AZ-Filmkritik "Wackersdorf": Empört Euch!

Landrat Hans Schuierer (Johannes Zeiler) arbeitet zuerst in seinem Amt gegen die WAA. Als die Regierung ihn entmachtet, wird er Teil der Widerstandsbewegung. Foto: if... Productions/E. Mosoni

Der Film "Wackersdorf" über den Widerstand gegen staatlichen Wahnsinn kommt zum perfekten Zeitpunkt – und er ist sehenswert.

 

"Wackersdorf" ist ein Begriff für sozialen Ungehorsam, für Widerstand gegen die rechtsbrechende bayerische Staatsregierung, die in der Oberpfalz eine für die Industrie lukrative atomare Wiederaufbereitungsanlage (WAA) plant. Nicht nur gegen den erklärten Willen der Einheimischen, sondern auch gegen die Stimmung im Land.

Aus der 1981 gegründeten "Bürgerbewegung Schwandorf" entstand Mitte der 1980er Jahre eine riesige Protestbewegung in Deutschland gegen Atomkraft und Politikerbevormundung. Die bürgerkriegsähnlichen Bilder von eskalierender Gewalt und Polizisten, die Hüttendörfer platt walzten und CS-Gas gegen Demonstranten, darunter Familien mit Kindern, einsetzte, gingen um die Welt. Laut Franz Josef Strauß waren das alles "Spinnerte" und "Chaoten".

Landrat Hans Schuierer als Symbolfigur

Oliver Haffner zeigt nicht nur spektakuläre Aktionen, sondern auch den Riss in Familien, Beziehungen und Freundschaften. Im Mittelpunkt steht eine Symbolfigur, der Landrat Hans Schuierer (Johannes Zeiler), der erst auf wirtschaftlichen Aufschwung in der strukturschwachen Gegend und auf 3.000 versprochene Arbeitsplätze hofft, dann an der staatlich verordneten Verharmlosung zweifelt und es wagt, sich gegen Strauß & Co. zu stellen. Wegen seiner freien Meinungsäußerung und der Weigerung, seinen Namen für das Projekt herzugeben, warf man ihm einen "Sabotageversuch" vor und drohte mit Rauswurf aus dem Amt. Die "Lex Schuierer", die die Landräte entmachtet, gilt heute noch.

Im Mai 1989, drei Jahre nach dem Supergau von Tschernobyl, wurde das Ende von Wackersdorf verkündet, nicht aus Einsicht, sondern weil die WAA im französischen La Hague wohl billiger war. Man kriegt jetzt noch Wut über die Politiker in den Archivaufnahmen, die 1986 die Gefahr der atomaren Wolke aus Tschernobyl klein redeten, statt die verunsicherten Menschen zu warnen.

Und wenn sie nicht gestorben sind (wie Franz-Josef Strauß oder der damalige deutscher Innenminister Friedrich Zimmermann), dann lügen sie noch heute. Einige sind schließlich immer noch in Amt und Würden. "Wackersdorf" ist bis in die kleinste Nebenrolle gut besetzt. Von der in Schwandorf aufgewachsenen Anna Maria Sturm als Schuierers anfänglicher links-alternativen Gegnerin über Sigi Zimmerschied als an der Weißwurst zuzelnder Staatsminister bis hin zu Fabian Hinrichs: Der ist in seiner schmierigen Schleimerei als Atom-Lobbyist nicht zu toppen.

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt

Der Dialekt sorgt für Authentizität wie auch die differenzierte Figurenzeichnung und das genaue Gefühl für Atmosphäre. Neben dem eingesetzten Original-Bildmaterial hätte man sich allerdings noch ein paar Ausschnitte aus Bertram Verhaags und Claus Strigels vielfach ausgezeichnetem Dokumentarfilm "Spaltprozesse" gewünscht, mit Originalaufnahmen der Demos gegen den von oben verordneten Wahnsinn und mit den mutigen Menschen vor Ort. Aber auch so ist der spannende Politkrimi und die Lektion in Zivilcourage und Bürgerengagement aktueller denn je, wie auch die Erkenntnis: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt.

Und wenn man die heutigen Bilder der Rodung und Räumung des Hambacher Forstes für eine Braunkohlenverstromung von vorgestern sieht, weiß man: Die Politik als Büttel privatwirtschaftlicher Interessen hat nichts aus Wackersdorf gelernt – eine Schande.


Kinos: Atelier, Solln, Monopol, Münchner Freiheit, Maxim, Rio, R: Oliver Haffner (D, 104 Min.)

Am Sonntag (20.30 Uhr) stellen der Regisseur und Johannes Zeiler, Anna Maria Sturm, Andreas Bittl und Sigi Zimmerschied den Film im City Kino persönlich vor

 

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