AZ-Interview mit TSV-1860-Star Dominik Stahl: „Ruhe wäre schön“

Dominik Stahl wünscht sich Ruhe. Foto: RAUCHENSTEINER/Cremer

Dominik Stahl spricht in der AZ über den Machtkampf bei den Löwen, seine Genesung, Ziele für die neue Saison und die Faszination 1860.

 

AZ: Herr Stahl, letztes Jahr haben Sie ziemlich gelitten – wie geht es Ihrem rechten Knie jetzt?

DOMINIK STAHL: Danke, besser. Ich bin froh, dass ich im Trainingslager in Bodenmais dabei sein konnte und auch schon mit dem Ball arbeiten konnte. Prognosen sind aber immer schwer, daher gebe ich lieber keine ab.

Sie konnten in der ganzen letzten Saison nur zehn Spiele bestreiten. Wie groß ist die Angst, dass die Leidensgeschichte weitergeht?

Wenn man einen Schlag auf dieselbe Stelle kriegt, denkt man: Mist, bloß nicht schon wieder! Das muss man so gut es geht ausblenden. Das kann ich aber ganz gut.

Die ganze letzte Spielzeit würde sich ja gut als Verdrängungsgegenstand eignen.

Es war krass! Relegation allein ist nicht erstrebenswert – solche Extremsituationen kann man nicht nachvollziehen, wenn man sie nicht erlebt hat. Ich hoffe, wir können daraus alle etwas mitnehmen. Für die Karriere, für die Persönlichkeit. Aber: Das brauchen wir nicht nochmal.

Im Relegations-Rückspiel gegen Kiel mussten Sie auch noch in der Anfangsphase raus.

Es war so ärgerlich. Ich dachte: Das kann doch nicht wahr sein. Ich will doch auf dem Platz stehen und alles raushauen. Dann muss man so fair sein und sagen: Es geht nicht mehr. So ein wichtiges Spiel geht nur topfit. Ich war natürlich wahnsinnig enttäuscht.

So bekamen Sie den irren Relegations-Krimi nur von draußen mit.

Das Schlimme ist: Die Anspannung nimmt nicht ab, wenn man draußen ist, sondern ist nur noch größer. Das 0:1 war ein absoluter Schock-Moment: Wenn Du weißt, du brauchst zwei Tore. Beim 2:1 habe ich mich einfach nur riesig gefreut. Für meinen Kumpel Kai Bülow, und natürlich für die Fans: Wenn man sieht, was da alles dranhängt für alle Beteiligten – die Atmosphäre war Wahnsinn. Verwandte, Freundeskreis: Wer mich alles angesprochen hat! Da hat man so richtig gemerkt, wie weit Sechzig in München verbreitet ist. Mehr kann ich dazu gar nicht sagen, man kann es eigentlich gar nicht beschreiben. Ich weiß nur: Ich habe noch nie so dringend Urlaub gebraucht.

Wie haben Sie diesen verbracht?

Ich war mit meiner Frau in Portugal, an der Westküste. Ganz viel rumliegen, lesen, abschalten, ganz viel Ruhe. Das war essenziell wichtig, für alle von uns. Danach war ich wieder in München bei der Behandlung, ständig in Kontakt mit der medizinischen Abteilung – das war mein Urlaub, Teil zwei. Natürlich nicht ganz so entspannend, aber ich konnte trotzdem ein bisschen abschalten.

Wird der Last-Minute-Klassenerhalt den Löwen jetzt einen Schub geben?

Die Hoffnung ist da, dass wir daran wachsen. Sowas kann auf jeden Fall zusammenschweißen. Wir wissen jetzt: Wir können jedes Spiel drehen (lacht).

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Sportchef Poschner hat einen Mittelfeldplatz ausgegeben.

Ich würde einen gesicherten Mittelfeldplatz sofort unterschreiben. Mich jetzt hier hinzusetzen und nach so einer Saison große Ziele zu formulieren, wo es Spitz auf Knopf stand, wäre absolut lächerlich.

Wie letzte Saison ein gewisser Herr Moniz?

Nein, für uns gilt: Erstmal kleine Brötchen backen. Unser Primärziel: Alles geben, damit es nicht nochmal so kommt. Alles darüber hinaus nehmen wir natürlich gerne mit.

Man fragt sich ja: Wie sollen die Löwen bei dem Machtkampf der Bosse denn überhaupt eine ruhige, halbwegs erfolgreiche Saison spielen?

Das muss man ausblenden. Ob ich jetzt einen Pass ein bisschen weiter rechts oder links spiele, ist nicht abhängig davon, wer Präsident, Sportchef oder Trainer ist. Ich kann nur sagen: Ein bisschen Ruhe wär’ mal schön.

Zum Thema Neuzugänge: Warum sollte ein Spieler, der die Wahl zwischen mehreren Klubs hat, sich denn für das Löwen-Chaos entscheiden? Machen Sie doch mal Werbung!

Man kann sich als Spieler natürlich fragen: Will ich immer alles schön entspannt in meiner Karriere, oder will ich mal richtig erleben, was Sechzig eigentlich ist – mit allen Höhen und Tiefen. Es ist ein Riesen-Verein, von dieser Größe und Aufmerksamkeit können manch andere Klubs nur träumen. Auch von solch einer Zuschauerkulisse, wenn man sieht, was hier möglich ist. Eine wunderschöne Stadt, eins der schönsten Stadien Deutschlands – da gibt’s schon Argumente dafür

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Aber auch einige dagegen.

Ich bin jetzt über elf Jahre hier, da lernt man den Verein kennen. Klar, während meiner Zeit bei Sechzig hätte ich schon einige Psycho-Theorien entwerfen können (Stahl studiert nebenbei Psychologie, Anm. d. Red.). Ich habe darüber schon oft nachgedacht: Bei vielen Vereinen geht’s bestimmt ähnlich turbulent zu – Sandhausen, Heidenheim, oder sonstwo – aber da kriegt’s keiner mit. Bei uns interessiert es einfach viel mehr Leute.

 

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