AZ-Interview Höfl-Riesch erklärt das Phänomen Vonn: "Ein bisschen Hollywood ist dabei"

Zwei der Größten ihrer Zeit: Lindsey Vonn (l.) und Maria Höfl-Riesch Foto: imago/Susanne Hübner/dpa/Carl Sandin

Deutschlands frühere Ski-Queen Maria Höfl-Riesch spricht exklusiv in der AZ über ihre ehemalige Konkurrentin Lindsey Vonn, Stefan Luitz und die Sauerstoff-Affäre und das Niveau der deutschen Frauen.

München - Maria Höfl-Riesch zählt mit drei Goldmedaillen und einer Silbermedaille bei Olympia sowie zwei WM-Titeln zu den erfolgreichsten Wintersportlern aller Zeiten. Die AZ hat sich zum Start in die Wintersport-Saison mit ihr unterhalten.

AZ: Frau Höfl-Riesch, die ersten Rennen des Winters sind gefahren, wie lautet denn die Zwischenbilanz der ehemaligen Ski-Queen? Es ist ja so einiges passiert: Stefan Luitz, Felix Neureuther, Thomas Dreßen...
MARIA HÖFL-RIESCH: Überschattet wird momentan ja alles von der Sauerstoff-Geschichte um Stefan Luitz. Das ist natürlich wahnsinnig ärgerlich. Von einer Kreuzbandverletzung zurückzukommen – ich weiß aus eigener Erfahrung, wie das ist – und gleich das erste Rennen zu gewinnen: Das ist der Hammer! Noch dazu, wo er davor nie ein Weltcup-Rennen gewonnen hatte! Und dann kommt im Nachhinein so ein Ärger! Nun will natürlich keiner Schuld sein – die Konstellation war ja auch sehr speziell. Klar, die Eigenverantwortung liegt beim Athleten. Trotzdem finde ich, dass man nicht unbedingt jedes Detail wissen muss. Dafür gibt es Ärzte und Betreuer, denen man als Athlet vertrauen muss.

Maria Höfl-Riesch: Sauerstoff im Rennen war bei uns kein Thema

Wie wurde das Thema Sauerstoff eigentlich zu Ihrer aktiven Zeit gehandhabt?
Wir haben das auch gemacht, allerdings nur im Training, gerade in den USA, weil man da in großen Höhen fährt. Bei dem Pensum, das ich gefahren bin – alle Disziplinen, jeden Tag auf Skiern – habe ich nachmittags beim Ausradeln auch Sauerstoff geatmet. Manchmal hatte ich es auf dem Zimmer stehen – nicht um mich dabei zu verstecken, sondern damit ich es unkompliziert nutzen konnte. Es war ja auch nicht verboten! Die österreichischen Mädels haben das in Copper Mountain teilweise sogar an der Piste gemacht – im Training. Allerdings war es bei uns nie ein Thema, Sauerstoff im Renn-Umfeld zu nutzen. Warum? Weil sich wahrscheinlich keiner Gedanken drüber gemacht hat. Ob es sinnvoll ist, dass die Regularien von Fis und Wada nicht gleich sind, darüber kann man schon streiten.

Wie sehen Sie die Form von Luitz' Kollegen?
Auf Felix Neureuther bin ich oft angesprochen worden: "Nix mehr, oder?" Aber hallo! Felix ist in Val d’Isère unter widrigsten Bedingungen sein erstes Rennen nach dem Kreuzbandriss und dem Daumenbruch gefahren – und immerhin in den Punkten gelandet. Er braucht ein bisschen Zeit, der Daumen muss gescheit verheilen, und es wäre sicher gut, sich jetzt nicht gleich zu viel zuzumuten. Bei Fritz Dopfer ist die Verletzung zwar schon eine Weile her, doch so was kriegt man halt nicht komplett aus dem Kopf. Aber er hat schon wieder gute Ansätze gezeigt. Es kommen sicher Rennen, in denen er richtig schnell fahren wird.

Wie schaut’s bei den Frauen aus?
Kira Weidle ist ein Lichtblick, was die Speed-Disziplinen betrifft. Bestzeit und einmal Dritte im Training, da hat sich schon angedeutet, dass sie gut zurechtkommt in Lake Louise. Dass sie dann auch im Rennen aufs Podium fährt – echt stark! Jetzt muss sie diese Leistung bestätigen. Viktoria Rebensburg? Sie ist leider noch nicht konstant. Insgesamt ist das Niveau bei den Mädels schon fragwürdig, vor allem im Slalom, da hat die Zehnte nach zwei Durchgängen dreieinhalb Sekunden Rückstand.

