AZ-Filmkritik "The House That Jack Built": Höllentrip ins bilderreiche Nichts

Der psychopathische, penible Mörder (Matt Dillon) jagt seiner Freundin "Simple" (Riley Keough) erst einmal Angst ein. Foto: Concorde

Horrorthriller über einen Serienmörder: Lars von Triers behauptete Reflexion über Kunst und Gewalt ist in "The House That Jack Built" nur noch leer.

Dieser Mann war immer unter Beschuss: als Frauenfeind, weil seine weiblichen Figuren sich opfern (Emily Watson in "Breaking the Waves" oder Björk in "Dancer in the Dark"), Sklavinnen sind (wie Nicole Kidman in "Dogville"). Oder sie sind Rabenmütter-Hexen wie Charlotte Gainsbourg in "Antichrist", die in "Nymphomaniac" dann auch gleich eine kalte Sexbesessene spielte.

Hinzu kam, dass Lars von Trier oft den Zuschauer mit extremer Grausamkeit konfrontiert. Und vor sieben Jahren schoss der Däne dann auf einer Pressekonferenz in Cannes den Vogel ab, als er zu seiner obsessiven Verwendung von Wagnermusik im Film "Melancholia" (mit einer depressiven Kirsten Dunst) absurderweise erklärte: "Ok, ich bin ein Nazi."

Diesmal geht etwas schief

All die durchaus teils berechtigt aufgewirbelten Diskussionen verdeckten aber oft, dass Triers Filme etwas ganz Besonderes, auch Wertvolles waren: visuelle Meisterwerke, intellektuelle Spiele, bewegende Melodramen, tiefenpsychologische Fragesteller. Doch diesmal ist etwas komplett schief gegangen.

Matt Dillon spielt in "The House That Jack Built" den Massenmörder Jack, der durch eine etwas penetrante Anhalterin (Uma Thurman) auf den Geschmack kommt, Menschen umzubringen – vorwiegend Frauen, aber auch mal eine ganze Familie, auf die nach einem gemeinsamen Waldpicknick eine "Hasenjagd" veranstaltet wird.

Die Morde sind Kunstwerke

Zu den Morden hört man aus dem Off die Fragen eines Mannes (Bruno Ganz), der sich Verge nennt. Er klingt nach einem Psychiater, könnte aber auch die innere Reflexionsstimme des Mörders sein.

Vor der letzten halben Stunde gibt es einen Stilbruch vom bisherigen Gewaltrealismus in eine Kunstwelt. Denn am Ende werden dieser mephistophelisch schwarz gekleidete Verge – der nicht zufällig wie der römische Dichter Vergil heißt – und Jack, der jetzt einen rot-samtenen Dante-Mantel trägt, in eine Lavahöhlen-Hölle hinabsteigen.

Und weil Jack erklärt, seine Morde seien eigentlich Kunstwerke, geht es in den Beicht-Dialogen zwischen Jack und dem unbestechlichen Verge auch um Kunst.

Keine Entwicklung beim Mörder

Aber in "The House That Jack Built" funktioniert das Triersche Zuschauerexperiment, uns schockiert zu bannen, nicht mehr: Das beginnt schon damit, dass sich bei den sadistischen, zwanghaft penibel ausgeführten Serienmorden Ermüdung einstellt. Denn zwei Stunden lang gibt es keinerlei psychologische Entwicklung beim Täter.

Angedeutet werden nur mangelnde Liebe in der Kindheit und der Komplex, als Bauingenieur kein Architekten-Künstler sein zu können. Aber das schafft weder eine glaubwürdige Tatmotivation noch einen interessanten Überbau für den zu ertragenden Dauerstress der Gewalt.

Der Filmt bleibt abstoßend und flach

Trier überspielt diese mangelnde Tiefe mit kunstgeschichtlichen Anspielungen. Denn Jack sucht wie ein Marquis de Sade Erlösung in kunstvoller Gewalt. So hat Lars von Trier beim Höllensturz dann viele Bildassoziationen vom Sensenmann über Van Goghs Mühlen bis zum "Floß der Medusa" von Géricault eingebaut, zuvor schon kurz Hitler-, Speer- und Stuka-Angriffsbilder aus dem Zweiten Weltkrieg zwischenmontiert. Nur weder fasziniert noch irritiert das in seiner Gewolltheit.

Die Verbindung von Kunst und Gewalt, die Behauptung vom Mörder als Künstler bleibt leer und der Film dadurch trotz mancher imposanten Bildeinfälle abstoßend und erschreckend flach.


Kino: ABC, Gabriel, sowie Atelier, Monopol (auch OmU) und Museum (OV), R: Lars von Trier (Schweden/F/D 153 Min.)

 

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