AZ-Interview Marcel Reif: "Das werden die besten Bayern aller Zeiten"

"Wenn es ernst wird, können sie beides: Sich auf die Bundesliga und die Champions League konzentrieren", sagt Experte Marcel Reif über die Bayern um Costa (m.). Foto: Marc Müller/Sport1/GES/Augenklick/AZ

Exklusiv in der AZ spricht der Fußball-Experte über Carlo Ancelottis Philosophie und erklärt, warum die Spieler für ihn mehr laufen als für Guardiola.

 

München - Die AZ hat mit Marcel Reif gesprochen. Der 67-Jährige ist Deutschlands profiliertester TV-Kommentator, 1998 wurde er mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Er ist jetzt als Experte beim "Volkswagen Doppelpass" auf Sport1 tätig.

AZ: Herr Reif, Carlo Ancelotti hat im Kicker kürzlich den sehr italienisch anmutenden Satz gesagt: "Meister wird nicht, wer mehr Tore schießt – sondern, wer weniger zulässt." Ist damit erklärt, warum der FC Bayern gerade erfolgreich, aber nicht besonders attraktiv spielt?
MARCEL REIF: Carlo Ancelotti ist Italiener und bleibt Italiener, und Italiener haben noch nie anders gedacht. Es hat sich ja auch der Spruch durchgesetzt: Vorne gewinnt man Spiele, hinten Titel. Die Bayern spielen im Moment so, wie man spielt, wenn man weiß, dass die Saison noch gar nicht richtig losgegangen ist.

Sie meinen, dass sich die Mannschaft schont für die großen Spiele in der Champions League? Ist das nicht ein sehr hohes Risiko?
Wissen Sie, ich habe zwei schulpflichtige Söhne. Wenn die erst am Morgen vor einer Mathe-Arbeit anfangen zu lernen, ist das auch ein bisschen viel Risiko. Ich glaube, dass die Zeit unter Guardiola noch eine große Rolle spielt. Wer unter ihm nicht abgeliefert hat, wurde aussortiert. Ancelotti ist anders, er gibt seinen Spielern einen Vertrauensvorschuss. Und den nutzen die Bayern gerade mehr aus, als ich gedacht hätte.

Ist Ancelottis Ansatz trotzdem vielversprechender als der Guardiolas, was den Erfolg in der Champions League betrifft?
Ich glaube, ja. Für diese These spricht, was die Bayern gegen Leipzig veranstaltet haben. Da hatte ich das Gefühl, dass sie mal rechtzeitig vor der Mathe-Arbeit gelernt haben, um im Bilde zu bleiben. Auf dem ganz hohen Niveau in der Champions League geht es darum, diese Qualitäten abzuliefern wie beispielsweise Atlético Madrid: Das ist eine Mannschaft, die ihrem Trainer Diego Simeone glaubt und für ihn rennt. Und bei technischem und taktischem Gleichstand der großen Teams kommt es auf solche Dinge an. Ich glaube, dass man für einen Trainer wie Ancelotti den einen Meter mehr läuft. Für Guardiola sind die Bayern diesen Meter nicht gelaufen.

Sind die Bayern deshalb Favorit im Champions-League-Achtelfinale gegen den FC Arsenal?
Arsenal praktiziert den Brexit seit vielen Jahren. Zuhause kann diese Mannschaft ein Feuerwerk veranstalten, doch sobald sie die Insel verlässt, bricht irgendetwas weg. Ich glaube, dass die Bayern sich durchsetzen, wenn sie das abrufen, was sie haben.

Was wäre denn eigentlich aus Kommentatoren-Sicht das attraktivste Champions-League-Finale?
Schwierige Frage. Ich weiß noch nicht, wie die Großen in Form sind. Aber es ist doch klar, dass Real gegen Bayern einen großen Charme hätte. Das wäre spektakulär.

