AZ-Interview Frank Busemann: "Ein Olympiasieg ist käuflich"

Frank Busemann holte bei Olympia 1996 Silber im Zehnkampf, ein Jahr später Bronze bei der WM. Er war der Anti-Doping-Vertrauensmann des Deutschen Olympischen Sportbundes. Foto: dpa

Nach den Enthüllungen über den wohl größten Dopingskandal überhaupt spricht Ex-Zehnkämpfer Frank Busemann (40) über die Mär vom sauberen Sport. Und warum er seine Kinder auf den Mond schießen würde...

 

AZ: Herr Busemann, sind Sie, der immer noch eines der Aushängeschilder der deutschen Leichtathletik ist, von der Veröffentlichung der unabhängigen Untersuchungskommission, die Russland vorwirft, seine Athleten systematisch gedopt zu haben, überhaupt noch schockiert?

FRANK BUSEMANN: So erschütternd es klingt, leider nicht mehr wirklich. Die Perfektion, die Perfidie überrascht, der Umstand an sich nicht. Es ist so: Heute sucht man nicht mehr die schwarzen Schafe, sondern die weißen. Das sind langsam die Exoten. Ich habe vor Jahren den Glauben an den sauberen Sport verloren. Ich glaube noch an den sauberen Sportler, dass es einzelne Athleten gibt, die ohne zu bescheißen Bestleistungen bringen. Betrug gehört leider seit tausenden Jahren zum Sport dazu. Falls er je Unschuld hatte, hat er die vor Ewigkeiten eingebüßt. Spätestens seit Marion Jones, die 160 Mal getestet wurde – und alle Proben hätten positiv sein müssen, es war aber keine – ist doch klar, wie sehr dieses System unterminiert worden ist.

Trotzdem hat dieser Skandal noch eine andere Qualität als alle anderen. Jetzt, da offenbar ist, dass der frühere Präsident des Weltverbandes, Lamine Diack, Millionen angenommen hat, um positive Dopingbefunde verschwinden zu lassen.

Das bedeutet schlicht, man kann sich seinen Olympiasieg kaufen. Wenn man nur genug Geld und Einfluss hat. So ist unser Sport heute. Nein, so ist unsere Welt. Noch vor ein paar Wochen konnte man mit dem erhobenen Zeigefinger auf VW und die verdorbene Wirtschaft zeigen. Aber der Sport ist nicht besser. Der Fifa-Skandal im Fußball oder Lance Armstrong im Radsport, der jahrelang mit seinem Gedope gedeckt wurde, jetzt die Leichtathletik. Man will seine Zugpferde nicht verlieren. In der Leichtathletik hatte man 1988 das Bauernopfer Ben Johnson. Da hat man vermeintliche Stärke demonstriert und den schnellsten Mann der Welt gesperrt. Heute weiß man, dass von den acht Finalisten im 100-Meter-Finale bei Olympia sieben des Dopings überführt sind.

Jetzt überlegt man, Russland von Wettkämpfen wie Weltmeisterschaft und Olympia komplett auszuschließen.

Der Gedanke hat Charme. Aber ich fürchte, er wird nicht umsetzbar sein, da gibt es viel zu viele Juristen, die darauf warten, dagegen vorzugehen. Und man muss zugeben, es würde viele Unschuldige treffen, wenn man das rigoros durchzieht. Außerdem zweifle ich am Nutzen. Wenn es so einfach wäre, hätte man schon lange einen sauberen Sport. Das mit Russland war sicher extrem, aber was ist mit den anderen Nationen? Sind die alle sauber? Es ist ja nicht so, dass die Russen alle Anderen extrem dominiert hätten. Und der Glaube, dass die russischen Athleten von der Natur so benachteiligt wurden, dass sie dopen müssen, um mit den anderen Nationen mithalten zu können, fehlt mir. Wahrscheinlicher ist, dass es fast überall nicht mit rechten Dingen zugeht.

Der Sport, der immer mit seinen Werten wie Fairplay geworben hat, hat seine eigenen Werte mit Füßen getreten.

Eher hat er sie als Fußmatte benutzt, ja.

Würden Sie Ihren eigenen Kindern noch raten, Leistungssport zu betreiben?

Ich traue mich kaum, es zu sagen, aber: Ja! Verdammt noch mal, ja! Was man im Sport, wenn man ihn ernst nimmt, wenn man ihn mit Respekt und Demut betreibt, für sein Leben lernt, ist einzigartig. Es kann dich – um ein bisschen pathetisch zu werden – zu einem besseren Menschen machen. Diese Werte werden dir in der Kindheit mitgegeben und davon profitierst du dein Leben lang. Meine Kinder wissen, dass sie, wenn sie jemals dopen würden, von mir so einen Arschtritt kriegen würden, dass sie ohne Zwischenstopp auf dem Mond landen würden.

Interview: Matthias Kerber

 

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