AZ-Interview Martin Steer: "Wir leben in einer permanenten Gegenwart"

Martin Steer kann auch solo. Im Flux im Kapuzinerweg präsentiert er in Landshut sein erstes Album. Foto: Buenning

Als Gitarrist von „Frittenbude“ ist Martin Steer deutschlandweit bekannt. Am Samstag spielte er solo: im Flux.

 

Nur wenige Leute wissen, wo "Frittenbude", eine der kultigsten Bands Deutschlands, herkommt. Seine ersten Schritte als Musiker unternahm das Trio nämlich in Geisenhausen - ganz in der Nähe von Landshut. Der Auftritt am Samstag im Flux war für Martin Steer also quasi ein Heimspiel. Doch gibt es für seine Fans trotzdem eine Überraschung. Denn sein erstes Soloalbum "Bad Stream" klingt so ganz anders als die Musik, die man mit seiner Band "Frittenbude" verbindet. Wie es dazu kam, verrät er der AZ im Interview.

AZ: Sie haben sieben Jahre an Ihrem Album gearbeitet: Wie hat sich das Musikgeschäft in dieser Zeit verändert?
Ma
rtin Steer: Unglaublich. Als ich Teenager war und wir mit "Frittenbude" 2016 angefangen haben, wurde Musik noch über illegale und legale Downloads und mehr auch auf CD konsumiert. Es gab noch Myspace, das Albumformat hatte noch einen höheren Stellenwert. Heute läuft sehr viel über Spotify, Playlists und einzelne Lieder. Es ist also sehr spannend, wie die Zuhörer auf ein Album wie "Bad Stream" reagieren werden. Eigentlich passt "Bad Stream" gar nicht in die aktuelle Musiklandschaft.

Wieso?
Es ist ein detailreiches Konzeptalbum, das sich mit unserem digitalen Leben und seinen Schattenseiten beschäftigt und es erfordert Aufmerksamkeit, die - wie wir alle wissen - heutzutage sehr rar ist. Es geht um Liebe und ihre dunklen Seiten, um uns Menschen und wie uns das Internet verändert. Um das ewig gleiche Jetzt, in dem nichts wächst, aber auch nichts vergeht, wie eine schlechte Übertragung - ein Bad Stream - der nie zu Ende geht.

Das klingt spannend und anspruchsvoll. Frech gefragt, glauben Sie, dass "Bad Stream" bei den Hörern überhaupt ankommen wird?
Gute Frage. Mich haben Konzeptalben immer sehr geprägt, wie "OK Computer" von Radiohead oder "Year Zero" von Nine Inch Nails. Ich habe den Eindruck, dass es weniger Werke in diese Richtung heute gibt. Alles ist sehr fragmentiert geworden. In allererster Linie hab ich das Album für mich selbst gemacht. Man sollte nicht immer so viel Wert drauf legen, was die Leute hören wollen. Ich denke, wenn man sich zu sehr anpasst, dann geht viel verloren, wenn man eine musikalische Vision verfolgt. Für mich ist Bad Stream zusammen mit der Liveshow eine Welt, ein Universum das ich mir als Künstler erschaffen habe und in dem ich mich frei bewegen und entwickeln kann. Ganz unabhängig von Strömungen und Trends. Und es ist ja auch erst der Anfang von diesem Projekt.

Wie ist das Album insgesamt entstanden? Sieben Jahre sind eine sehr lange Zeit.
Ich habe immer wieder an einzelnen Stücken und Elementen in Berlin und auf Tour gearbeitet. Am Laptop, an der Gitarre, auf dem Smartphone, auf dem Papier. Hier eine Idee, dort ein Sound. Tausende Fragmente. Vor zwei Jahren bin ich dann mit den Vorproduktionen der elf Songs konkret und ganz klassisch in das "Raum 20-Tonstudio" zu Franz Sonnauer in Zorneding gegangen. Dort wurden Drums von André Wittmann eingespielt, meine Vocals aufgenommen und der Mix gemacht. Aber - und das ist die Ironie - ohne das Digitale würde es dieses Album nicht geben. "Bad Stream" ist eine Verbindung von analoger und digitaler Welt und das Projekt erzeugt in diesen Zwischenräumen musikalische Reibung und setzt daraus Energie frei.

