AZ-Filmkritik "Mord im Orient-Express" - Der Zug voller Stars ist abgefahren

Regisseur und Darsteller des Detektivs Hercule Poirot: Kenneth Branagh. Foto: Fox

Unter schwierigen Voraussetzungen: Die Neuverfilmung von Agatha Christies "Mord im Orient-Express" von Kenneth Branagh mit einem Allstar-Cast.

 

Hercule Poirot braucht Urlaub. Der belgische Meisterdetektiv hat gerade einen Fall gewohnt genial gelöst, und auf der Fahrt im luxuriösen Orient-Express von Istanbul nach Calais will er jetzt einfach mal ausspannen, den pompösen Bart und die schrulligen Zwänge pflegen und vergnügt glucksend Charles Dickens lesen. Aber daraus wird natürlich nichts. Denn was passiert für gewöhnlich im Orient-Express? Genau: Mord.

Der Fall lag eigentlich längst bei den Akten: 1934 ließ Agatha Christie die Detektiv-Figur das Rätsel um den Toten im Zug lösen. 1974 spielte Sidney Lumet die Auflösung des "Mord im Orient-Express" in einem erfolgreichen Film noch mal durch. Agatha Christie besuchte die Premiere – es war der letzte öffentliche Auftritt vor ihrem Tod 1976 – und gab dem Film ihren Segen.

Mehrere hochkarätige Weltstars im Cast

Jetzt schickt Regisseur Kenneth Branagh den glamourösen Zug wieder auf die Reise. Und diesen Poirot, dem einfach keine Entspannung vergönnt ist, spielt er selbst. Der Detektiv befragt also noch mal die zwölf Reisenden, die alle als Mörder in Frage kommen, und als eine Lawine den Zug im jugoslawischen Gebirge entgleisen lässt, hat er alle Zeit der Welt dazu. Sämtliche Passagiere machen sich verdächtig, keiner scheint der zu sein, für den er sich ausgibt. So weit, so bekannt. Also: Muss dieser Fall im Kino noch mal aufgerollt werden?

Immerhin buchten sich gleich mehrere Weltstars im Orient-Express ein. Michelle Pfeiffer spielt eine attraktive Witwe, erstaunlich kleine Rollen übernahmen Judi Dench (als arrogante Prinzessin), Penélope Cruz (als asketische Missionarin mit irre flackerndem Blick) und Willem Dafoe (als österreichischer Professor). Das zwielichtige Mordopfer spielt Johnny Depp.

Alles ist schön anzuschauen: die glamouröse Ausstattung des Zuges, der Istanbuler Bahnhof, der komplett nachgebaut wurde, auch die Landschaften, durch die der Zug tuckert. Dafür wurden keine Mühen gescheut: Branagh drehte analog, auf dem kaum noch verwendeten 65mm-Film, wofür die Produktionsfirma eigens ein Labor in London errichtete. Und am Entwurf von Hercule Poirots Schnurrbart arbeitete die Hair & Makeup-Abteilung Monate.

Was aber fehlt, ist eine Idee, wie dem Stoff irgendetwas Neues abzugewinnen ist. Das Drehbuch von Michael Green ("Blade Runner 2049") fügt der Vorlage nichts Entscheidendes hinzu. Und das ist ein großes Problem. Denn "Mord im Orient-Express" ist ein klassischer "Whodunnit"-Krimi, alles läuft auf die Lösung des Falls hinaus – und weil die sehr originell ist, wird sie niemand vergessen, der den Krimi schon mal gelesen oder gesehen hat. Bei einem großen Teil des eher älteren Zielpublikums wird das der Fall sein, und so wird bei diesen Zuschauern wenig Spannung aufkommen.

Altmodisch und aus der Zeit gefallen

Auch entfaltet sich keine klaustrophobische Stimmung, zumal Branagh seine Figuren immer wieder aus dem engen Zug aussteigen lässt, um in der Gebirgslandschaft frische Luft zu schnappen. Vor allem aber wirkt die Figur des Hercule Poirot altmodisch – und zwar im negativen Sinn. Der Detektiv hat nicht etwa nur die Gabe, winzige Details zu beobachten und zu deuten und mithilfe seiner vielzitierten "kleinen grauen Zellen" kunstvoll zu kombinieren. Nein, er durchleuchtet die Verdächtigen quasi mit übersinnlichem Blick und durchschaut ihre Lügen und Geheimnisse wie von selbst. Das wirkt auf die Dauer etwas albern.

Dieser intellektuelle Superheld von 1934 ist schlichtweg aus der Zeit gefallen. Als Zuschauer hat man sich in den letzten Jahrzehnten an die Vermenschlichung des Krimi-Personals gewöhnt, an Detektive aus Fleisch und Blut, die oft Abgründe, zumindest aber menschliche Züge haben. Hercule Poirot bleibt aber comic-artig: einer, der an seinen Ordnungszwängen nicht leidet, sondern sie vergnügt zum Markenzeichen erhebt, einer, der der verflossenen Geliebten nicht nachtrauert, sondern ihrem Bild heiter zuzwinkert.

Als er den Orient-Express nach getaner Genie-Arbeit verlässt, wird er schon zum nächsten Fall gerufen: Eine arme Seele ereilte der Tod auf dem Nil! Kenneth Branagh hat schon angedeutet, sich weitere Filme mit Hercule Poirot vorstellen zu können. Doch auch wenn "Mord im Orient-Express" einige charmante Lacher hat: Wir wünschen dem Meisterdetektiv einen schönen, gern auch längeren Urlaub.


Kino: Solln, Cinemaxx, Münchner Freiheit, Royal sowie City, Gabriel, Mathäser (auch OmU), Monopol (OmU) und Cinema, Museum (OV)
Regie: Kenneth Branagh (USA, 110 Min.)

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