AZ-Interview mit Fadumo Korn "Beschneidung ist verboten - und findet trotzdem statt"

Fadumo Korn vom Verein NALA engagiert sich für Frauen, die Opfer von Beschneidung geworden sind. Foto: ho

Sie hat ihre Beschneidung nur knapp überlebt - nun engagiert sie sich für andere Opfer.

 

München - Fadumo Korn ( 52) wäre als Siebenjährige in Somalia fast an den Folgen ihrer Genitalbeschneidung gestorben. Den Schock und den Schmerz hat die Autorin beschrieben in ihrem Buch: "Geboren im großen Regen."

Die Münchnerin arbeitet seit über 30 Jahren als Dolmetscherin für die Stadt. Sie ist mit einem Münchner Pressefotografen verheiratet und hat einen Sohn: "Ich bin schwarz, aber ich habe mich eingebayert", sagt Fadumo Korn. 2011 wurde die eloquente, lustige und kämpferische Münchnerin mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Ihr Verein NALA - Bildung statt Beschneidung - arbeitet gegen die rituelle Gewalt.

AZ: Gibt es auch in München Beschneidung?
FADUMO KORN: Sie ist verboten. Trotzdem findet sie statt. Meist werden die Mädchen aber bei einem Ferienaufenthalt in Afrika beschnitten.

Sie konnten als Nomadenmädchen in Somalia den großen Tag ihrer Beschneidung kaum erwarten.
Ja, aber als alles vorbei war, fühlte ich mich von meiner Kultur betrogen. Man hatte mir Dinge suggeriert, die nicht stimmten. Ich war nicht schön. Ich strahlte nicht. Furcht und Traurigkeit zogen in jeden Winkel meines Körpers. Ich hatte wochenlang hohes Fieber. Die Entzündung schlug sich auf meine Gelenke und verkrüppelte meine Hände. Reiche Verwandte schickten mich als Jugendliche zur medizinischen Behandlung nach Deutschland.

Hier angekommen, flüchtete ein Frauenarzt vor Ihrem Anblick aus dem Behandlungszimmer.
Er war ein älterer Herr, doch er hat mir mit seinem Verhalten beinahe seelischen Schaden zugefügt. In Afrika gelten alte Menschen als weise. Ich habe gelernt, dass hier oft die jüngeren Ärzte sensibler reagieren.

Mütter in Somalia lassen ihre Töchter beschneiden, damit sie "rein" werden - nur so können sie verheiratet werden.
Genitalfalten gelten als hässlich. Werden die großen Schamlippen aber miteinander vernäht, wirkt der Unterleib kindlich, sauber und glatt. Als Kind dachte ich, wenn die Klitoris nicht abgeschnitten wird, wächst sie bis zum Knie. Unbeschnittene Mädchen gelten als unbeherrscht und freizügig.

Welche Beschneidungsarten gibt es?
Bei der kleinsten Form, wird die Spitze der Klitoris abgeschnitten. Beim Typ II wird die gesamte Klitoris herausgeschnitten. Mich hat man auf die extremste Art, die pharaonische Weise, beschnitten. Dabei wird das gesamte äußere Geschlecht weggeschnitten und weggeschabt. Die großen Schamlippen werden zusammengeklappt und vertikal vernäht. Für das Menstruationsblut bleibt nur eine Öffnung von der Größe eines Maiskorns.

Wie kann die Frau danach überhaupt noch Sexualität haben?
In Somalia wird eine Frau in der Hochzeitsnacht geöffnet. Manchmal tut sie es selbst mit einem Messer, manchmal eine Tante oder der Mann. Doch einige Frauen gebären, ohne je richtig geöffnet worden zu sein. Im besten Fall reißt die Narbe auf. Aber das vernarbte Gewebe dehnt sich manchmal nicht. Dann können sie verbluten und ihre Babys können ersticken.

Wie sieht die Prävention in München aus?
Den meisten betroffenen Migrantinnen ist unbekannt, dass FGM in weiten Teilen der Welt nicht praktiziert wird. Die Sozialpädagoginnen von IMMA und ihr multikulturelles Team klären Mädchen und Frauen zuerst darüber auf. Außerdem gibt es Schulworkshops zu FGM und Trainings für Flüchtlinge zum Thema Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Sie sind kein Opfer, sondern eine starke Überlebende…
So fühle ich mich. Dass das Thema in München jetzt so groß aufgegriffen wird, stimmt mich optimistisch. Die tolle und richtige Initiative von Gesundheitsreferat und Frauenklinik zeigt auf drastische Weise, was wir jetzt tun müssen, um möglichst viele der gefährdeten Migranten-Mädchen bei uns vor der menschenrechtsverletzenden Verstümmelung zu bewahren. Sonst droht ihnen eine Beschneidung im zarten Alter zwischen vier und acht Jahren.

Weitere Informationen: nala-fgm.de und imma.de

Hintergrund: 800 Mädchen in München droht Genitalverstümmelung

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