söder in aller Ruhe abwarten, bis seine Stunde kommt. Der musste nichts machen – außer abwarten, bis Seehofer den Karren an die Wand fährt.

Warum merken Spitzenpolitiker eigentlich nie, dass ihre Zeit gekommen ist?
Das ist ein Phänomen – und ein strukturelles Problem. Ich an der Uni werde irgendwann pensioniert, normale Arbeitnehmer gehen in Rente, aber Politiker regieren einfach weiter, bis der Wähler sagt: Es reicht! Das ist bei Merkel nicht anders als bei Seehofer.

Michael Koß lehrt an der LMU. Foto: privat

Zurück zur CSU. Die Partei ist stark gespalten, oder nicht?
Ja, das ist sie. Aber vieles läuft momentan auf Söder hinaus. Und dem traue ich zu, dass er den Laden in relativ kurzer Zeit wieder geschlossen bekommt.

Für Seehofer ist dann kein Platz mehr in der Partei?
Das würde ich nicht sagen, aber in Bayern Ministerpräsident und CSU-Chef bleiben, das geht nicht mehr lange gut. Und sollte er, wie es einige mutmaßen, tatsächlich nochmal als Bundesminister nach Berlin gehen, dann würde er sich dort zum Abschuss freigeben. Davon würde ich dringend abraten. Außerdem: Ich wüsste gar nicht, warum Seehofer sich das antun sollte.

Als Verhandler in den Sondierungsgesprächen mit den Jamaika-Kandidaten ist Seehofers Macht jedenfalls beschnitten, oder?
Nicht unbedingt. Die Personaldiskussion könnte sogar ein Vorteil sein, wenn Seehofer sagt: Sorry, ich kann von meinen Maximalforderungen gerade nicht runter, weil meine Partei daheim in München durchdreht. Aber die wahrscheinlichere Variante ist die, dass die Verhandlungsposition der CSU durch das Personaltheater geschwächt ist.

Wenn man einen Blick in die Zukunft wagt: Wie sehen Sie die Chancen der AfD bei der Landtagswahl 2018?
Bei der Bundestagswahl waren die Rechten ja ein großes Problem für die CSU . . Das ist natürlich spekulativ, aber ich glaube, dass die CSU wieder besser abschneiden wird. Die Leute werden sich sagen: Okay, jetzt haben wir denen bundespolitisch einen Denkzettel verpasst, aber wer baut denn letztlich die Umgehungsstraße, die unser Ort so dringend benötigt? Die CSU!

Bei wie viel Prozent wird die CSU 2018 landen?
Das ist schwer, aber ich würde mal sagen so zwischen dem Ergebnis der letzten Landtagswahl 2013 von knapp 48 Prozent und dem Ergebnis der Bundestagswahl von knapp 39 Prozent.

Noch eine andere Frage: Nicht nur die CSU hat eine schwere Wahlschlappe erlitten, die große Schwester CDU bekanntlich auch. Aber eine Personaldiskussion wie in München führen sie in Berlin nicht.
Ich glaube schon, dass die intern über das schlechte Ergebnis diskutiert haben. Die machen es anscheinend eleganter als die CSU und wetzen die Messer erst, wenn die Koalitionsverhandlungen in trockenen Tüchern sind. Aber der alte Kanzlerwahlverein, der die CDU lange gewesen ist, wird die Partei nicht mehr sein.

Aber weit und breit gibt es doch niemand, der die Kanzlerin ernsthaft herausfordern könnte, oder?
Leute wie Jens Spahn, denke ich, werden während dieser Legislaturperisode sicher irgendwann aus der Deckung kommen. Da ist eher die Frage: wann? Jedenfalls befindet sich die CDU nicht mehr in stabiler Seitenlage, sondern schon auf der Intensivstation. 

Lesen Sie auch: Fast jeder Fünfte von Armut oder Ausgrenzung bedroht

 

10 Kommentare

Kommentieren

  1. null