AZ-Filmkritik "Nico. 1988": Eine Gefallene am Limit

Genial: Trine Dyrholm spielt Nico. Foto: FKT

"Nico, 1988" die letzte Tour der Sängerin: ein grandioses Spielfilm-Denkmal.

Alle wollen nur was von The Velvet Underground wissen. Auch über zwanzig Jahre nach dem gemeinsamen Album mit der Kultband ist Nico (Trine Dyrholm) für viele nur "Lou Reeds Femme fatale". Dass sie seitdem auch selbst großartige Musik veröffentlicht hat, ist einigen Journalisten nicht mal bewusst. Und wie ein großer Star wirkt sie auch nicht. Sie ist gezeichnet von ihrer Heroin-Abhängigkeit und dem Suizidversuch ihres Sohnes, tingelt mit einer Amateurband durch kleine Clubs Europas und scheint von ihrer Karriere nichts mehr zu erwarten.

Regisseurin Susana Nicchiarelli bringt mit dem großartigen "Nico, 1988" einen intensiven Einblick in die letzte Tour der großen vergessenen Sängerin auf die Leinwand.

Nico wurde 1938 als Christa Päffgen in Köln geboren. Nach Anfängen als Model und Schauspielerin traf sie in New York auf Andy Warhol, der sie The Velvet Underground und somit der Musik nahe brachte. So lernte sie für kurze Zeit den Glamour und die Dekadenz der Kunstszene kennen, konnte aber mit dem Erfolg ihrer ehemaligen Bandkollegen nicht mithalten. Dabei war ihr düsterer Mix aus Folk, Pop und experimenteller Musik für die damalige Zeit einmalig.

Damokles-Schwert schwebt über Tour

Die düstere Atmosphäre ihres Werks fängt der Film perfekt ein. Über der gesamten Tour schwebt ein Damokles-Schwert. Jede Kleinigkeit kann das Aus bedeuten. Den Auftritt in Rom beendet sie lautstark auf offener Bühne, da der ebenfalls drogensüchtige Gitarrist sein Instrument nicht mehr beherrscht. Die Hotelbuchung wurde vermasselt, also schläft die ganze Band in der Wohnung des Veranstalters. Und am Ende steht und fällt alles mit dem Heroinnachschub. Für alle Beteiligten wird diese Tournee zur psychischen und physischen Zerreißprobe.

Doch dazwischen streut Nicchiarelli sanfte Momente. Die Szenen mit ihrem Sohn Alex (Calvin Demba) sind durchzogen von einer tiefen Geborgenheit, die beide suchen, jedoch nicht zu fassen bekommen.

Immer wieder spielt dann die Vergangenheit eine Rolle, Nicos Kindheit im ausgebombten Deutschland und die Suche nach dem Klang dieser Zeit. Das absolute Highlight in diesem Film ist jedoch Trine Dyrholm, die Nico kongenial verkörpert. Nicht nur beherrscht sie ihre Rolle vollkommen, sie spielt sie auch ohne Rücksicht auf Verluste. Sie macht aus Nico keinen Rockstar-Mythos, sondern zeigt sie als Gefallene, als Opfer des Künstlerdaseins. Und dann schafft es sie in den Konzertszenen wieder zu zeigen, welche Aura von dieser Frau und ihrer Musik ausging.

"Nico 1988" ist nicht nur für ihre Fangemeinde gemacht - nach diesem Film gesellen sich hoffentlich noch ein paar Leute mehr hinzu. Nicchiarellis Werk ist ein Muss für die Liebhaber intensiven und aufreibenden, packenden Kinos.


Kino: City, Monopol, Isabella (alle OmU) B&R: Susanna Nicchiarelli (I,B, 93 Min.)

 

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