AZ-Interview mit Jonas Hummels Nach WM-Aus: "Rücktritt? Nein, Mats hat noch viel Antrieb"

"Der Kopfball wird ihn natürlich verfolgen", sagt Jonas Hummels über die Torchance seines Bruders Mats gegen Südkorea. Foto: dpa

Jonas Hummels spricht in der AZ über das Aus der DFB-Elf - und glaubt nicht an einen Rückzug seines Bruders. "Er hätte der Held sein können."

 

München - Der 27-Jährige arbeitet als SPORT1-Experte bei "WM Aktuell" und ist am Dienstag live ab 13 Uhr wieder aus dem O2 Tower zu sehen. Außerdem ist der Ex-Fußballprofi für DAZN tätig.

AZ: Herr Hummels, Sie sind zu den Viertelfinals als Sport1-Experte bei "WM Aktuell" eingestiegen. Dass das DFB-Team da schon raus ist, hätten Sie wohl nicht erwartet?
JONAS HUMMELS: Überhaupt nicht. Meine Vorhersagen sind aber eh nicht passend. 2014 habe ich gesagt: "Achtelfinale, wenn es gut läuft." Diesmal dachte ich: Finale. Weil Deutschland mit Brasilien mein Favorit war. Jetzt sind sie draußen.

Macht es das für Ihre Arbeit als Experte jetzt einfacher oder komplizierter?
Ein bisschen einfacher, weil es bei manchen Themen, was meinen Bruder Mats und die Nationalmannschaft angeht, für mich nicht immer so leicht ist: Da muss ich wesentlich mehr aufpassen, was ich sage, weil vieles auch gerne umgedreht wird. Von daher ist es gar nicht so unangenehm, dass ich nicht mehr so viel über das deutsche Team reden muss.

Ein wenig müssen wir das aber schon. Woran ist das DFB-Team aus Ihrer Sicht gescheitert?
Ich hatte das Gefühl, dass es eine kleine Apathie gab. Die Körpersprache sah viel nach Fehlervermeidung aus. Man hat den Spielern angemerkt, dass sie gebremst sind, nicht mehr diesen Flow, dieses Intuitive hatten, um frei aufzuspielen. Sie haben diese Galligkeit nicht mehr auf den Platz gebracht. Eigentlich können sie ja noch genauso gut passen und schießen. Diese Emotion hat irgendwie gefehlt. Woran das lag, das muss man jetzt intern aufdröseln.

Joachim Löw will das als Bundestrainer nun weiterhin tun.
Ich finde es gut, dass er noch diesen Willen hat und so nicht aufhören will. Es ist ja ein gutes Zeichen, dass er sich zutraut, das Ruder rumzureißen. Er hat zwölf Jahre lang sehr gute Arbeit geleistet. Trotzdem war ich von seiner Entscheidung überrascht. Man hat ihm angemerkt, dass ihm das Vorrundenaus nahegeht. Deshalb dachte ich, dass er das Kapitel beendet.

Er selbst spricht von "tiefgreifenden Maßnahmen", die jetzt getroffen werden müssen. Trauen Sie ihm das zu, auch sich selbst zu hinterfragen?
Er hat immer den richtigen Hebel gefunden, auch den, wie man Weltmeister wird. Warum sollte er das jetzt nicht können?

"Der Kopfball wird ihn natürlich verfolgen"

Sie haben einen Abschluss in Psychologie. Wäre ein Neuanfang für einen neuen, unbefangenen Bundestrainer möglicherweise leichter gewesen?
Da müsste man gruppenpsychologisch herangehen, weil es ja um ein ganzes Team geht. Ein kompletter Neuanfang wäre schon schwieriger für Löw. Es war ja nicht alles schlecht. Diese Radikalnummer wird es nicht geben. Vielleicht ja ein paar Schnitte in der Leitung und dem Führungsstil. Damit wäre er gut beraten. Wenn man die Führung ändert, bedeutet das auch einen fundamentalen Umbruch, den man in der Öffentlichkeit womöglich gar nicht als solchen wahrnehmen würde.

