Am Wochenende beginnt das neue Lied-Festival "Hidalgo" mit Konzerten in der Residenz und in einem Barbershop. Tom Wilmersdörffer, künstlerisch-administrativer Leiter des Festivals, im AZ-Interview.

Tom Wilmersdörffer, geboren 1990 in München, studierte in Freiburg und Toronto Opern-, Konzert- und Liedgesang. Derzeit absolviert er ergänzend ein BWL-Studium in München. Als Tom Amir verfolgt er weiter seine Karriere als Bariton. 

Außerhalb der Liederabende der Münchner Opernfestspiele hat es das Kunstlied ein wenig schwer. Das möchte ein neues Festival namens "Hidalgo" ändern, das von jungen Leuten im Alter zwischen 20 und 30 Jahren mit Nachwuchskünstlern organisiert wird. Das Festival beginnt am Samstag an einem eher traditionellen Ort: dem Max-Joseph-Saal der Residenz. Die weiteren Termine sind aber an Orten in München, die mit der musikalischen Lyrik bisher kaum in Verbindung gebracht wurden.

AZ: Herr Wilmersdörffer, wer oder was ist ein Hidalgo?
TOM WILMERSDÖRFFER: Ein spanischer Adeliger, der viel Zeit und Energie in die schönen Dinge des Lebens stecken kann. Es gibt ein Lied von Robert Schumann mit diesem Titel. Es handelt von einem Draufgänger, der das Risiko sucht, dabei gelegentlich auf die Nase fällt und trotzdem weiter etwas Neues probiert. Das sind wir – daher der Name.

Was passiert beim "Hidalgo"-Festival?
Am Anfang steht Lied in Reinform, gesungen von Idunnu Münch und Matthias Winckhler. Dazu gibt es eine Video-Installation. Sie interpretiert die Lyrik der Lieder aus einer heutigen Perspektive, indem sie eine zusätzliche Ebene hinzufügt. Auf Musik von Schumann folgt eine Neukomposition von Claas Krause. Sie verbindet eine klassische Ästhetik mit Techno und Clubmusik.

Wilmersdörffer: Musik als Rundum-Wohlfühlpaket

Am Sonntag kann sich das Publikum zu Liedgesang im Barber House in der Fraunhoferstraße rasieren lassen.
Das Lied kommt aus dem Salon. Das wollten wir aufgreifen und mit einer Reflexion über den Zeitgeist verbinden. Das Publikum kann sich kostenlos rasieren oder massieren lassen, soweit freie Stühle vorhanden sind. Dazu gibt es tolle Musik, gesungen von Ludwig Mittelhammer – als Rundum-Wohlfühlpaket.

Dann geht es in den Bahnwärter Thiel.
Die Mezzosopranistin Anna-Doris Capitelli – ein Mitglied des Opernstudios der Mailänder Scala – und der Bariton Andreas Burkhart singen Schumanns "Frauenliebe und -Leben" und die "Dichterliebe". Passend zu diesen Liedern, die sich mit der Geschlechterthematik und dem Rollenverständnis auseinandersetzen, arbeiten sich Poetry-Slammer – darunter die bekannte Fee – am Thema Mann und Frau ab.

Liederabende sind in der Regel noch etwas steifer als andere Konzerte. Ist es das, was Sie stört?
Ich stelle immer wieder fest, dass junge Leute, die mit klassischer Musik aufgewachsen sind, keine Lust haben, sich in die Konzertsaal-Etikette zu fügen. Ihnen möchte ich die Möglichkeit geben, klassische Musik in einem etwas entspannteren Rahmen zu genießen.

Wilmersdörffer: Eine Rückkehr zu den Ursprüngen

Skeptiker werden von Eventisierung sprechen.
Das Kunstlied ist eine zusammengesetzte Form aus Lyrik und Musik. Wir verstehen das als Scharnier, um neue künstlerische Ebenen hinzuzufügen, die dem Lied eine neue Relevanz für das Hier und Jetzt zu verschaffen – wie bei einem Kaleidoskop, zu dem neue Facetten hinzukommen.

Was sagen Sie zu jemandem, der Schumann lieber pur hört?
Was wir machen, ist eigentlich eine Rückkehr zu den Ursprüngen. Konzertsäle sind nicht die natürliche Umgebung der Gattung, weil Kunstlieder für einen viel kleineren Rahmen komponiert wurden. Außerdem sind wir davon überzeugt, dass gut aufgeführte Lieder in jedem Ambiente funktionieren.

Wilmersdörffer: Mit "Hidalgo" eine Nische besetzt

Christian Gerhaher ist der Schirmherr Ihres Festivals. Bei ihm kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, dass er sich zur "Winterreise" rasieren lässt.
Er unterstützt unsere Idee sehr. Christian Gerhaher gefällt, dass bei uns alles unter der Maßgabe höchster Qualität geschieht. Wir haben die erste Garde der Nachwuchssänger gewonnen. Der Pianist Jan Philip Schulze hat auch schon Jonas Kaufmann oder Juliane Banse begleitet.

Für "Hidalgo" ist sicher hilfreich, dass Sie auch Betriebswirtschaftlehre studieren.
Ich habe fünf Jahre Gesang in Freiburg und Toronto studiert und singe auch weiterhin. Mich hat aber auch immer die administrativ-organisatorische Seite interessiert. BWL ist für mich ein Werkzeug, um den künstlerischen Handlungsspielraum zu erweitern und dieses Festival stemmen zu können. Ich mache das auch nicht allein, sondern im Team mit 20 Ehrenamtlichen im Alter von 20 bis 30 Jahren.

Der Zeitpunkt ist jedenfalls nicht schlecht gewählt.
Wir haben uns bewusst für die Lücke zwischen der Sommerpause und dem Oktoberfest entschieden. Da ist das konkurrierende Angebot nicht zu groß. Ich bin optimistisch, dass wir eine Nische gefunden haben und eine Lücke schließen können.

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„Ephimetheus“, der erste Abend des Festivals, am Samstag, 8. September, im Max-Joseph-Saal der Residenz, Karten 17 bis 50 Euro. Infos und Karten unter hidalgofestival.de