AZ-Interview mit Bayern-Aufsichtsrat Stoiber: "Der FC Bayern ist klar gegen eine Super League"

Planen die Zukunft des FC Bayern München: Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß. Foto: imago

Edmund Stoiber glaubt an Niko Kovac - und erteilt einer Super League eine klare Absage. Lesen Sie hier Teil zwei des großen AZ-Interviews mit Edmund Stoiber.

 

AZ-Interview mit Dr. Edmund Stoiber. Der 77-Jährige war von 1993 bis 2007 Ministerpräsident Bayerns, seit 2007 ist er Ehrenvorsitzender der CSU. Er sitzt im Aufsichtsrat des FC Bayern.

AZ:Wie haben Sie die Wut-Pressekonferenz der Bosse aufgenommen?
EDMUND STOIBER: Sie haben die Angriffe auf den Verein und die Mannschaft als verletzend und ungerecht empfunden, vor allem die Attacken auf den Trainer und Spieler wie Manuel Neuer. Da war nicht alles gelungen, das geben sie heute selber zu. Ich bin der größte Verfechter der Pressefreiheit. Aber das Ziel von Uli und Kalle, die eigenen Spieler zu schützen, das habe ich immer verteidigt. Ich glaube, dass das in der Mannschaft nicht ohne Wirkung geblieben ist.

Rummenigge hat sogar mit Artikel 1 des Grundgesetzes, der Menschenwürde argumentiert. Hätte der FC Bayern Franck Ribéry nach dessen Ohrfeigen-Ausraster in Dortmund dann nicht auch bestrafen müssen?
Viel größer hätte der Aufschrei doch nicht sein können als dadurch, dass Ribéry jetzt den Bambi nicht erhalten hat.

Diese Sanktion kam aber nicht vom FC Bayern.
Das stimmt.

Also noch mal: Hätte es nicht ein klareres Statement gebraucht? Wenn einer Ihrer Minister jemand geohrfeigt hätte, hätten Sie sicher auch härter reagiert.
Dass da nicht alles gelungen ist, darüber müssen wir nicht reden. Ich finde, dass das öffentliche Echo über diese tätliche Auseinandersetzung zu Recht negativ war. Ribéry hat sich ja auch dafür entschuldigt. Aber Uli betrachtet sich als einen, der seine Spieler schützt. Er hat ihm sicher unter vier Augen sehr deutlich gesagt, was er davon hält.

Ein anderes Thema, das in den vergangenen Wochen für Aufsehen gesorgt hat, ist die Super League. Wie stehen Sie dazu?
Die großen Spiele in der Champions League wie vergangene Saison gegen Real Madrid sind das Sahnehäubchen, aber sie können nicht das Alltagsbrot werden. Das ist genau die Meinung des FC Bayern. Ich kann nicht das Spiel Bayern München gegen Werder Bremen ersetzen durch die Spiele Bayern gegen Liverpool, gegen Manchester United oder gegen Atlético Madrid. Das wäre die Super League.

"Die Fans wollen die Champions League und die Bundesliga haben"

Das heißt, Sie sind komplett dagegen?
Absolut. Es ist wirklich falsch, was über Rummenigge zuletzt geschrieben wurde. Er hat im Aufsichtsrat schon 2016 gesagt: Der grundsätzliche Fußballcharakter wird durch die Super League massiv bedroht. Alles würde unwiderruflich verändert werden. Glauben Sie mir: Rummenigge macht sich Gedanken, ob der Fußball, den es nach seiner Amtszeit geben wird, der Fußball des Jahres 2025 noch unser Fußball ist – oder ob er allein dem rücksichtslosen Kommerzgedanken unterworfen wird. Dass Rummenigge, wie der "Spiegel" geschrieben hat, die Einführung einer Super League rechtlich überprüfen lässt, das gehört zu seiner Aufgabe, um dann gewappnet zu sein, wenn irgendjemand kommt und sagt: Wir machen das. Noch mal: Der FC Bayern ist klar gegen eine Super League, Rummenigge ist Fan der Bundesliga. Diese Idee kommt von anderen Vereinen, die investorengerechter sind. Wie soll sich Uli Hoeneß denn in einem Verein, der 290.000 Mitglieder hat, bei der Hauptversammlung hinstellen und von der Super League reden? Die Fans wollen doch die Bundesliga und die Champions League haben.

Wie aber will der FC Bayern in Zukunft mit ausländischen Klubs mithalten, die von Investoren gestützt werden?
Das Financial Fairplay ist das Instrument dazu, die Grundlage. Wenn ein Verein wirtschaftlich gut arbeitet und erfolgreich ist, muss es möglich sein, international mithalten zu können. Rummenigge kümmert sich sehr um das Thema. Er genießt einen erheblichen Respekt in Brüssel, bei der EU-Kommission, bei anderen Organisationen, vor allem bei der Uefa durch seine jahrelange Führung in der ECA (Europäische Klub-Vereinigung, d.Red.). Die Frage ist: Wie können wir den europäischen Fußball fair und spannend erhalten? Es muss sich jetzt etwas tun.