Brauchen die Bayern einen Thomas Müller in Topform, um ein solches Finale zu erreichen, um die Champions League zu gewinnen?
Man kann auch anders fragen: Was passiert eigentlich, wenn Robert Lewandowski ausfällt? Die Bayern haben keinen, der auf seiner Position spielen kann. Deshalb brauchst du zumindest jemanden, der auch torgefährlich ist. Das war bisher immer Müller, doch im Moment läuft es nicht. Viele Mannschaften werden sich auf Lewandowski einstellen und versuchen, ihn aus dem Spiel zu nehmen. Dann muss Müller da sein.

Aktuell scheint Müller aber zu grübeln. Liegt das vielleicht auch daran, dass er inzwischen Führungsspieler ist und sich damit automatisch mehr Gedanken um das große Ganze macht?
Das könnte sein, mir fällt keine andere Deutung ein. Das ist aktuell nicht diese anarchische Leichtigkeit bei ihm, dieses Lausbubenhafte, Fröhliche, das beim Gegner Unheil anrichtet. Müller ist ein Spieler mit Weltruf. Aber da, wo er sonst immer stand, steht er nicht mehr. Dieses Selbstverständliche, Leichte ist nicht mehr da, aber genau das braucht er, weil er ja sonst keine überragenden Einzelfähigkeiten hat.

Thiago ist wieder fit, Müller läuft jetzt die Zeit davon.
Das stimmt. Die Bayern können einen Spieler, der nicht das bringt, was die Mannschaft braucht, nicht ewig mit durchschleppen.

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Womöglich setzt Ancelotti deshalb doch auf Thiago, der seine konstanteste Saison bei den Bayern spielt.
Ja, weil er endlich abruft, was er kann. Man hat sich öfter mal gefragt, was Guardiola eigentlich mit ihm wollte. Thiagos Auftritte waren toll, aber brotlos. Er ist ein wunderbarer Kicker, der jetzt endlich konstant spielt. Er ist natürlich ein anderer Spieler als Müller, nicht torgefährlich genug. Thiago wird Tore vorbereiten, aber Müller wird trotzdem fehlen. In dieser Sackgasse stecken die Bayern.

Können die Bayern Jérôme Boateng ersetzen, der wohl für beide Arsenal-Spiele ausfällt?
Die Bayern müssen davon überzeugt sein, sonst würde Holger Badstuber heute nicht bei Schalke auf der Bank sitzen. Mats Hummels und Javi Martínez sind stark genug, aber was ist, wenn sich einer verletzt? David Alaba kann das, Joshua Kimmich auch – ein Mal. Ob das jedes Mal gut geht, wage ich zu bezweifeln.

Glauben Sie, dass RB Leipzig Meister werden kann?
Nein, dafür sind die Bayern zu gut. Wenn es ernst wird, können sie beides: Sich auf die Bundesliga und die Champions League konzentrieren. Ich habe das Gefühl, dass den Bayern der Drei-Tage-Rhythmus gerade sogar fehlt. Die wissen unter der Woche nicht, was sie mit sich anfangen sollen. Ich habe schon vor der Saison gesagt, dass es die besten Bayern aller Zeiten werden. Dabei bleibe ich. Wenn sie erstmal genossen haben, was ihnen Ancelotti an Vertrauen und Erholung nach Guardiolas Zeiten schenkt, wenn sie mit Freude und Leichtigkeit spielen, werden wir noch richtig gute Bayern sehen.

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Ist Leipzig in den kommenden Jahren der stärkste Bayern-Rivale oder Borussia Dortmund?
Ich hoffe, beide. Bei Dortmund wird aktuell vieles öffentlich diskutiert, was vorher nicht so war. Aber in dem Klub steckt enorm viel Potenzial, mit Dortmund wird sehr zu rechnen sein. Leipzig macht einen super Job – also warum nicht zwei Bayern-Gegner, jeder auf seine Art? Ich würde mich freuen.

 

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