AZ-Interview mit Profi-Ringer Frank Stäbler: "Ich werde meinen letzten Kampf nicht gegen Corona verlieren"

"Eine Goldmedaille steht für so viel mehr als nur den Olympiasieg", sagt Ringer Frank Stäbler (l.) über den letzten großen Traum seiner Karriere. Foto: Luigi Mariani, IPA/imago

Ringer Frank Stäbler wollte nach Olympia seine Karriere beenden – und hängt nun noch ein Jahr dran. "Noch einmal durch diese Hölle gehen."

 

Der 30-jährige Frank Stäbler aus Musberg in der Nähe von Stuttgart wurde als erster Ringer der Welt Weltmeister in drei Gewichtsklassen (2015, 2017 und 2018). Außerdem war er zweimal Europameister.

AZ: Herr Stäbler, Sie kommen gerade von Ihrer Baustelle, hält Sie der Hausbau sehr auf Trab?
FRANK STÄBLER: Absolut, jeden Tag gibt es etwas zu regeln und zu tun. Normalerweise wäre ich jetzt wahrscheinlich gar nicht zu Hause und würde irgendwo Wettkämpfe bestreiten, aber durch die Corona-Krise habe ich Zeit, mich um mein Haus zu kümmern. Daran sieht man wieder: Alles Negative hat auch einen Funken Positives in sich. Man muss es nur suchen und entdeckt es oft erst später.

Olympia-Verschiebung für Frank Stäbler "wie ein Schlag ins Gesicht"

Haben Sie denn auch die Olympia-Verschiebung bereits verarbeitet? Die Spiele sind ja der letzte große Traum Ihrer Karriere, danach wollen Sie aufhören.
Drei Tage nach der Entscheidung bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Die Verschiebung war ja absehbar und zu erwarten, trotzdem habe ich bis zur letzten Sekunde an meinem Traum festgehalten, weil ich es sonst nicht geschafft hätte, mich täglich im Training zu überwinden und in den roten Bereich zu gehen. Als dann die offizielle Verschiebung kam, war das wie ein Schlag ins Gesicht, alles ist von mir abgefallen.

Wie haben Sie neue Motivation gefunden?
Ich habe erstmal mit mir selbst gesprochen, ob es überhaupt möglich ist, noch ein ganzes Jahr dranzuhängen, alles war ja nur bis zu den Spielen ausgelegt. Nach 16 Jahren Kampfsport zwickt und zwackt es an jeder Ecke. Ich habe meinem Körper immer befohlen, noch vier Monate durchzuhalten, nur noch diese kurze Zeit. Plötzlich wurden daraus 16 Monate.

Der Gedanke, wie viel Verzicht, wie viele Entbehrungen mit diesem zusätzlichen Jahr verbunden sind, wie viel Blut, Schweiß und Tränen ich bis dahin vergießen müsste, war schwer erträglich. Doch dann haben mir mein Kopf und mein Herz sehr schnell signalisiert, dass ich weitermachen muss. Es wird zwar unwahrscheinlich schwer, aber der Traum lebt. Ich werde meinen letzten Kampf nicht gegen Corona verlieren!

"Ab und zu darf man sich als Sportler auch belohnen"

Auf was freuen Sie sich denn am meisten in der Zeit nach der Karriere?
Nicht mehr leiden zu müssen! Und endlich frei zu sein. Einfach mal morgens aufzuwachen und tun zu können, was man möchte, essen und trinken, was einem schmeckt. Sich mal ein Bierchen zu gönnen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Mit Freunden feiern zu gehen, ohne schon wieder auf die Uhr schauen zu müssen. All diese kleinen Dinge.

Trinken Sie denn gerne mal ein Bierchen?
Ich bin da ganz ehrlich: Ab und zu genieße ich gerne ein Weizenbier. Ich kann mich noch erinnern, als ich 16 Jahre alt war, habe ich nach dem Kampf oft eine Cola getrunken. Da kam mein damaliger Trainer und sagte zu mir: "Bevor du so einen Mist trinkst, genehmige dir doch lieber ein anständiges Weizen. Da sind mehr Mineralstoffe enthalten." Mittlerweile sehe ich das auch so. Ab und zu darf man sich als Sportler auch belohnen.

