Bergläufer Anton Palzer spricht im AZ-Interview über seine Leidenschaft und Erfahrungen im Grenzbereich. "Bei 200 Metern tut's richtig weh."

AZ: Herr Palzer, am Samstag gehen Sie steil. Beim "Red Bull 400" in Bischofshofen, der WM im Skisprungschanzenlauf, gelten Sie als Mitfavorit. Der härteste 400-Meter-Lauf der Welt mit 140 Höhenmetern bergauf. Ab wann tut's denn so richtig weh?

TONI PALZER: Genau bei der Hälfte. Bei 200 Metern. Da ist der Aufsprunghügel am steilsten. Der Moment, wo dir das Laktat in die Beine schießt und sich deine Füße wie zwei große Vorschlaghämmer anfühlen. Brutal.

Wie stark ist dort das Gefälle?

79 Prozent. Schon streng steil.

Fällt man da nicht runter?

In Bischofshofen liegen auf den Kunstmatten immerhin Netze. Da kannst dich auch festhalten. In Titisee-Neustadt letztes Jahr war da eine reine Grasleitn. Wenn du da ins Rutschen kommst, dann gute Nacht, dann bist weg.

Haben Sie eine Strategie? Wie teilen Sie sich das Rennen ein?

Bischofshofen ist tückisch. Die Distanzen sind bei allen Schanzen, die wir laufen, immer 400 Meter. Auf großen Skiflugschanzen wie am Kulm oder in Planica ist der Start schon auf dem Aufsprunghügel. In Bischofshofen läufst aber die ersten 40 Meter noch im Flachen los. Heißt: Du darfst dich bloß nicht verleiten lassen, den Speed vom Flachen Vollstoff mit in den Hang reinzunehmen. Das kannst schon machen, aber dann holt dich das Leben ganz schnell wieder ein. Nach dem 79-Prozent-Stück wird's kurz flacher, aber nicht lang. Dann geht's über hingezimmerte Holzleisten auf den Schanzenturm hoch. Und das ist nochmal richtig heftig. 51 Prozent Steigung. Bis zum Schluss.

Laufen Sie das denn noch?

Du fängst da relativ bald das Gehen an. Zum Glück hat's da auch Geländer, wo du dich festhalten kannst. Dann arbeitest du mit den Armen und ziehst dich mit den Händen hoch, um die Füße zu entlasten. Man kann sagen, du bist im Allrad-Modus.

Mit Quali, Halbfinale und Endlauf müssen Sie in gut sechs Stunden gleich dreimal hoch.

Gut, aber da musst erstmal haushalten mit der Kraft und darfst nicht so viel Energie verpulvern. In der Quali reicht ja schon eine Zeit von rund sieben Minuten und im Halbfinale fünf.

Solche Zeiten sind ja mehr ein Spaziergang für Sie. Die Generalprobe in Bischofshofen letztes Jahr gewannen Sie in knapp über drei Minuten. Ihr härtester Widersacher ist auch diesmal der türkische Weltmeister Ahmet Arslan. Gibt es denn während des Rennens auch kleine Psycho-Tricks gegen die Konkurrenz?

Schon. Gerade nach den 79 Prozent, da sind die meisten total blau und kaputt und froh, wenn sie überhaupt noch einen Schritt gehen können. Das ist die Stelle, wo ich noch einen Zwischensprint einlege. 20, 30 Meter. Auch wenn's die Hölle ist. Aber wenn die das sehen, tut das denen richtig weh im Kopf. Bisserl Selbstvertrauen demonstrieren, die Gegner zermürben, immer ganz gut.

Insgesamt treten 1500 Teilnehmer an, Profis wie Sie, aber auch Hobbyläufer. Ihr Ernährungstipp für den Tag?

Nix besonderes. So eine Viertelstunde vor dem Start noch ordentlich Zucker und Energie zum Aufputschen, was kurzfristig wirkt und schnell ins Blut geht. Viel tät ich nicht bei den Strapazen nicht essen. Da wird's dir ganz schnell schlecht. An dem Tag lieber mal kein Gulasch oder Schnitzel zum Mittagessen.

Skispringen selbst hat Sie nie gereizt? Mal von oben nach unten?

Doch. Als Bub, so mit acht, neun, hab ich das zwei Jahre lang gemacht. Auf Dauer war's nix für mich. Jetzt mach ich eben Bergläufe und bin in Deutschland der einzige Skibergsteiger mit einem Förderplatz bei der Bundeswehr. Dazu super Sponsoren, dass ich als Profi davon leben kann.

Sie sind einer der weltbesten Skibergsteiger mit WM-Medaillen und mehreren Weltcup-Siegen. Geht's da auch auf Zeit?

Ja. Es gibt unterschiedliche Wettkampfformate, sagen wir, für 1000 Höhenmeter brauch ich so 32 Minuten.

Können Sie nicht mal halblang machen? Pressiert's Ihnen in den Bergen immer oder können Sie mit der Familie auch mal gemütlich wandern?

Das ist ein Irrglaube, dass Profisportler immer Vollgas geben müssen. Ich kann das schon auch genießen, die Berge sind meine Welt, meine Heimat, meine Kraftquelle. Für mich jeden Tag ein Traum, dass ich da unterwegs sein darf.

Donnerstag Nachmittag, zwei Tage vor dem Schanzenlauf in Bischofshofen, haben Sie noch eine spezielle Einheit gemacht.

Ja, an meinem Hausberg, dem Watzmann, die Ostwand hoch.

Mal eben die Ostwand. Wie lange haben Sie gebraucht?

Rauf bis zum Hocheck, das sind rund 2000 Höhenmeter, eine Stunde zwanzig.

Stimmt es, dass Sie auch den Rekord für die schnellste Watzmann-Überschreitung halten?

Ja. Start und Ziel an der Wimbachbrücke bei mir in der Ramsau, alles miteinander drei Stunden zehn Minuten.

Und was braucht der normale Bergsteiger dafür?

Zwei Tage. So ungefähr.