AZ-Interview mit Marcel Wüst "Kittel ist ein Glücksgriff für den Radsport"

Marcel Kittel und sein extra für ihn angefertigtes Rad. "Er ist ein Glücksfall für den Radsport", so Marcel Wüst über den Sprinter. Foto: dpa

In der AZ spricht Ex-Radstar Marcel Wüst über den deutschen Topsprinter Marcel Kittel und Richie Portes Horrorsturz: "Gut, dass ich das nicht mehr machen muss".

 

Der frühere Top-Sprinter (49) hat insgesamt 14 Etappen bei Tour, Giro d’Italia und der Spanien-Rundfahrt gewonnen.

AZ: Herr Wüst, die Königsetappe der Tour de France am Sonntag wurde überschattet von dem schweren Sturz von Richie Porte, der sich dabei das rechte Schlüsselbein und die Hüftpfanne gebrochen hat. Welche Gefühle kommen in Ihnen hoch, wenn Sie solche Bilder sehen?
Marcel Wüst: Mitleid ist vielleicht das falsche Wort, aber Anteilnahme auf jeden Fall. Mir kommt dabei auch immer der Gedanke: Gut, dass ich das nicht mehr machen muss. Meine Karriere wurde ja auch durch einen schlimmen Sturz beendet. Wobei mir natürlich immer bewusst war und ist, dass das zum Berufsrisiko gehört. Man kann sich nur maximal dagegen schützen, aber vermeiden kann man es nicht.

War vielleicht die Streckenführung zu riskant? Erst der steile Anstieg zum Mont du Chat, dann eine enge, gefährliche Abfahrt. Einige Favoriten waren abgehängt, so dass die Spitzengruppe natürlich unbedingt ihren Vorsprung halten wollte. Das kann zu riskanter Fahrweise verleiten...
Dann dürfte man auch keine Sprintankünfte mehr machen. Das gehört im Radsport mit dazu, die Jungs sind Profis, aber sie machen halt auch mal Fehler. Als Ayrton Senna in Imola verunglückt ist, kam auch keiner auf die Idee, die Strecke als unsicher zu bezeichnen. Das war hier wie dort eine Verkettung von unglücklichen Umständen. Da würde ich den Veranstaltern keinen Vorwurf machen.

Kommen bei Ihnen Erinnerungen an Ihren Unfall im Jahr 2000 hoch? Sie haben damals die Sehkraft des rechten Auges verloren und mussten Ihre Karriere beenden.
Nein, damit habe ich komplett abgeschlossen, das ist verarbeitet. Ich schaue sehr glücklich nach vorne. Allerdings, wie gesagt, ich bin froh, dass es vorbei ist. Das gilt nicht nur für die Stürze, sondern auch für die Quälerei, eine Etappe bei 40 Grad Hitze über sieben Berge fahren zu müssen. Trotzdem war der Radsport Teil meines Lebens, den ich sehr geliebt habe. Ich fahre auch nach wie vor Rennrad, aber eben weniger weit und weniger schnell.

Porte galt als einer der größten Herausforderer von Titelverteidiger Chris Froome. Ist der Weg für Froome zum erneuten Toursieg nun frei?
Die Tour lebt natürlich von diesen Duellen. Porte, der wahrscheinlich ärgste Widersacher, ist jetzt leider raus, Alberto Contador und Nairo Quintana scheinen nicht auf der Höhe des Geschehens zu sein. Als Radsportfan hofft man jetzt, dass Fabio Aru für Spannung sorgen kann. Der hat immerhin 2015 die Spanien-Rundfahrt gewonnen, er hat auch auf der ersten Bergankunft auf der Planche des Belles Filles Zeit rausgefahren. Er wird, beflügelt von dieser Leistung, weiter attackieren. Ich würde mir wünschen, dass es zu diesem Duell Froome gegen Aru kommt.

Lassen Sie uns über Marcel Kittel sprechen, der mit seinem Etappensieg am Freitag, dem dritten bei der diesjährigen Tour, den Rekord von Erik Zabel mit 12 Tagessiegen eingestellt hat.
Kittel ist ein Glücksgriff, nicht nur für den deutschen Radsport, sondern für die Tour insgesamt. Er ist ein Typ, der sympathisch ist, der Klartext spricht, der optisch ein Hingucker ist und wirklich Top-Leistungen abliefert. Wir können froh sein, dass wir jemanden wie ihn haben im deutschen Radsport. Eigentlich bräuchten wir mehr Typen wie ihn.

Kittel ist auch Protagonist der neuen deutschen Radsport-Generation, die sich vehement gegen Doping ausspricht. Ist er glaubwürdig?
Auf jeden Fall! Wer so klare Worte spricht, der kann sich nichts erlauben. Und wie die letzten Fälle zeigen, werden die Leute doch rausgefischt, die meinen, man könnte immer noch betrügen. Die Art und Weise, wie Kittel einen anschaut, wenn er mit dir spricht, wie er den Leuten in die Augen kuckt, bringt mich zur Auffassung: Der Mann hat Charakter, der hat Stil, der hat Rückgrat.

Was trauen Sie ihm bei dieser Tour noch zu?
Wer dreimal gewonnen hat, der kann auch vier- und fünfmal gewinnen. Wenn man als Sprinter immer wieder gewinnt, steigt das Selbstvertrauen, und das der anderen nimmt im Gegenzug automatisch ab. Mental wird es für ihn immer leichter, zu gewinnen. Wie es physisch nach den harten Bergetappen aussieht, das weiß ich nicht. Ich würde es ihm gönnen, weiter zu siegen – aber auch André Greipel, der mit einem weiteren Etappensieg den Zabel-Rekord ebenfalls einstellen würde. Das wäre eine schöne deutsche Story.

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