Und was? Klubs wie Paris Saint-Germain hebeln das Financial Fairplay immer wieder aus und werden trotzdem nicht entsprechend bestraft.
Es stimmt, dass das Financial Fairplay von manchen Klubs nicht eingehalten wird. Die Kleinen werden hart angepackt und die Großen drohen damit, ganze Kohorten von Anwälten vor den Europäischen Gerichtshof zu schicken. Das hat man beim Neymar-Transfer zu Paris-Saint Germain gesehen. Es werden teilweise auch Kosten für Sponsoringverträge abgesetzt, die nicht dem "fair value" entsprechen. Das Problem liegt darin, dass Fußballvereine vom europäischen Recht her als Wirtschaftsvereinigung angesehen werden. Juristisch betrachtet, ist es so, dass das Financial Fairplay vor Gericht wohl keinen Bestand hat. Kalle Rummenigge und der FC Bayern wollen das ändern.

Wie soll das gelingen?
Wir bräuchten eine Regulierung auf der Ebene der EU, eine Rechtsänderung. Damit Verfehlungen der Klubs tatsächlich sanktionierbar sind. Dazu muss man jetzt aber etwas tun. Ich hoffe jedenfalls, dass das noch eingeleitet wird von dem deutschen Kommissar Günther Oettinger, mit dem wir schon sehr lange darüber gesprochen haben. Der hat als Fußballfan Verständnis dafür und möchte daran arbeiten.

Wie realistisch ist es, dass es zu einer solchen Gesetzesänderung kommt?
Entweder man regelt es im Primärrecht, in dem Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union, das wäre dann enger. Oder aber die Leitlinien der Generaldirektion Wettbewerb werden geändert. Für die Änderung des Primärrechts brauchst du ein Riesen-Verfahren, das dauert vielleicht drei Jahre. Das andere könnte schon in eineinhalb Jahren umzusetzen sein. Ich kenne Günther Oettinger seit Menschengedenken, wir haben als Ministerpräsidenten zusammengearbeitet. Auch Kalle hat mit Oettinger gesprochen, er arbeitet mit Uefa-Präsident Alexander Ceferin daran. Es ist ein wichtiges sportpolitisches Thema und die Zeit drängt: Oettinger ist noch ein Dreivierteljahr da, dann ist die nächste Wahl. Ich habe über das Thema auch mit Jean-Claude Juncker (Präsident der EU-Kommission, d.Red.) gesprochen, ob wir daran arbeiten sollen und er hat gesagt: Mach’ mal. Aber ich kenne die Brüsseler Bürokratie, die Kommission. Das kann dauern.

Sind denn noch andere Klubs außer dem FC Bayern daran interessiert?
Ich glaube, es kann sich grundsätzlich kein Klub diesem Thema entziehen. Je mehr der Investorenfußball in Europa dominiert, desto mehr musst du das regeln. Ich glaube, der Druck wird stärker. Es ist natürlich so, dass die Deutschen beim Financial Fairplay am meisten vorangehen, während die Briten diesen Investorenfußball schon länger praktizieren. Wenn ich mir heute den britischen Fußball anschaue, dann haben die zum Teil ihr Publikum ausgewechselt. Die haben die Stadien voll, aber die Eintrittspreise sind so hoch, mit 100 Pfund, dass sich das der klassische Arbeiter, der kleine Mann, nicht mehr leisten kann.

"Infantino scheint nur ans Geldmachen zu denken"

Was zu einer immer größeren Entfremdung zwischen Fans und Klubs führt.
So ist es. Ein Ökonom würde bei einem Champions-League-Viertelfinale sagen: Das reize ich aus, der billigste Platz kostet mindestens 100 Euro. Das wird es bei uns nicht geben. Mit 35 Euro muss es für den Fan grundsätzlich möglich sein, ein Viertelfinalspiel gegen Real Madrid zu sehen. Wir haben in Deutschland insgesamt eine andere Fankultur als in Frankreich, Spanien, England oder Italien. Die Leute respektieren Gehälter von zehn Millionen Euro, wenn der Spieler seine überragende Leistung bringt. Aber Eintrittskarten müssen bezahlbar bleiben.

Wie stehen Sie eigentlich zu Fifa-Präsident Gianni Infantino, der offenbar den letzten Cent aus dem Fußballgeschäft herauspressen will?
Ich habe von diesem Konsortium gelesen, mit dem Infantino für 25 Milliarden Euro eine Klub-WM außerhalb der Fifa und eine globale Nations League neben der Fußball-WM veranstalten will. Er scheint nur ans Geldmachen zu denken, das geht nicht! Ich würde mir wünschen, dass sich in der Debatte inhaltlich mehr Akteure aus der Bundesliga einmischen würden. Denn Infantino ist da für mich noch schlimmer als Blatter und schadet unserem Fußball.

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