AZ-Interview Ironman-Sieger Patrick Lange: "Es ist immer noch Wahnsinn"

"Ich hätte gleichzeitig weinen und vor Freude schreien können", sagt Lange über seine letzten Meter beim Ironman. Foto: dpa

Exklusiv in der AZ spricht der Hawaii-Champion Patrick Lange über seinen Coup, Gefühle während des Rennens, seine Motivation und Trainer Al-Sultan. "Er hat mir geholfen, gewisse Dinge zu hinterfragen."

München - Die AZ hat mit Patrick Lange gesprochen. Der 31-jährige Triathlet krönte sich bei seinem erst vierten Start auf Hawaii zum Ironman-Weltmeister.

AZ: Herr Lange, wie fühlen sich Ihre Beine mittlerweile an, knapp zwei Monate nach Ihrem Ironman-Sieg auf Hawaii?
PATRICK LANGE: Die Beine zwicken jetzt eher, weil ich wieder mit dem Training begonnen habe und die Muskulatur nach der Pause eine Art Aufwachphase braucht. Aber der Ironman ist komplett ausregeneriert.

Die Mission Titelverteidigung läuft also bereits?
Das kann man definitiv so sagen.

Wie lange haben Sie pausiert?
Zwei Wochen sollte man sich auf jeden Fall rausnehmen, weil die Muskulatur einfach zu schwer geschädigt ist. Ich habe mir insgesamt vier Wochen Zeit genommen, weil sich die Regeneration durch die ganzen Termine, die anstanden, etwas verlängert.

Gab es den Käsekuchen schon, den Ihnen Ihre Mama als Belohnung für den Ironman-Sieg versprochen hat?
(lacht) Noch nicht. Das haben wir bei den ganzen Terminen bislang noch nicht geschafft.

Ein Kurzurlaub zur mentalen Erholung war also zeitlich noch nicht drin?
Doch. Ich war zusammen mit meiner Freundin für eine Woche in Schweden in einem Ferienhaus direkt an einem See. Da konnte ich mal kurz abschalten. Es ist aber viel zu wenig, um das zu verarbeiten, was da alles auf einen einprasselt.

Wie weit sind Sie dabei schon?
Es ist immer noch Wahnsinn. Ich glaube es langsam, es ist in mein Bewusstsein eingedrungen. Aber es verändert mich nicht. Es ist mir sehr wichtig, am Boden zu bleiben. Ich genieße es einfach immer noch sehr, dass mein Traum in Erfüllung gegangen ist.

Ihren Zieleinlauf beschrieben Sie mal als Emotions-Cocktail.
Da waren so viele Emotionen in dem Getränk, das ich da trinken durfte: Totale Glücksgefühle, Dankbarkeit, ich hätte gleichzeitig weinen und vor Freude schreien können. Im Rennen muss ich emotional komplett abschalten, mich auf die Konkurrenz, das Wetter, die richtige Ernährung und so weiter konzentrieren. Das erlaubt einfach keine Emotionen. Wenn ich auf die Ziellinie zulaufe, kann ich dieses Ventil aufdrehen und dann kommt alles zum Vorschein, was man acht Stunden lang erlebt und zurückgehalten hat. Ich habe mir im Training jahrelang ganz oft vorgestellt, wie mir der "Haku Lei", die Krone, als Sieger aufgesetzt wird. Und dann passiert das wirklich. Da dachte ich: "Wow, krass."

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Vorjahressieger Jan Frodeno feuerte Sie an, als sie sich auf der Laufstrecke begegneten. Außergewöhnlich, oder?
Nein, gar nicht mal. Das ist das Spezielle am Triathlon. Wir sind harte Wettkampftypen, die einen harten Fight führen. Aber es ist auch ein sehr respektvoller Sport. Frodeno wusste da, dass er das Rennen nicht mehr gewinnen kann. Es war eine tolle Geste, über die ich mich gefreut habe. Aber so sind wir Triathleten eben.

Auch ein Zuschauer rief Ihnen während des Marathons etwas Spezielles zu.
Da stand plötzlich ein Darmstadt-98-Fan und rief: "Johnny ist bei dir!" Da geht es um Jonathan Heimes, der in meiner Heimatstadt eine Berühmtheit ist, weil er als krebskranker Junge Darmstadt 98 bei deren Aufstiegen emotional stark zur Seite stand. Ich habe ihn vor seinem Tod leider nicht mehr persönlich kennengelernt, unterstütze aber die Johnny-Heimes-Stiftung "Du musst kämpfen!", die sich für krebskranke Kinder einsetzt. Ich bin dankbar für diesen Ausruf im Rennen. In dem Moment ging es mir nicht so gut, ich hatte mehr Rückstand, als ich zu diesem Zeitpunkt erwartet hatte. Gerade dieses Zurückkämpfen und an sich glauben, was Johnny immer vorgelebt hat, hat mir sehr geholfen.

Wie haben Sie die Weihnachtstage nun verbracht?
Mit gutem Essen und Trinken. Ich habe viel Zeit mit Freunden und Familie verbracht und die Ruhe genossen. Das gibt dann auch wieder viel Energie.

Ihr Trainer drückt da also noch mal ein Auge zu. Welchen Anteil hat Faris Al-Sultan an Ihrem Erfolg?
Er hat mir geholfen, eine andere Sichtweise auf den Sport zu bekommen, gewisse Dinge zu hinterfragen und auch gewisse Dinge nicht zu ernst zu nehmen. Dazu gehört zum Beispiel auch, an Weihnachten mal ein zweites Glas Rotwein zu trinken, ein gutes Körpergefühl zu haben und nicht so asketisch zu leben, vor allem nicht im Dezember. Von seiner Erfahrung kann ich viel lernen. Es ist super, einen Mann an seiner Seite zu haben, der auf Hawaii schon alles erlebt hat.

Er sagte mal zu Ihnen: "Du brauchst nicht zu glauben, dass du große Rennen gewinnen kannst. Wenn du jemanden suchst, der dich zum Hawaii-Champion macht, dann bin ich der Falsche für dich."
Das ist ein bisschen der Running-Gag bei uns geworden. Aber es war eine gute psychologische Herangehensweise. Meine vorherigen Trainer waren vielleicht zu positiv. Und er hat gesagt: Du musst erst mal gescheit arbeiten, bevor du überhaupt mal ein gescheiter Triathlet wirst und große Rennen gewinnen kannst. Wir haben uns zurück auf das Wesentliche, die Basics besonnen.

Sie haben in 8:01:39 Stunden einen neuen Rekord aufgestellt, ist Ihr Ziel jetzt die Acht-Stunden-Marke?
Es ist natürlich immer schön, wenn Rekorde fallen. Mir geht es aber darum, den Wettkampf zu gewinnen.

Wird die Marke dafür vielleicht sogar fallen müssen, bei der Konkurrenz um Frodeno und Co?
Seit jeher starten die besten Triathleten der Welt auf Hawaii – und bis jetzt ist die Marke nicht gefallen. Ich habe die schnellste Zeit gesetzt – und das ist jetzt erst mal die Benchmark, auch für einen Jan Frodeno oder Sebastian Kienle. Sie müssen erst mal so schnell sein, bevor sie über die Acht-Stunden-Marke nachdenken können.

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