Der Triathlet Jan Frodeno hat einmal gesagt, es würde ihn mehr Energie kosten, immer zu verzichten, als wenn er ab und zu ein Glas Wein trinkt.
Das sehe ich ganz genauso. Ich kenne viele Athleten, die noch disziplinierter sind als ich, die komplett in ihrem Tunnel leben, die sich dann aber so einen Druck auferlegen, dass sie im Wettkampf nicht mehr frei agieren können. Von daher gilt es für jeden, für sich die richtige Balance zu finden.

Frank Stäbler muss neun Kilo abnehmen

Was aber nun erschwerend für Sie hinzukommt, ist, dass Sie neun Kilogramm abnehmen müssen, um Ihre Gewichtsklasse bei Olympia zu erreichen.
Ja, denn meine Gewichtsklasse wurde bei Olympia gestrichen. In die nächsthöhere Klasse zu wechseln, wäre keine Alternative gewesen, dort hätte ich wohl keine Chance gehabt. Jetzt muss ich von meinen 76 Kilogramm auf 67 runter.

Wie funktioniert das? Große Fettpolster werden Sie nicht haben...
Ich habe das bei der letzten Weltmeisterschaft, als ich mich für Tokio qualifiziert habe, schon einmal gemacht. Ich habe für ein halbes Jahr meine komplette Ernährung, mein Training, mein Leben umgestellt und habe mich sukzessive ans Gewicht herangetastet. Die letzten zwei, drei Kilogramm verliert man dann durch Entwässerung in der letzten Woche vor dem Wettkampf. So ist auch der Plan für Tokio, noch einmal durch diese Hölle zu gehen.

Sie haben in Ihrer Karriere alles gewonnen, was man gewinnen kann – außer eine Olympiamedaille. Was würde Ihnen die zum Abschluss der Karriere bedeuten?
Eine Goldmedaille steht für mich für so viel mehr als nur den Olympiasieg. Sie steht für die unglaubliche Disziplin, für das Durchhaltevermögen, das man in seiner ganzen Karriere aufbringen musste. Für den einen Traum, für den man immer gelebt hat. Sie steht dafür, dass man eine Vorbildrolle für so viele Kinder einnimmt, die einem nacheifern, und die man inspirieren kann. Und sie steht dafür, dass man für das Außergewöhnliche, das man geleistet hat, in die Geschichtsbücher eingeht und nicht vergessen wird. Das alles gibt mir die Kraft, weiterzumachen, auch wenn es sehr schwer wird.

Nun haben Sie in der Olympia-Vorbereitung ja noch einen wichtigen Vorteil – Sie haben sich kürzlich einen früheren Hühnerstall auf dem elterlichen Bauernhof in ein Trainingscenter umgebaut und können dadurch als einer der wenigen in der Krisenzeit uneingeschränkt trainieren...
Auch da hat sich aus etwas ganz Negativem, einem Hallenverbot, etwas sehr Positives entwickelt. Damals war ich ja gezwungen, mich nach einer Lösung umzuschauen, weil ich in meiner vorigen Trainingshalle aufgrund eines Streits mit meinem Ex-Verein nicht mehr uneingeschränkt trainieren durfte. Ich war dann vorübergehend im alten Kuhstall, der aber nicht winterfest war, so dass ich manchmal bei minus 2 oder 3 Grad trainieren musste.

Irgendwann hab ich gesagt: Jetzt muss eine andere Lösung her. Innerhalb von sieben Monaten haben wir dann aus einem alten Bretterverschlag eines der modernsten Ringer-Trainingszentren Deutschlands geschaffen. Alle haben mit angepackt: Papa, Opa, Freunde der Familie – die haben sechs Tage die Woche zehn Stunden am Tag durchgearbeitet. Wir haben über 4.500 Arbeitsstunden privat dort reingesteckt. Ohne diesen Einsatz wäre es nicht realisierbar gewesen.

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