Höfl-Riesch kritisiert: Der Anspruch der Deutschen ist falsch

Wie kommt's?
Das Niveau insgesamt ist recht schwach – bis auf die wenigen ganz vorne. Man fragt sich auch, warum sich die Deutschen so schwer tun. Der Anspruch scheint mir manchmal nicht zu stimmen. Wenn Lena Dürr mal Zehnte wird, bricht direkt Riesen-Jubel aus. Tut mir leid, den Jubel versteh ich nicht. Und Christina Geiger? Tja. Es fehlt einfach der Durchbruch. Marina Wallners Saisonstart sah vielversprechend aus, leider fällt sie nun verletzt aus. Jessica Hilzinger gilt seit fünf Jahren als das Mega-Talent. Mit 21 Jahren ist sie noch jung, aber sie müsste es zumindest mal in den zweiten Durchgang schaffen. Andere gewinnen in dem Alter schon Weltcup-Rennen.

Eine Ex-Weggefährtin kämpft auch gerade mit den Folgen eines Sturzes: Lindsey Vonn. Wissen Sie, wie es ihr geht?
Wir haben zur Zeit keinen Kontakt.

Hat sie den Punkt verpasst, ihre Karriere zu beenden?
Das muss jeder für sich entscheiden. Ab einem gewissen Alter – und vorbelastet durch viele Verletzungen – wird es halt nicht einfacher. Mich haben viele gefragt: ‘Warum bist du nicht noch ein, zwei Jahre gefahren? Du hättest doch noch Rennen gewinnen und Kohle machen können!’ Ja, vielleicht. Aber es wird halt von Jahr zu Jahr schwerer. Und je älter man ist, desto größer ist auch die Verletzungsgefahr.

Sie kommen morgens wahrscheinlich besser aus dem Bett als Frau Vonn...
Na ja, ich glaube, sie ist total auf diesen Rekord (86 Weltcup-Siege, gehalten von Ingemar Stenmark, Vonn steht bei 82, d. Red.) fixiert. Den will sie unbedingt knacken – was ich nur bedingt verstehe. Von Superstars bleiben doch vor allem Goldmedaillen bei Großereignissen wie Olympia und Weltmeisterschaften in Erinnerung. Und in fünf Jahren hat Mikaela Shiffrin wahrscheinlich eh mehr Siege (derzeit 48, d. Red.) eingefahren, dann interessiert das niemanden mehr..

Macht Lindsey Vonn weiter?

Nach dieser Saison wollte Vonn ihre Karriere beenden. Nun kündigte sie an, beim kommenden Saisonstart in Lake Louise, ihrer Hausstrecke, noch ein letztes Mal an den Start gehen zu wollen.
Ein bisschen Hollywood ist schon dabei. Das hat sicher auch mit diesem Rekord zu tun. Wenn sie Anfang der nächsten Saison 84 Siege hat und in Lake Louise gewinnt, fährt sie bestimmt weiter!

Sie waren bei den First Track in Obertauern, das heißt erste Spuren in die frisch präparierte Piste ziehen – und das auch noch mit Ihnen als Schneebotschafterin. Wie kam es dazu?
Ich habe hier in meiner aktiven Zeit gern trainiert, vor allem in der Anfangszeit. Mein Mann Marcus kam auch schon als Kind mit den Eltern her. Wir haben Freunde hier, kennen viele Hoteliers und den Tourismusverband. Obwohl wir in Kitzbühel die Pisten vor der Tür haben, gehen wir immer gern hierher.

Wo gibt's den besten Kaiserschmarrn?
Davon versuche ich mich möglichst fern zu halten ... (lacht). Das beste Après-Ski gibt’s jedenfalls freitagabends auf der Edelweiß-Alm. Da geht’s richtig ab, bis 19 Uhr. Ein anderer Tipp ist die Gamsmilch-Bar oben beim Zehnerkar: Kakao mit ... keine Ahnung, was die da reinmixen. Der absolute Höhepunkt ist das Saisonfinale Anfang April, das sogenannte Gamsleiten-Kriterium: eine Schatzsuche – rund tausend Teilnehmer auf einer Fläche so groß wie ein Fußballplatz. 30 oder 35 Schatzkisten mit tollen Preisen sind vergraben, und mit kleinen Plastikschaufeln buddeln dann alle stundenlang im Schnee!

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