Woher kommt diese Faszination - mit dem Digitalen?
Ich bin Teil der letzten Generation, die noch ohne Smartphone aufgewachsen ist. Ich weiß, dass es auch einmal eine Welt ohne Handy gegeben hat. Das ist jetzt aber keine Nostalgie, denn die Digitalisierung hat uns auch sehr viel weiter gebracht. Es geht darum, die guten und schlechten Seiten zu sehen. Schlecht wird es, wenn du nur noch auf das Smartphone vor dir konzentriert bist und nicht mehr auf die Menschen und das, was in deiner Umgebung vor sich geht - oder wenn ganze musikalische Karrieren auf gekauften Klicks und Likes basieren.

Aktuell entdecken sehr viele Musiker wieder den analogen Sound für sich, auch wenn er lediglich dazu dient, ein Retro-Stück auszuschmücken. Woher kommt eigentlich diese Faszination mit der Musik von früher?
Wenn man an die Zeit vor dem Smartphone zurückdenkt, gab es für jedes Lied eine Zeit, die man sofort damit assoziiert hat. Pink Floyd, das sind die 70er, Nirvana die 90er, Radiohead die frühen 2000. Davon haben sich Musiker inspirieren lassen, aber sie haben auch in die Zukunft geblickt. Seit einigen Jahren ist das nicht mehr so. Und das hat viel mit dem Internet zu tun. Mittlerweile gibt es Musik, die wie eine perfekte Kopie eines alten Sounds klingt, aber erst ein, zwei Jahre alt ist. Wir leben musikalisch in einer permanenten Gegenwart. Deshalb kann man sich vermeintlich nur rückwärts orientieren. Das sollte man in meinen Augen aber zumindest versuchen zu brechen, und neue künstlerische Konzepte und Herangehensweisen für sich entdecken, um sich so wieder eine Zukunft der Musik aber auch der Welt und unserer Gesellschaft vorstellen zu können.

Was macht den analogen Teil von "Bad Stream" aus?
Die Gitarren. Gitarrenmusik ist mittlerweile fast schon vom Aussterben bedroht. Das trifft mich als Gitarristen natürlich besonders. Deshalb habe ich bei "Bad Stream" Möglichkeiten gesucht, mit der Gitarre zu arbeiten und ihren Sound im Jahr 2018 neu auszuloten. Ich finde, analoge Instrumente haben einen Klang, der sich digital nicht reproduzieren lässt.

Was immer stärker in der Musik Fuß gefasst hat, ist das visuelle Element. Auch "Bad Stream" ist so gesehen ein Multimediaprojekt. Wie wird sich das Album denn live anhören?
Ein Konzeptalbum live auf die Bühne bringen - das hört sich komplizierter an, als es ist. "Bad Stream" ist nicht nur Musik, es ist Video, es ist Kunst und es ist Performance. Alle Bereiche spielen zusammen und fließen ineinander. Das ist natürlich auch ein Statement für unser heutiges Kunstempfinden. Ich habe immer wieder Ideen des Albums bei Solokonzerten oder in Live-Sets in Berlin ausprobiert - so konnte ich mich an meine Vision von der Liveshow herantasten. Fast wie ein Puzzle, das man über Jahre zusammensetzt. In meinen Liveshows kann man in mein manisches Universum eintauchen. Es ist tatsächlich wie ein Strom, ein Kopfkino. Es ist wie ein extrem eklektisches DJ-Set - aber eben mit Live-Musik.

Schwer wird eine Liveperformance von "Bad Stream" also für mich nicht, weil ich mich darin komplett frei fühle. Eher ist es noch einmal eine komplett andere Möglichkeit für den Zuhörer, sich mit dem Album zu beschäftigen und einen Zugang herzustellen.

 

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