AZ-Interview mit dem England-Experten Steffen Freund: "England ist neidisch auf uns"

Steffen Freund spielte zwischen 1999 und 2003 für die Tottenham Hotspurs Foto: dpa

An diesem Freitag kommt es zum Klassiker England gegen Deutschland. Die AZ sprach mit Experte Steffen Freund über den Mythos Wembley, die Probleme der Three Lions, Sané, Özil und Klopp.

 

München - Steffen Freund spielte in England für Tottenham Hotspur und Leicester City, 1996 wurde er Europameister. Inzwischen arbeitet er als TV-Experte bei RTL Nitro.

AZ: Herr Freund, England trifft am Freitag (21 Uhr/ZDF live) im neuen Wembley-Stadion auf Deutschland. Dort sind Sie 1996 Europameister geworden. Woran denken Sie, wenn Sie Wembley hören?
STEFFEN FREUND: Wembley ist ein spezieller Ort für mich. 1996 haben wir im EM-Halbfinale England geschlagen, ich habe mich in dem Spiel leider schwer verletzt. Es herrschte immer eine emotionale Atmosphäre in Wembley, ich kann mich an tolle Spiele mit Tottenham Hotspur erinnern, Pokalfights, besondere Momente der Karriere. Es war schon damals in der DDR mein Traum, einmal in Wembley zu spielen.

Sie haben von 1999 bis 2003 in der Premier League für Tottenham gespielt, waren später Co-Trainer dort. Fühlen Sie sich als halber Engländer?
Ich bin von ganzem Herzen Deutscher, aber in England habe ich mich immer sehr wohlgefühlt, ich mag die Mentalität der Menschen. Ich war der erste Deutsche in einem Trainerstab in der Premier League. Diese Liga ist etwas ganz Besonderes, die Stimmung einfach richtig cool.

Einige englische Stars haben diesmal abgesagt. Wie viel Aussagekraft hat das Duell?
Es ist bitter, dass Spieler wie Harry Kane, Dele Alli oder Raheem Sterling fehlen. Das sind sehr wichtige Säulen der neuen englischen Generation. Wegen der vielen Ausfälle ist es zwar ein Klassiker, aber kein richtiger Gradmesser. Nach der souveränen Qualifikation träumen die englischen Fans mal wieder vom WM-Titel.

Gibt es Anlass dazu?
Die Engländer haben vor dem Turnier immer die Hoffnung, weit zu kommen, aber wenn es losgeht, klappt nichts mehr. Mit ein bisschen Losglück ist vielleicht das Viertelfinale drin. Aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering, dass sie es noch weiter schaffen. England wird bei der WM keine Chance auf den Titel haben.

"Sané spielt abgezockt, richtig cool, ihm macht die Härte nichts aus"

Woran liegt es, dass England bei großen Turnieren scheitert?
Das größte Problem ist aus meiner Sicht die fehlende Winterpause. Die englischen Spieler kommen immer platt zu den Turnieren, weil sie von August bis Mai durchspielen. Es wäre für die Engländer wichtig, wenn sie rund um Weihnachten mal pausieren könnten. Das ist der große Vorteil der Bundesliga und damit auch der deutschen Nationalelf. Ein bisschen Hoffnung macht aus englischer Sicht, dass gerade viele junge Spieler nachrücken, die vielleicht nicht so viel Regeneration brauchen und dann bei der WM fit sind.

Sie kennen die englische Seele. Wie groß ist der Neid auf den deutschen Fußball?
Die Engländer sind richtig neidisch auf uns, auf die Winterpause, unsere Nationalelf und unsere Erfolge bei den Turnieren. Das wurmt sie. Allerdings muss man sagen, dass auf Klubebene gerade eine Wende stattfindet. Die englischen Vereine schießen wie Raketen an den Bundesliga-Klubs vorbei, alle fünf Teams (Chelsea, Manchester City, Manchester United, Tottenham, Liverpool, d. Red.) spielen in der Champions League eine gute Rolle. Die Premier League war früher schon in der Breite stärker als die Bundesliga. Jetzt sind auch die Spitzenklubs auf Topniveau. Nur der FC Bayern kann da aus deutscher Sicht mithalten.

Und doch ist die deutsche Nationalelf stärker....
Das Problem ist, dass die Nationalmannschaft nicht genug von der Stärke der Premier League profitiert. Die Klubs kaufen zu oft „fertige“ Spieler, setzen weniger auf Talente. Das macht die Bundesliga besser. Der englische Nachwuchs ist top, bei Turnieren immer vorne dabei wie zuletzt als Sieger der U17-WM. Und inzwischen sogar an Deutschland vorbeigezogen. Aber die Talente bekommen in den Klubs nicht die Chance wie in der Bundesliga.

Wer ist Ihr WM-Favorit?
Wenn man sich die Konstanz der letzten Jahre anschaut, die Breite des Kaders und den jüngsten Erfolg beim Confed Cup mit einer B-Mannschaft, ist Deutschland das Team, das es zu schlagen gilt, der Topfavorit auf den WM-Sieg. Wir werden wieder weit kommen, da bin ich sicher. Aber natürlich muss man schauen, was Spanien, Brasilien, Frankreich, Argentinien und Italien machen. Gegen diese Teams können wir an einem schlechten Tag ausscheiden, speziell Italien war in der Vergangenheit immer gefährlich für uns.

Ein wichtiger Spieler für Joachim Löw könnte Leroy Sané werden. Er ist aktuell Top-Scorer der Premier League und steht mit Manchester City und Pep Guardiola an der Tabellenspitze.
Sané spielt abgezockt, richtig cool. Ihm macht die Härte in der Premier League nichts aus. Wenn er den Turbo zündet, kann ihn keiner aufhalten. Die Engländer feiern ihn, bei seinen Aktionen stehen die Leute auf. In der besten Liga der Welt so herauszuragen, ist beeindruckend. Sané macht den Unterschied bei Manchester City aus. Er ist auf dem Weg, auch Stammspieler in der Nationalmannschaft zu werden.

Mesut Özil bekommt aktuell hingegen schlechte Kritiken.
Er wird kritisch gesehen, weil er seinen auslaufenden Vertrag bei Arsenal noch nicht verlängert hat. Ich denke, er ist ein Spieler, den das psychisch belastet, wenn seine Zukunft nicht geklärt ist. Über seine herausragenden Fähigkeiten, seinen Stellenwert im Nationalteam brauchen wir nicht zu diskutieren. Er wird als gesetzter Stammspieler in die WM starten. Und in Topform sein. Wenn im neuen Jahr seine Zukunft geklärt ist, wird er wieder der Alte sein.

Auch für Jürgen Klopp läuft es beim FC Liverpool nicht perfekt. Ist es für Sie vorstellbar, dass er im Sommer neuer Bayern-Trainer wird?
Ich würde mich für die Liga und Deutschland freuen, wenn er zu Bayern geht. Für den FC Bayern wär's die beste Lösung. Klopp kennt die Liga, spricht die Sprache – und er hat in Deutschland mit dem BVB alles gewonnen: Meisterschaft, Pokal. Das kann keiner der anderen Kandidaten, die gehandelt werden, nachweisen. Ich kann mir aber nur schwer vorstellen, dass er das macht. Liverpool ist ein riesiger Klub, emotional eigentlich nicht zu toppen. Ein solcher Wechsel wäre nur möglich, wenn Liverpools Vereinsführung Klopp nicht mehr will.

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