AZ-Interview mit Wolfsexperte "Abstand halten und keinesfalls nachlaufen!"

Wölfe sind eigentlich "Ureinwohner" Bayerns. Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie im Freistaat jedoch ausgerottet. Seit Beginn des Jahrtausends trauen sie sich vereinzelt zurück. Foto: imago

Die Wolfssichtungen im Freistaat häufen sich. Im AZ-Interview erklärt ein Experte, was das für Flora und Fauna bedeutet – und wie man sich bei einer Begegnung verhalten sollte.

 

München - Seit Anfang des Jahres konnten im Nationalpark Bayerischer Wald und auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr je ein Wolfspärchen nachgewiesen werden. Anfang April riss ein durchziehender Wolf im Landkreis Bad Tölz vier Jungschafe. Die AZ hat mit Marco Heurich, Wildbiologe im Naturpark Bayerischer Wald, über die Rückkehr von Canis lupus gesprochen.

AZ: Herr Heurich, wann werden im Bayerischen Wald die ersten Wolfsrudel heulen?
MARCO HEURICH: Im Nationalpark wird seit 2015 ein standorttreuer Wolfsrüde beobachtet, der mehrmals mit Fotofallen abgelichtet werden konnte. DNA-Proben zeigen, dass das Tier mit großer Wahrscheinlichkeit aus der alpinen Wolfspopulation stammt. Im November wurde im Nationalpark von einer Fotofalle ein Bild aufgenommen, auf dem zwei Tiere zu sehen sind. Aus Kotproben konnte nachgewiesen werden, dass das zweite Tier aus der zentraleuropäischen Population, also aus den neuen Bundesländern oder Westpolen stammt. Da die Tiere während der Paarungszeit zusammen beobachtet wurden, ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass im Frühsommer auch Jungtiere geboren werden.

Wie haben sich die Wölfe bisher bemerkbar gemacht?
Bislang haben sie sich sehr unauffällig verhalten. Wölfe sind eher scheu. In fast zwei Jahren wurden sie nur wenige Male direkt beobachtet. Risse von Beutetieren, die sicher von den Wölfen stammen, konnten wir bislang nicht finden.

Wäre der Nationalpark ein geeigneter Lebensraum für sie?
Ein Rudel braucht mehrere Hundert Quadratkilometer, um überleben zu können. Im Vergleich dazu ist der Nationalpark mit 242 Quadratkilometern relativ klein. Allerdings befindet sich auf der anderen Seite der Grenze der Nationalpark Sumava mit einer Fläche von etwa 690 Quadratkilometern. Zusammen bilden beide Parke damit ein sehr großes Schutzgebiet.

Traten im Nationalpark bisher Konflikte mit dem Wolf auf?
Bisher gab es keinerlei Konflikte. Vermutlich haben die Tiere sich von Rehen und Hirschen ernährt. Das gehört ja zur Natur, zumal in einem Nationalpark, wo das Motto "Natur Natur sein lassen" gilt und möglichst keine direkten menschlichen Eingriffe stattfinden sollen. Seit im Jahr 2000 die ersten Wolfswelpen in Deutschland geboren wurden, kam es noch nie zu Übergriffen auf Menschen. Allerdings sind Wölfe keine Kuscheltiere und man sollte ihnen im unwahrscheinlichen Fall einer Begegnung mit Respekt begegnen.

Was bedeutet das?
Man sollte Abstand halten und auf keinen Fall den Tieren nachlaufen, um sie beispielsweise zu fotografieren. Auch darf man sie unter keinen Umständen füttern, da sie sonst die Nähe zu Menschen mit Futter in Verbindung bringen und die Nähe von Ortschaften aufsuchen könnten. Hunde sollten in Wolfsgebieten grundsätzlich an der Leine geführt werden.

"Luchse klettern auf Bäume, um sich in Sicherheit zu bringen"

Haben die Jäger im Nationalpark Änderungen im Verhalten anderer Tiere bemerkt?
Da ist es einfach noch zu früh, um sichere Angaben zu machen. Wir wissen aus anderen Wolfregionen, dass das Rotwild dazu tendiert, aus Sicherheitsgründen größere Gruppen zu bilden. Denn viele Augen und Ohren können die Raubtiere früher entdecken. Außerdem suchen die Tiere sichere Lebensräume auf. So kann man im Yellowstone Nationalpark beobachten, dass sich die Hirsche im dichten Wald verstecken, wo die Wölfe nicht gut jagen können.

Was hat man außerdem beobachtet?
Dass Wölfe einen starken Einfluss auf kleinere Raubtiere ausüben können. Beispielsweise konnte man einen Rückgang der Kojotenbestände in den Gegenden Nordamerikas beobachten, in die Wölfe zurückkehrten. Ähnliche Einflüsse sind auch für die Füchse möglich. Unter Umständen heißt dies, dass bodenbrütende Vögel wie das seltene Auerhuhn durch die Anwesenheit der Wölfe wieder häufiger werden. Luchse dagegen haben eine gute Methode sich vor Wölfen in Sicherheit zu bringen: Sie klettern einfach auf einen Baum. Darüber wie sich die Rückkehr der Wölfe auf die Lebensgemeinschaften in unseren Waldökosystemen auswirkt, besteht wissenschaftlich noch einiger Klärungsbedarf.

 

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