Noch kein Nationalspieler hat seinen Rücktritt erklärt. Ihr Bruder Mats ist aber keiner, der damit noch überraschen könnte?
Das kann ich mir nicht vorstellen. Er hat auch nichts mir gegenüber geäußert. Er hat noch ziemlich viel Antrieb und will noch etwas erreichen.

Jonas Hummels im Gespräch mit AZ-Redakteur Julian Buhl.
Jonas Hummels im Gespräch mit AZ-Redakteur Julian Buhl.

Haben Sie schon über das WM-Debakel geredet?
Nee. Wir haben uns ein bisschen über Tennis und Basketball unterhalten, triviale Themen. Er ist in Urlaub gefahren und soll das jetzt erstmal verarbeiten. Wenn wir uns dann sehen, reden wir vielleicht noch darüber, vielleicht auch nicht. Er musste sich ja in der Öffentlichkeit schon viel dazu äußern.

Zum Beispiel direkt nach dem 0:2 gegen Südkorea, als er sehr mit seinem Kopfball (87.) zum möglichen 1:0 haderte.
Der wird ihn natürlich verfolgen, auch wenn er nicht dafür da ist, die Tore zu schießen. Aber er hätte der Held werden können, so wie vor vier Jahren im Viertelfinale gegen Frankreich.

Kritisieren Sie Ihn auch mal?
Das ist relativ schwierig auf dem Niveau, auf dem er ist. Ich finde - auch wenn ich da natürlich gefärbt bin -, dass er eine gute WM gespielt hat. Das Ausscheiden lag nicht an ihm.

Zwei Brüder, zwei Mannschaftskapitäne

Aus Expertensicht dürften Sie sich über jemanden wie Ihren Bruder freuen, der unangenehme Dinge anspricht.
Andere Leute freuen sich da sicher mehr. Für mich ist er in erster Linie mein Bruder. Ich weiß, wie er ist, kenne ihn mein ganzes Leben lang.

Als Profi-Fußballer traten Sie in die Fußstapfen ihres Vaters, folgen Sie jetzt dem Vorbild Ihre Mutter Ulla Holthoff?
Sie war immer hauptsächlich Sportredakteurin beim Fernsehen. Das, was ich mache, ist ja etwas anderes: Als Kommentator oder Experte ein bisschen über Fußball schnacken. Aber sie gibt mir viel Feedback. Das ist sehr wichtig für mich.

Fragen Sie sich manchmal noch, was ohne Ihre Kreuzbandrisse, wegen denen Sie aufhören mussten, als Fußballer möglich gewesen wäre?
Da denke ich eigentlich nicht mehr darüber nach, allerdings erinner ich mich gerne an meine Karriere zurück, weil das eine sehr schöne Zeit war. Ich führe ein gutes Leben, bin autark und in keiner Position, mich zu beklagen.

Sie waren in Unterhaching Kapitän, genau wie Ihr Bruder Mats über Jahre in Dortmund. Liegt das etwa in der Familie?
Das ist bei uns definitiv die Sozialisation. Wir sind unheimlich liberal erzogen worden. Wenn wir auf irgendwas keine Lust hatten, haben wir unsere Meinung artikuliert: Das haben wir von zu Hause so mitbekommen.

Stimmt es, dass Sie den gemeinsamen Traum hatten, sich als Kapitäne mal auf dem Spielfeld zu begegnen?
Das wäre ganz witzig gewesen. Wir haben da auch solche Szenarien durchgespielt, dass wir uns dann die Hand geben, einfach vom Platz gehen und das Ganze dann sein lassen. Wir haben leider nie gegeneinander gespielt. Vielleicht ist es ganz gut, dass es nie so gekommen ist (lacht).

 
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