AZ-Interview mit Seyran Ates Muslimischer Feiertag? "Das ist Blödsinn"

, aktualisiert am 27.10.2017 - 08:10 Uhr
Mittagsgebet in einer Moschee in Berlin-Neukölln: Von Muslimen fordert Seyran Ates, sich von den extremistischen Strömungen in der Religion stärker zu distanzieren. Foto: imago

Seyran Ates, Gründerin einer liberalen Moschee, hält nichts von der Idee des Innenministers. In der AZ spricht sie auch über Terror und Islam sowie Morddrohungen.

Die in Istanbul geborene Rechtsanwältin Seyran Ates (54) lebt seit Jahrzehnten in Deutschland. Sie ist Initiatorin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, die für einen liberalen Islam steht. Am Sonntag diskutiert sie zusammen mit Daniel Cohn-Bendit und Markus Söder bei der Europa-Debatte der AZ in den Kammerspielen.

Vorab spricht sie im Interview über die Islamisierung der Gesellschaft und über die Forderung von Innenminister Thomas de Maiziere nach muslimischen Feiertagen in Deutschland.

AZ: Frau Ates, Sie haben vor Kurzem eine liberale Moschee in Berlin eröffnet. Was unterscheidet diese von anderen in Deutschland?
Seyran Ates: Bei uns beten Männer und Frauen zusammen, letztere dürfen predigen. Wir haben kein Problem mit Homosexualität sowie mit anderen Religionen oder Atheisten. Wir verurteilen Menschen nicht für ihre Lebensweise und haben großes Interesse am interreligiösen Dialog.

Sie setzen sich für einen säkularen liberalen Islam ein. Wie wollen Sie ihn reformieren?
Wir verändern nicht die Religion, sondern wollen zeitgemäß mit dem Koran leben. Praktisch bedeutet das, die Menschenrechte über alles zu stellen. Viele Muslime sind nicht einverstanden mit der fundamentalistischen Ausrichtung des Islam und wollen einfach modern im 21. Jahrhundert leben.

Sie warnen vor einer zunehmenden Islamisierung der deutschen Gesellschaft. Was läuft falsch?
Traditionelle Verbände geben etwa bei der Islamkonferenz Gutachten ab, wie die Integration des Islam gelingen kann. In einigen steht zum Beispiel, dass das Kopftuch zur religiösen Pflicht erklärt werden soll, sogar bei Kindergartenkindern. Das geht nicht – ebenso wenig wie, dass Schüler in der Grundschule fasten sollen. Wenn sich Jugendliche im Namen des Islam vom Schulsport befreien lassen oder Buben der Lehrerin die Hand nicht geben – alles schwierig. Da wird die Religionsfreiheit extrem überdehnt.

Da ist die Politik gefordert.
Es existiert eine Parallelgesellschaft von Muslimen, die nicht nur ihre eigene Lesart praktizieren, sondern auch der Gesamtgesellschaft gegenüber feindlich gesinnt sind. Das verharmlost die Politik, ebenso wie den Extremismus.

Muss eine europäische Politik gegen Extremismus her?
Nötig ist da ein Datenabgleich. Das heißt, Gefährder müssen europaweit anderen Ländern mitgeteilt werden. Bei extremistischen Arbeitgebern und -nehmern muss es einfacher sein, die Arbeitsverhältnisse zu kündigen. Und wir brauchen die Möglichkeit, dass diejenigen, die in einer Moschee radikalisiert worden und später umgekehrt sind, Schadenersatzansprüche etwa gegenüber einem Hassprediger geltend machen können.

Viele Muslime sagen, der Terror hätte nichts mit dem Islam zu tun. Was sagen Sie denen?
Die Attentäter haben nicht die Bibel gelesen, nicht die Tora, sondern den Koran – und haben aus dem interpretiert, dass sie Ungläubige töten sollen. Das hat selbstverständlich was mit dem Islam zu tun. Diese Menschen beten fünfmal am Tag Richtung Mekka, predigen in Moscheen und begreifen sich als Muslime.

Das sind auch die liberalen Muslime in der Pflicht, sich davon abzugrenzen. Da sieht und hört man relativ wenig.
Denen rufe ich zu: Seid sichtbarer! Die Fundamentalisten sind laut, die Liberalen zurückhaltend. Das muss sich ändern – und so wird sich auch die öffentliche Wahrnehmung des Islam ändern.

