AZ-Interview Huub Stevens: "Bayern ist stark genug fürs Triple"

Huub Stevens, hier als Trainer der TSG Hoffenheim in der Saison 2015/16. Foto: Augenklick/GES/Helge Prang

Im AZ-Interview spricht Huub Stevens über das Pokalduell, die Chancen seines Ex-Klubs Schalke, Ancelotti und Assauer: "Ein Freund fürs Leben".

 

AZ: Herr Stevens, am Mittwoch kommt es im DFB-Pokal-Viertelfinale zum Duell FC Bayern gegen den FC Schalke. Haben die Königsblauen gegen diese Münchner, die gerade den Hamburger SV mit 8:0 aus dem Stadion gefegt haben, überhaupt eine Chance?
HUUB STEVENS: Ich glaube nicht. Es wird ganz schwierig. Schade für Schalke – sie haben das härteste Los gezogen. In einem Heimspiel wäre gegen Bayern vielleicht etwas möglich gewesen. Schalke ist jetzt krasser Außenseiter.

Vor dreieinhalb Wochen gab es ein 1:1 in der Bundesliga. Die Schalker erhielten viel Lob für ihren mutigen Auftritt.
Aber da waren die Bayern noch nicht in der Top-Verfassung wie jetzt. Auch wenn der HSV desolat verteidigt hat – so einfach gewinnt man in der Bundesliga nicht 8:0. Das gibt den Bayern natürlich noch mal einen Schub, noch mehr Selbstvertrauen.

Die Bayern sind auf dem Weg zur fünften Meisterschaft in Folge. Was kann Carlo Ancelotti mit dieser Mannschaft noch erreichen?
Alles! Sie haben Carlo ja nicht umsonst geholt. Mit diesem Trainer und der Qualität im Kader müssen sie eigentlich das Halbfinale der Champions League erreichen. Dann braucht man etwas Glück. Aber Bayern ist für mich stark genug fürs Triple. Die Bayern-Verantwortlichen haben mit der Verpflichtung von Ancelotti alles richtig gemacht.

Wie meinen Sie das konkret?
Die Abwechslung nach drei Jahren unter Pep Guardiola, der sie immer gepusht hat, in jedem Training, das tut den Spielern gut. Carlo ist ein ruhigerer Typ, gibt den Spielern mehr Freiheiten, aber damit auch mehr Verantwortung. Wenn aber wichtige Spiele anstehen, wenn es ernst wird, dann zieht er die Zügel an. Carlo will auch immer gewinnen – das kann man in seinen Augen erkennen. Er ist eine große Persönlichkeit, hat eine gute Ausstrahlung, ist aber ein anderer Typ als Pep. Bei dem wird es noch ein bisschen dauern, bis er seinen Stil mit Manchester City auch in der Premier League durchsetzt – aber es wird funktionieren.

Bei Bayern wird viel diskutiert, ob Ancelotti im Mittelfeld mit Thomas Müller spielen soll – dann ohne Routinier Xabi Alonso, ein Schlüsselspieler des Italieners.
Wenn Alonso spielt, ist das Aufbauspiel ganz anders. Er ist derjenige, der das Tempo bestimmt, hat von hinten heraus viele Ballkontakte. Andererseits bremst Alonso oft auch den Spielaufbau, er ist auch nicht mehr der Jüngste. Thiago dagegen hat eine viel höhere Handlungsschnelligkeit, mit ihm agiert Bayern schneller. Aber wenn es um drei Titel geht, brauchst du jeden Spieler – auch Alonso mit all seiner Erfahrung.

Sie haben 1997 mit dem FC Schalke den Uefa-Cup gewonnen, im Mai jährt sich der Triumph der "Eurofighter" zum 20. Mal. Was trauen Sie der aktuellen Mannschaft in dieser Saison noch zu? In der Bundesliga ist Schalke lediglich Zwölfter.
Ich habe das 1:1 von Schalke gegen Hoffenheim im Fernsehen angeschaut und war nicht begeistert. Man konnte den Unterschied deutlich erkennen. Hoffenheim hatte einen Plan und Schalke nicht. In der Defensive wie in der Offensive haben die Hoffenheimer super gearbeitet, waren top organisiert, sind viel gerannt, die Laufwege stimmten. Bei Schalke habe das alles nicht gespürt, man hat zu oft lange Bälle gespielt. Ich hoffe, dass Trainer Weinzierl und Manager Heidel das hinkriegen, ihre Gedanken und Pläne sind gut.

Womöglich setzt man bei Schalke auf die Europa League. Mit dem Pokal hat man eine Mehrfach-Belastung.
Das stimmt. Deshalb sind in der Liga auch Leipzig, Hertha, Frankfurt und Hoffenheim so weit oben. Sie sind frischer. In der Liga wird es für Schalke also sehr schwierig, noch Platz sechs zu erreichen, also hoffen sie auf die Europa League. Doch gegen Gladbach wird es im Achtelfinale nicht einfach, die Borussia hat sich unter Trainer Dieter Hecking wieder stabilisiert, sie kommen immer besser in Form. Bei Schalke fehlen mit Embolo, Baba, Di Santo und vor allem Naldo einige Spieler.

Durch den Ausfall von Abwehrchef Naldo wird Holger Badstuber, die Leihgabe der Bayern, zum Stammspieler in der Abwehrkette.
Der Verlust von Naldo wiegt schwer, das tut Schalke weh. Dass Badstuber die Bayern in- und auswendig kennt, hilft ein wenig. Aber das heißt nicht, dass er dann auch wirklich die Kombinationen, den schnellen Fußball von Ribéry, Robben und Müller unterbinden kann. Das ist nicht einfach.

Der ehemalige Schalke-Manager und -macher Rudi Assauer leidet an Alzheimer. Sie kennen ihn gut, wie geht es ihm?
Rudi ist für mich ein Freund fürs Leben. Vor vier bis fünf Wochen habe ich ihn das letzte Mal besucht. Bei allen Treffen zuvor hatte ich immer den Eindruck, dass Rudi mich erkennt. Nun habe ich mich zum ersten Mal gefragt, ob das wirklich so war. Normalerweise habe ich das gespürt, in seinen Augen gesehen. Das kann aber auch an mir gelegen haben, weil ich gerade wegen einer Untersuchung meines Knies aus dem Krankenhaus kam. Was mit Rudi passiert ist, tut mir so leid. Durch diese schlimme Krankheit ist er nun ein ganz anderer Mensch. Das ist alles unglaublich schade. Wenn du dich mit ihm hinsetzt, dann sagt er nichts. Du musst das Gespräch führen und weißt nicht, was er noch mitbekommt. Aber ich denke, dass er sich freut, wenn man einfach da ist. Mit seiner Tochter Bettina singt er immer "Oh du schöner blauer Vogel", das ist die Hymne der Taubenzüchter im Ruhrgebiet. Da kann er alle Strophen auswendig und blüht auf.

 

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