AZ-Interview Hope Solo: "Wer Gerechtigkeit will, muss dafür kämpfen"

Einer der Superstars im Frauenfußball: Hope Solo stand bei drei Weltmeisterschaften im US-Tor. Foto: dpa

Hope Solo im AZ-Interview: Hier erklärt die frühere US-Nationaltorhüterin, warum sie als Präsidentin des US-Verbandes kandidierte und was sich in der Gesellschaft ändern muss. Sie ist der Meinung: "Reden reicht nicht."

München - Hope Solo zählte in den vergangenen Jahren zu den größten Superstars des Frauenfußballs. Doch auch neben dem Platz ist die ehemalige US-Nationaltorhüterin sehr aktiv.

AZ: Frau Solo, bisher waren Sie als einstige Torfrau der US-Nationalmannschaft eher als Rebellin berühmt, jetzt hatten Sie sich für den Posten des Präsidenten des amerikanischen Fußballverbandes zur Wahl gestellt – und verloren. Wieso, haben Sie sich um ein Funktionärsamt bemüht?
HOPE SOLO: Wir wollen alle Veränderungen, Verbesserungen. Aber reden reicht nicht, die Wenigsten lassen den Worten Taten folgen. Ich gehöre zu den Menschen, die an die Kraft der Aktion glauben. Es ermüdet mich so, dass Menschen nur reden, sich beschweren. Ich habe es satt, dass immer nur von Gleichheit gesprochen wird, wenn es etwa um Frauenfußball geht. Aber was wird dann getan, um Parität zu schaffen?

Die Männer kassieren deutlich mehr im amerikanischen Fußball, obwohl die Frauen viel erfolgreicher sind.
In Amerika sind die Gesetze eindeutig. Es ist Gesetz, dass Frauen vom Verband nicht anderes bezahlt werden dürfen als Männer. Aber nichts davon ist passiert. Wie lang kann man nur immer wieder darum bitten, dass uns Gefälligkeiten erwiesen werden? Ich habe so oft gesehen, dass die Menschen, die die Macht haben, diese nicht freiwillig aufgeben. Wer Rechte und Gerechtigkeit will, muss dafür kämpfen. Ohne Unterlass. Das war der Moment, in dem in mir die Überzeugung wuchs, dass die einzige Methode, wie wir Wandel bewirken können, die ist, das System zu infiltrieren. Wenn du einmal eingedrungen bist, kannst du was bewirken. Ich habe für viele dieser Themen die letzten 20 Jahre gekämpft. Erst als Spielerin, aber wir sind nicht vorangekommen. Jetzt wollte ich es als Präsidentin tun.

Solo: "Offensichtlich ist unser System kaputt"

Gewählt wurde aber Carlos Cordeiro.
Es gab acht Kandidaten, zwei davon waren lange ein Teil des Establishments im Verband, waren in dieser Welt der Funktionäre. Es war von Anfang an klar, dass es fast ein Ding der Unmöglichkeit sein würde, einen Mann wie Cordeiro zu schlagen. Aber: Fußball hat in Amerika nicht im Ansatz den Stellenwert, den er haben sollte. So, wie sich Fußball in Amerika entwickelt hat, ist es der Sport der reichen, weißen Kinder geworden. Dass wir Probleme haben, beweist der Fakt, dass die Männer sich nicht mal für die WM qualifizieren konnten. Wir sind ein riesiges Land, es müsste selbstverständlich sein, dass wir uns für jede WM qualifizieren. Offensichtlich ist unser System kaputt.

Starke Worte, gibt es auch Antworten?
Wir müssen die Rohdiamanten in den Gesellschaftsteilen finden, die im Fußball in Amerika unterrepräsentiert sind, weil es als Sport für reiche, weiße Kinder gilt. Die ganze Wahlkampf-Zeit hatte ich ein gebrochenes Herz, weil ich den ganzen aufgestauten Frust gesehen und gehört habe. Der Verband hat 150 Millionen Überschuss und es ist seine Pflicht, es der Jugend zurückzugeben. Aber sie weigern sich. Daher war diese Wahl so wichtig. Im Wahlkampf sind all diese Fragen aufgeworfen worden. Wir haben den Finger in die Wunde gelegt. Cordeiro hat jetzt die Chance, den Sport auf die nächste Stufe zu heben. Er kann jetzt die richtigen Entscheidungen für den Frauenfußball treffen. Er kann etwas für die Kinder in Amerika in Bewegung setzen, und er kann die nötigen Maßnahmen ergreifen, damit wir wieder eine erfolgreiche Männer-Nationalmannschaft haben.

Wie stehen Sie zu dem Streit, der in Amerika entbrannt ist, weil Sportler während des Abspielens der Hymne auf die Knie gehen, um ein Zeichen gegen Rassismus und Polizeigewalt zu setzen?
Ich werde immer bereit sein, mein verfassungsgemäßes Recht auszuüben. Nämlich meine Meinung zu sagen, meiner Überzeugung Ausdruck zu verleihen. Das ist mein Recht als Amerikanerin. Und ich respektiere jeden, der dieses Recht wahrnimmt.

Hymnen-Posse: Darum wäre Solo stehen geblieben

Wären Sie selber niedergekniet?
Wohl nicht. Es war immer Teil meiner Vorbereitung auf ein Spiel, während der Hymne zu stehen. Viele meiner Familienangehörigen haben in der Armee gedient. Ich hatte viele Diskussionen mit Armeeangehörigen, die sagen, wir kämpfen genau dafür, dass jeder Amerikaner das Recht hat, seine Meinung zu äußern. Und so sehe ich das auch.

Präsident Donald Trump hat die Spieler aufs Übelste beleidigt, sie als "Hurensöhne" diffamiert.
Es ist sehr traurig. Wir haben wirklich andere Probleme in diesem Land, als die Frage, ob Athleten für die Hymne stehen. Der Präsident sollte wichtigere Aufgaben und Themen haben und finden.

Viele Amerikaner meinen, dass sie sich an ihrem Sonntag, den sie mit Football zubringen, nicht mit Politik beschäftigen wollen.
Wie sagte Nelson Mandela, der die Laureus-Bewegung ins Leben gerufen hat: Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern. Auf der anderen Seite sind die Leute, die auf der Couch sitzen, ihre Nachos essen und sich darüber beschweren, dass im Sport Politik thematisiert wird. Das sind oft die Menschen, die nicht bereit sind, einen Finger zu rühren, um die Welt zu verändern. Diese Sportler sind hingegen bereit, Opfer zu bringen. Es gibt so viel, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Für die Rechte der Homosexuellen-Gemeinde etwa. Mit ganzem Herzen glaube ich, dass jeder für etwas kämpfen kann. Jeder kann ein Aktivist sein, man muss kein Sportler, kein Sänger, kein Schauspieler sein, um die Entscheidung zu treffen, etwas in der Welt verändern zu wollen.

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