AZ-Interview mit Verena Bentele VdK-Präsidentin warnt: Viele Pfleger steigen irgendwann aus

Die ehemalige Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Verena Bentele, ist neue Präsidentin des Sozialverbandes VdK. Foto: Oliver Berg/dpa, Thomas Rosenthal

Jens Spahn kündigt ein Sofortprogramm Pflege an: 13 000 neue Stellen und Milliarden-Investitionen. Was das Paket im Einzelnen beinhaltet – und warum das laut Experten noch lange nicht reichen kann.

 

München - Was nützen die Maßnahmen, die Gesundheitsminister Jens Spahn (CSU) zur Lösung des Pflegenotstands versprochen hat? In einem Sofortprogramm Pflege verspricht er unter anderem mehr Stellen, als die im Koalitionsvertrag ursprünglich vereinbarten 8.000. VdK-Präsidentin Verena Bentele beurteilt im Gespräch mit der AZ die Wirksamkeit des Milliardenpakets.

AZ: Frau Bentele, der Gesundheitsminister hat 13.000 neue Stellen in der Altenpflege angekündigt. Ist damit der Pflegenotstand beendet?
VERENA BENTELE: Der Pflegenotstand wird mit dem Sofortprogramm nicht passé sein. Es ist wichtig, dass es einen ersten Schritt gibt und dass nun mehr Stellen veranschlagt sind als im Koalitionsvertrag angekündigt. Aber erstens werden die 13.000 Stellen nicht reichen – wir brauchen eher 60.000 Stellen. Zweitens ist es so, dass wir in Deutschland schon jetzt über 35.000 offene Stellen in diesem Bereich haben.

Weder die offenen noch die geplanten Stellen können besetzt werden. Wie lässt sich das ändern?
Der Pflegeberuf muss attraktiver werden – durch bessere Arbeitsbedingungen, aber auch durch bessere Bezahlung und Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel die Kinderbetreuung für Pflegerinnen und Pfleger, die im Schichtdienst arbeiten. Ich persönlich bin der Meinung, dass wir zudem über die Option nachdenken müssen, dem Personalmangel in der Pflege auch mit Pflegekräften aus dem Ausland entgegenzuwirken.

Was ist am Sofortprogramm sinnvoll?
Es ist sinnvoll, dass im Bereich der Digitalisierung beispielsweise die Dokumentationen vereinfacht werden und dass in die Ausbildung investiert werden soll. Was ich auch sehr gut finde, ist, dass die Kosten nicht zulasten der Beitragszahler gehen, sondern aus den Mitteln der gesetzlichen Krankenkasse finanziert werden, und auch die private Pflegeversicherung an der Finanzierung beteiligt werden soll.

Der GKV-Spitzenverband hat sich skeptisch geäußert.
Was wir nicht wollen, ist, dass die Kosten für diejenigen, die Pflege benötigen und für deren Angehörige steigen. Es ist gut, die hohen Rücklagen der Krankenkassen und auch die private Pflegeversicherung hierfür heranzuziehen. Mit Sicherheit sind aber mittel- bis langfristig auch Steuermittel nötig.

Einige fordern bundesweit einen Studiengang Pflege, um den Beruf aufzuwerten.
Das wäre eine Möglichkeit. Ich bin aber der Meinung, in die Pflege sollte man mit allen Schulabschlüssen einsteigen können, vom Studium bis zu einer Theorie-reduzierten Ausbildung als Pflegehelfer.

Wäre eine Gehaltserhöhung für die Pfleger nicht auch ein wichtiges Signal?
Ja. Die Pflegekräfte müssen deutlich besser bezahlt werden. Aber es braucht auch eine gute präventive Gesundheitsvorsorge, beispielsweise durch Supervision. Die physische und psychische Belastung der Pflegerinnen und Pfleger ist hoch. Das heißt, viele halten den Job unter jetzigen Bedingungen nicht durch? Es ist mit Sicherheit für viele eine Herausforderung.

Werden die Pfleger durch das Programm genug entlastet?
Da müsste man sicherlich noch deutlich mehr machen. Wir wissen heute schon, dass viele in Pflegeberufen aufgrund der hohen Belastung aussteigen und dem nicht bis zur Rente gewachsen sind.

Spahns Planung sieht je nach Einrichtungsgröße maximal zwei neue Stellen vor.
Wenn beispielsweise nachts eine Pflegerin oder ein Pfleger für 30 bis 40 Menschen zuständig ist, wissen wir, dass diese Zahl definitiv nicht angemessen ist. Eine zusätzliche Stelle bedeutet am Ende täglich nur knappe viereinhalb Stunden zusätzliche Zeit.

Erst die 8.000 neuen Fachkraftstellen im Koalitionsvertrag, nun 13.000. Die Politik wagt nur kleine Vorstöße. Fehlt ein langfristiges Gesamtkonzept?
Es ist sicherlich so, dass wir über ein Gesamtkonzept sprechen müssen und jetzt schon darüber nachdenken, wie wir damit umgehen, in ein paar Jahren immer mehr ältere Menschen haben. Der demografische Wandel erfordert langfristig politisches Handeln.

Warum schreckt die Politik bisher davor zurück?
Wir sehen jetzt beim Sofortprogramm Pflege, was das kostet: Es geht immer gleich in die Milliarden. Und das ist natürlich ein Hemmschuh für die Politik. Das Thema ist sehr aufwendig und teuer.

Wie kann die Pflege dem demografischen Wandel begegnen?
Man muss jetzt schon in die Personalgewinnung investieren und bereits in Schulen und Berufsschulen die Pflegeberufe bekannt machen und ihre Attraktivität aufzeigen. Interview: Lisa Marie Albrecht

 

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