Brauchen wir in Deutschland einen muslimischen Feiertag?
Um Gottes Willen! Das ist eine katastrophale Idee von Innenminister Thomas de Maizière. So ein Vorstoß ist in Zeiten, in denen wir mit Extremisten und Islamisten in Deutschland zu kämpfen haben, für die AfD ein gefundenes Fressen. Wer in seiner geistigen Umnachtung solch Blödsinn von sich gibt, braucht sich nicht wundern, wenn die AfD weiter punktet.

In Deutschland, Österreich, Polen und Tschechien sind Rechtspopulisten und EU-Skeptiker an der Macht beziehungsweise ins Parlament eingezogen. Wohin soll das noch führen?
Das Thema Flüchtlinge hat zu diesem Rechtsruck geführt. Um diesen einzudämmen, müssen wir Antworten auf die Fragen geben, wie wir in einer Gesellschaft mit vielen Kulturen besser miteinander leben können. Die Antwort kann nicht sein, die Rechten zu beschimpfen. Wir brauchen eine europäische Einwanderungspolitik mit der klaren Botschaft: Wer in dem Friedensprojekt Europa, wo Menschenrechte geachtet werden, leben will, darf kommen. Wer die Gesellschaft verändern will, jede Kritik an seiner veralteten Tradition als Rassismus auffasst oder Gleichberechtigung nicht akzeptiert, hat in Europa nichts verloren.

Stichwort Zuwanderungspolitik: Was erwarten Sie hier von der neuen Regierung?
Die sollen endlich ein Einwanderungsgesetz schaffen, Deutschland zu einem Einwanderungsland erklären, Kontingentaufgaben starten und Fluchtursachen bekämpfen. Es braucht ein erkennbares System, wie wir in Europa Menschen aufnehmen können.

Ein gutes Beispiel, wie Zusammenleben funktionieren kann, ist Ihre Moschee. Diese erzürnt erzkonservative Muslime, Sie bekommen Morddrohungen. Warum tun Sie sich das an?
Es gibt Tausende von Männern und Frauen in islamischen Ländern, die sich nicht trauen, Missstände anzuprangern, weil sie Angst haben, deswegen im Gefängnis zu landen. Den Menschen will ich eine Stimme geben. Wenn ich persönlich in Deutschland den Luxus habe, mich zu Wort melden zu können, und dieses Recht nicht wahrnehme, verrate ich diejenigen, die in der islamischen Welt für Dinge kämpfen, für die ich hier nicht mehr kämpfen muss. Lieber nehme ich in Kauf unter Polizeischutz zu stehen, als den Mund zu halten.

Wer steckt hinter den Anfeindungen?
Ich weiß, dass der türkische Präsident Erdogan und seine Partei AKP für die Drohungen verantwortlich sind.

Wie kommen Sie da drauf?
Nachdem wir die Moschee eröffnet hatten, berichteten türkische Staatsmedien wochenlang negativ sowie verachtend über unser Projekt und schrieben auf Geheiß von Erdogan, wir seien eine Fethullah-Gülen-Moschee.

Den macht Erdogan für den Putschversuch im Juli 2016 verantwortlich.
Für Erdogan ist Gülen ein Terrorist, deshalb sind wir das auch. So schließt der Machthaber den Teufelskreis.

Jetzt hat ein Gericht die Freilassung des Menschenrechtlers Peter Steutdner aus der U-Haft angeordnet. Gibt es doch einen Funken Gerechtigkeit in Erdogans Reich?
Absolut nicht! Diese Freilassung passt zu Erdogans Art, wie er Politik betreibt: Zuckerbrot und Peitsche. Das Ganze ist Augenwischerei, er will den Kritikern nur zeigen: 'Seht, ich nehme euch ernst. Es hat doch ein fairer Prozess stattgefunden.' Wer auf solche Worte reinfällt, hat keine Ahnung von dem, was in der Türkei vor sich geht. Erdogan schätzt weder Menschenrechte noch Demokratie. Die Türkei ist ein Unrechtsstaat, Erdogan ein Diktator.


Die Podiumsdiskussion "Last Exit Europe" in Kammer 1 der Kammerspiele beginnt am Sonntag, 29. Oktober, um 11 Uhr. Tickets (12 Euro, ermäßigt 6) gibt's ab sofort hier.

 

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