AZ-Gespräch Sylvia aus Uganda: Vertrieben wegen ihrer Liebe

Sylvia lacht nur selten: Zu tief sitzt der Schmerz über den Verlust ihrer Heimat und zu tief sitzt die Angst, dass ihre Freundin nicht mehr lebt. Sylvia hat seit zwei Jahren kein Lebenszeichen von ihr. Foto: min

Sylvia ist lesbisch. Deshalb wurde sie in Uganda verfolgt. Trotzdem soll sie abgeschoben werden. Die AZ hat Sylvia getroffen und mit einer starken Frau gesprochen.

München - Wie beweist man, dass man lesbisch ist? Sylvia (30) zuckt mit den Schultern. Denn genau das verlangt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) von der jungen Frau. Sylvia macht deshalb Fotos bei Feiern und Zusammenkünften mit Lesben, Videos, wie sie mit ihrer Gruppe "Flit" (Frauen, Lesben, Inter, Trans) tanzt. Denn wenn ihr das Bamf ein zweites Mal nicht glaubt, muss sie zurück dorthin, wo man ihr nach dem Leben trachtet, weil sie lesbisch ist.

Sylvia kommt aus Uganda, wo Homosexualität unter Strafe steht und wo Lesben und Schwule als Freiwild gelten. Uganda gilt als eines der homophobsten Länder der Welt. 2009 wollte die Regierung ein Gesetz durchbringen, nach dem Homosexualität unter Todesstrafe stünde. Wegen des internationalen Drucks und der Drohung, Entwicklungshilfe zu streichen, wurde das menschenverachtende Gesetz nicht umgesetzt. Homosexuelle Handlungen aber sind strafbar.

Vier Jahre hat Sylvia die Liebe zu ihrer Freundin Nampijja geheimgehalten. "Niemand wusste, dass wir ein Paar sind", sagt Sylvia. Mit 16 war sie mit einem 45 Jahre alten Mann zwangsverheiratet worden. Ihre Eltern waren früh gestorben, sie wuchs bei ihrer Tante auf. "Ich wusste schon immer, dass ich lesbisch bin, weil du immer weißt, wie du fühlst und liebst", sagt Sylvia mit ihrer leisen, ruhigen Stimme.

Sie bekommt zwei Kinder mit ihrem Mann und arbeitet als Masseurin. Dort trifft sie ihre große Liebe: Die gleichaltrige Nampijja ist unverheiratet. Heimlich beginnen die zwei Frauen eine Beziehung. "Sie ist eine verständnisvolle Frau, aber auch leidenschaftlich", sagt Sylvia. Wenn sie von ihrer Freundin spricht, treten Tränen in ihre Augen, ihre Stimme stockt.

In der Türkei werden Sylvia und Nampijja getrennt

Vor zwei Jahren erwischt der Ehemann das heimliche Liebespaar. Es kommt zu einem Kampf, der Ehemann ruft die Nachbarn herbei. Die Frauen fliehen aus dem Fenster, verfolgt von einer Meute. "Wir haben uns versteckt und sind zu Fuß in den Nachbarort zu einer Freundin." Auch die Freundin, die sie versteckt, ist in Gefahr. Mit einem Schlepper kommt das Paar in die Türkei. Doch weil sie ohne einen Cent Hals über Kopf geflohen sind, müssen sie ihre Schulden in der Türkei abarbeiten. Als Sylvia das der AZ erzählt, stockt ihre Stimme, sie kann nicht weitererzählen. Sylvia und Nampijja werden getrennt. Sie haben sich nie wieder gesehen oder gehört.

Vor knapp einem Jahr kommt Sylvia nach München, wo sie endlich frei leben kann – fast. "In der Flüchtlingsunterkunft weiß niemand, dass ich lesbisch bin." Sylvia arbeitet als Hausmädchen in einem Münchner Hotel, besucht einen Deutschkurs und tanzt mit der lesbischen Gruppe "Flit". Sie will sich hier ein neues Leben aufbauen, Freunde finden und Teil der Gesellschaft werden. "Die Deutschen haben viele Regeln, die ich nicht kenne. Aber ich will sie lernen und einhalten."

Ihr Asylantrag wurde abgelehnt

Doch jetzt fürchtet Sylvia, dass sie zurück ins homophobe Uganda muss. Denn das Bamf hat ihren Asylantrag abgelehnt. Darin heißt es, es sei nicht so gefährlich, eine Lesbe in Uganda zu sein. Sie können ja auch in eine andere Region umziehen. Zudem glaube ihr das Bamf nicht, dass sie lesbisch sei. Das Bamf äußert sich auf AZ-Nachfrage nicht zu dem Fall. Die Beratungsstelle Letra für lesbische Frauen unterstützt Sylvia und 30 weitere lesbische Frauen aus Uganda nun, gegen den abgelehnten Asylantrag vorzugehen. Sie haben einen Asylrechtsanwalt gefunden, der sich auf Homosexuelle spezialisiert hat.

Am Samstag um 17.30 Uhr tanzt Sylvia auf dem Angertorstraßenfest.Am Samstag um 17.30 Uhr tanzt Sylvia auf dem Angertorstraßenfest.

Von den 30 ugandischen Frauen konnten nur eine handvoll zum ersten Anhörungstermin mit einem Anwalt kommen – weil sie finanzielle Unterstützung von Freunden für den Rechtsbeistand bekommen haben. Die Asylanträge dieser Frauen werden anerkannt. Jene Frauen, die ohne Anwalt kamen, wurden alle abgelehnt. Psychologin Sara Schmitter von der Letra sagt: "Das ist völkerrechtswidrig. Das Bamf kümmert sich nicht um die persönliche Geschichte der Frauen, sondern möchte schlicht eine Quote erfüllen."

Sylvia hofft, dass ihrem Asylgesuch doch noch stattgegeben wird. Und dem der anderen lesbischen Frauen. "Wenn die Situation sich verbessert hat, möchte ich wieder zurück. Weil die Heimat Heimat ist." Da sie zur Zeit nicht arbeiten darf, hilft Sylvia ehrenamtlich in einem Seniorenheim. "Ich mag ältere Menschen", sagt sie lächelnd. Wenn sie eine Arbeitserlaubnis hat, will Sylvia eine Ausbildung zur Altenpflegerin machen. Vorausgesetzt, sie wird nicht in ihre homophobe Heimat zurückgeschickt.


Wer den Verein unterstützen möchte, kann an Lesbentelefon e.V., Stichwort "Flüchtlingshilfe", IBAN: DE64701500000013138 540, BIC: SSKMDEMM spenden.

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