AZ-Interview mit Nida-Rümelin Wie muss ein TV-Programm für 8 Milliarden Euro aussehen?

Geboren 1954 in München lehrt der Professor theoretische, angewandte und politische Ethik und Philosophie an der LMU. Er war Münchner Kulturreferent und Kulturstaatsminister im ersten Kabinett Schröder Foto: privat

Riesige Rücklagen für Pensionen, hunderte Millionen für Fußballrechte, über ein Drittel der Primetime für Krimis? Was läuft falsch, was richtig im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wie dem BR? Am Dienstag wird darüber in der Akademie der Schönen Künste diskutiert. Mit dabei: Julian Nida-Rümelin.

AZ: Herr Nida-Rümelin, wenn Sie auf die Medienlandschaft schauen, was fällt ihnen auf?

JULIAN NIDA-RÜMELIN: Ich will – vielleicht überraschend – mit dem Positiven beginnen: Ich kenne die TV-Landschaft auch in den USA ganz gut. Und hier gibt es das, was wir unter öffentlich-rechtlichem Fernsehen verstehen, so nicht. Und es fällt sofort auf: Das Niveau ist viel niedriger. Die öffentlich-rechtlichen Sender bei uns haben ungefähr 8 Milliarden Euro zur Verfügung. Das ist so viel wie die Kulturförderung von Bund, Ländern und Gemeinden zusammen. Damit muss verantwortlich umgegangen werden im Sinne des Bildungs-, Kultur- und Informationsauftrags.

Hat die Einführung des Privatfernsehens in den 80ern nicht auch das Niveau der Öffentlich-Rechtlichen gesenkt?

Sicher, sie sind in den Quotenkampf eingestiegen und haben das Niveau gesenkt. Aber – und das ist auch interessant: die Privaten mussten sich auch auf das Niveau des Öffentlich-Rechtlichen einstellen und sind so – im Vergleich zu anderen Ländern – nach oben gezogen worden. Ich selbst hätte gut weiter ohne die Privaten leben können. Und die Mär, dass mehr Sender mehr Vielfalt und Pluralität von Meinungen bringen würden, habe ich auch nie geglaubt. Es war klar, dass ökonomische Interessen bei Privaten nicht zu Meinungsvielfalt führen, sondern zu einem Massengeschmacksprogramm. Österreich ist übrigens ein Beispiel, dass das Öffentlich-Rechtliche mit gutem Programm stark bleiben kann.

Was legitimiert heute den öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch, wenn er genauso auf Massenprogramme setzt?

Das ist der Punkt! Wenn ich ihn durch Steuern oder Abgaben finanziere, dann muss er auch Güter transportieren, an denen wir als Gesellschaft ein gemeinsames Interesse haben. Da sind wir beim gesetzlichen Auftrag: Bildung, Kultur, Politik und Information. Die starke Präsenz von Talk-Shows ist kein gelungenes Beispiel, weil die zu oft in Shows mit Eventcharakter ausarten statt in Gesprächsrunden, in denen mit genügend Zeit Argumente ausgetauscht werden. Oft werden Argumentationen aus Zeitgründen und aus Angst, es würde zu komplex, abgewürgt. Aber genau das bräuchte eine Demokratie.

Und was ist mit „Unterhaltung“?

Die ist ja marktgängig. Deshalb habe ich kein Verständnis für ein „Traumschiff“ oder volkstümlichen Musiksendungen, die ja die wahre Volksmusik gar nicht abbilden. Das ist das Gegenteil des Kulturauftrags. Das einzige, was dafür spricht ist, dass für das weniger werberelevante ältere Publikum die Privaten kaum Sendungen machen. Wir haben zwar einen immer größeren Anteil an älterer Bevölkerung, aber auch dafür gibt es bessere Inhalte.

Ein Drittel der so genannten Primetime wird für Krimis hergenommen!

Auch ein Krimi kann – gerade auf dem Niveau, wie ihn manchmal die Öffentlich-Rechtlichen machen – Kultur sein. Aber ein solcher Sendeanteil ist natürlich überzogen.

Sollten ARD und ZDF nicht darauf verzichten, Hunderte von Millionen Euro für Fußballrechte auszugeben?

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen soll ja auch Dinge zeigen, die die Fernsehnation eint. Dazu gehören Spitzenkandidaten-Runden vor Bundestagswahlen, Wahlberichterstattung, vielleicht auch Länder- oder Champions-League-Spiele. Und wenn das zu teuer wird, wäre es ja auch denkbar, gesetzlich eine freie Grundversorgung zu garantieren. Aber das müssten Medien-Juristen klären. Was man in der ganzen Diskussion um die Inhalte viel zu wenig beachtet hat, ist: Die Wettbewerbshüter der EU sind schon heute den Öffentlich-Rechtlichen nicht sehr gewogen. Hinzu kommen die Freihandels-Abkommen im neoliberalen Zeitgeist. Da wäre es ein Befreiungsschlag, sich zur Legitimation auf die Kernaufgaben zu konzentrieren. Dazu zählen Geschichtssendungen, Sendungen mit aufwendigen Recherchen und der so genannte investigative Journalismus, aber auch Berichte über Kulturereignisse. In Frankreich wird auch von Opern- und Theaterpremieren in den Abendnachrichten berichtet. In Deutschland sagt man immer: „Das interessiert zu wenige!“ Aber das stimmt nicht, weil man mit Berichterstattung ja auch Interesse wecken kann.

Wäre auch ein Verzicht auf Werbeeinnahmen sinnvoll.

Ja. Als Kulturstaatsminister hat man mir abgeraten, das zu sagen, aber ich fände das richtig, auch wenn große Einnahmen wegfallen. Das würde die Öffentlich-Rechtlichen auch unabhängiger machen vom ökonomischen Denken und von der Quoten-Fixierung. Es wäre ein Befreiungsschlag, auch was eine klare Unterscheidung vom Privat-TV angeht.

Die Öffentlich-Rechtlichen flüchten sich ja immer stärker in Sparten-Kanäle.

Das ist ebenfalls problematisch. Denn sie sind dazu da, gesellschaftlich Relevantes prominent im Hauptprogrammen zu präsentieren. Das wäre eine gesellschaftliche Klammer, die die Öffentlich-Rechtlichen versuchen müssen: Menschen ansprechen, die sich erst einmal nicht für Anspruchsvolles interessieren – mit guten Formen und Formaten, die das Anspruchsvolle ansprechend präsentieren, ohne zu verflachen.

Dienstag, 28.4., 19 Uhr, Akademie der Schönen Künste, residenz, Max-Joseph-Platz: "Öffentlich-rechtlicher Rundfunk - Quo vadis?", mit Julian Nida-Rümelin, Edgar Reitz, Jens Malte m Fischer und dem Intendanten des BR, Ulrich Wilhelm

 

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