Ein Meister der Satirezeichnung: Gerhard Haderer kommt am Donnerstag zur Ausstellung "München lächelt" und erzählt, was ihn umtreibt.

Er ist ein Kolumnist mit Mitteln der Satire. Zeitgeist, Politik, die Zumutungen der Moderne und die moralischen, ästhetischen Verwüstungen, die das alles am verunsicherten Menschen anrichtet, zeigt Haderer. In der Pasinger Fabrik packt er am Donnerstag seine satirische Welt aus.

AZ: Herr Haderer, bei allen satirischen Spitzen: Wenn man Ihre Bilder genauer anschaut, merkt man: Sie sind nicht bitter, sondern haben eine ironische, liebende Wertschätzung gegenüber den Menschen.
GERHARD HADERER:
Das Klischee bei Karikaturisten und Satirikern wie mir ist ja: "Der Haderer haut drauf!“ Aber ich bleibe Humanist. Ich zeige die Menschen – vom reichen Pinkel bis zum Spießer – auch in ihren peinlichen Versuchen um Anerkennung und Glück. Und dabei bin ich ein analytischer Menschenfreund.

Ja, denn irgendwie sind auf unserem Seitenfoto die peinlichen Poser im Hawaii-Hemd und besockten Sandalenfüßen ja auch rührend.
Das ist der Punkt: Als Satiriker muss man mit Klischees schnell die Aufmerksamkeit des Betrachters auf den Punkt bringen. Aber dann will ich den gefesselten Betrachter eben tiefer schauen lassen. Und da sieht und spürt man hoffentlich auch ein Verständnis für die Figuren oder auch Politiker. Nur so wird man nicht zum Zyniker, was ich auch abstoßend fände. Zyniker wenden sich überheblich von der Welt ab anstatt ihr zu.

Wie gehen Sie mit Politikern um?
Das sind für mich Rampensäue, die ich auf ihre Menschlichkeit abklopfe, ohne ihre Haltungen zu beschönigen. Wenn ich den knapp über 30-jährigen ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz zeige, von dem Jankerträger im Ruderboot verlangen, er solle übers Wasser gehen, so hat das einen Doppelblick: Er wird von den Anhängern überfordert mit der Rolle als Messias, in die er sich aber auch selbst reinmanövriert hat. Das ist tragikomisch.

Dann ist also letztlich kritische Philanthropie Ihr Lebenselixier.
Man kann doch nicht nur hassen in dieser komplizierten, seltsamen Welt. Zeichnen ist für mich ein Hobby, mit dem ich bei der Beschäftigung mit Missständen den Überdruck im Hirn abbaue und Dampf ablasse. Und für dieses erleichternde Vergnügen bekomme ich auch noch Geld.

Sie haben Anfang der 80er Jahre aber ihre ganzen bisherigen Arbeiten verbrannt.
Ich war ein junger Bursch und Werbegrafiker und habe gemerkt: Dieses Spiel aus Werbung und PR ist mir unerträglich. Und von einem Tag auf den anderen habe ich beschlossen, mir zu schade zu sein für diese manipulative Tätigkeit. Diese Reflexion habe ich in Bilder gefasst und schon war der Karikaturist Haderer geboren!

Und die Selbstverbrennung?
Die geschah im leicht alkoholisierten Kreise von Freunden, in dem die Werbearbeiten feuchtfröhlich verbrannt wurden, um zu zeigen, wie wertlos mir das Bisherige war.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, sagt man.
Nein, ein guter Text kann das Gleiche auslösen wie meine Malereien. Aber ich kann vielleicht den Betrachter besser einbeziehen – und zum zweiten Blick, zum Reflektieren bewegen.

Ein Satire-Bild kann auf kleinem Raum ja auch stärker Verdichten als ein Text.
Das ist sogar die notwendige Fingerübung: schnell den Kern karikieren. Wobei ich überhaupt kein lauter Witzereißer bin. Über den satirischen Kern hinaus muss man auch Zwischentöne suchen: Die beiden Herren in ihrer hässlichen Sommerkleidung, die cool sein wollen, haben auch eine Geschichte, die man mitmalt. Das macht sie eben menschlich, so dass man für sie – bei aller Distanz – auch Verständnis empfinden kann. Und oft erkennen wir ja Ähnliches in uns selbst. Ironie sich selbst gegenüber ist überhaupt eine Lebensführung, die ich nur empfehlen kann.

Sie haben eine "Schule des Ungehorsams“ gegründet. Ist diese offene Akademie eine Antwort auf eine politische Verrohung?
Ja, weil ich kein Verständnis habe dafür, dass Menschen auf die Straße gehen und ihren Unmut rausbrüllen. Lärm auf der Straße manchen, kann jeder. Aber das zur Musik zu machen, über die man dann miteinander reden kann, erfordert Kultur. Und dafür setzte ich mich mit dieser kleinen Initiative ein. Diskussion ist die Basis unserer Demokratie. Dagegen wissen wir, was aus Gehorsam in Verbindung mit Verblendung und unkontrolliertem Hass werden kann. Und wir erleben das ja täglich – nicht nur in den sozialen Medien, sondern bis in die Parlamente. Und die Aushöhlung des Parlaments als Ort der kultivierten – durchaus auch harten – Auseinandersetzung, ist brandgefährlich.

Sie hatten Auftraggeber wie Profil, Titanic, den Stern. Müssen Sie sich inhaltlich mit den Magazinen identifizieren?
Ich war beim österreichischen Profil in meinen Element und wollte dem deutschen Angebot des "Stern“ widerstehen und habe denen gesagt: "Ich habe keine Lust für ein Magazin zu arbeiten, das dauernd so sexistische Cover hat...“ Die haben dann meine Frau angerufen und gefragt. "Was will der Typ eigentlich?“ Und sie hat gesagt: "Absolute Freiheit!“ Und die aus Hamburg haben gesagt: "Das kann er haben!“ Daraus sind dann 25 wunderbare Jahre geworden, in denen ich immer den Eindruck hatte: Ja, dieses Magazin kann man – bei allen Kritikpunkten – guten Gewissens lesen!

Und was sagen Sie zu den gefälschten Hitler-Tagebüchern – verarbeitet im Dietl-Film "Schtonk!“?
Ich habe bei einem Buchprojekt mit meinen "Stern“-Arbeiten verlangt, dass der Helmut Dietl das Vorwort schreibt und dass wir nach der Präsentation alle zusammen das Meisterwerk "Schtonk!“ anschauen. Die Hamburger Verleger haben gehüstelt – und zugestimmt.

Sie sind im Kuratorium der "Giordano-Bruno-Stiftung“. Was ist das?
Eine Vereinigung von Freidenkern, die eine säkulare Gesellschaft wollen. Ich selbst bin kein Atheist. Das ist selbst wider anstrengendes Sektierertum. Ich bin Agnostiker und gönne allen ihren Glauben, nur sollten wir uns keine Vorschriften machen lassen. Freiheit muss man immer wieder neu erkämpfen, gerade in diesen wieder reaktionäreren Zeiten.


Haderer zu Gast in der Ausstellung "München lächelt“ am Donnerstag, 1. März, 19 Uhr, Galerie, Pasinger Fabrik (Am Pasinger S-Bahnhof), 10 Euro, AK